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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-15 · Heft 38 (15.9.1868) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 38 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 770 (sequence 20)
Language
German
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Vergleichende Studien über den Talmud. Don David Oppenheim, Rabbiner in Gr.-Becskerek. XM. Nie voreiligen Wünsche. Es sind oft eigenthümliche Erscheinungen, die uns manche sinnreiche bei verschiedenen Völkern angetroffene Apologen, welche aus einer Quelle herzustammen scheinen, darbieten. Man erkennt die gleiche Abstammung von denselben und dennoch ist die Einkleidung eine völlig verschiedene, so daß man eine neue Schöpfung vor sich zu haben glaubt. Keiner würde z. B. glauben, daß sich ein bunter Schmetterling aus einer Raupe entpuppe und daß beide so nahe verwandt seien, wenn uns nicht die Natur diese wunderbare Metamorphose täglich in tausenderlei Gestalten vorführte. In den poetischen Gebilden der Nationen lassen sich ähnliche Wahrnehmungen machen. So verschieden manche Apologen dem Anscheine nach auch sind, so verrathen sie doch, wenn man auf den Uranfang zurückgeht, einen und denselben Ursprung. 3n den beiden folgenden Fabeln glauben wir dies am besten Nachweisen zu können. Bei Aesop und Locman lesen wir die bekannte Fabel: „Der Greis und der Tod", die uns die etwas wässerige Moral zum Besten giebt, daß der Mensch immer das Leben dem größten Elende vvrzieht. „Ein Greis fällte im Walde Holz und nahm es dann auf seine Schultern. Gebeugt von der schweren Last, warf er das Bündel Holz zur Erde nieder und rief den Tod an, daß er kommen möge. Der Tod stellte sich sogleich mit den Worten ein: Hier bin ich! Was wünschest du? Darauf entgegnete schnell der Greis: Hebe mir doch die Last auf und lege sie mir auf den Rücken." Der Midrasch Esther 3. 14 bietet uns eine interessante Parallele, die eine treffliche Moral übel unzeitige und voreilige Wünsche, deren Erfüllung oft nur Nachtheil bringt, enthält. „Ein Mann machte einst eine Reise. Ermüdet von dem langen beschwerlichen Wege, versagten ihm seine Füße den Dienst, so daß er kaum weiter konnte. Ach, rief er stöhnend aus: hätte ich doch jetzt einen Esel da! Kaum entfuhr dem Müden dieser Seufzer, als ein Römer vorbeigezogen kam, deffen Esel soeben ein junges Fohlen geworfen hatte. Nimm schnell den jungen Esel, herrschte der Römer den Unglücklichen an, und trage ihn auf deinen Schultern weiter! O, ich Unglücklicher, klagte jetzt derselbe, mein thörichter Wunsch ist in Erfüllung gegangen — und ich muß nun anstatt vom Esel getragen zu werden, denselben auf dem Rücken selbst tragen!" Viele Leser werden sich hier an das pikante Märchen: „Die drei Wünsche" von Hebel erinnern, das mit der Erzählung des Midrasch gar viel Aehnlickkeit hat. Jedenfalls wird man der Darstellung deS Midrasch die Priorität einräumen, weil dieselbe gleichsam aus dem Leben gegriffen ist. Die Grausamkeit des übermüthigen Römers ist weit natürlicher, als die Bereitwilligkeit des Todes bei Aesop und die launenhafte Gefälligkeit des Bergfei's bei Hebel. Psychiatrisches. Die Heil-und Pflegeanstalt Jllenau im Großherzogthum Baden veröffentlichte vor einiger Zeit Beiträge zur Statistik der inneren Verwaltung, den Zeitraum von 20 Jahren umfassend. Die Genauigkeit und Vollständigkeit der in dieser langen Zeit und bei einer hinlänglich großen Zahl von Irren gewonnenen Erfahrungen macht diese um so werthvoller, so daß eine kurze Mittheilung auch in diesen Blättern ganz gerechtfertigt erscheint. Hinsichtlich der Confession ergiebt sich aus diesen Beiträgen, daß auf 100000 Israeliten jährlich 22,5 Aufnahmen und Wiederaufnahmen, bei den Evangelischen 12,8, bei den Kathollken 12,6 kommen. Von Einfluß ist hier ohne Zweifel der Gegensatz von Stadt und Land, welcher bei den Katholiken weniger zur Geltung kommt als bei den Evangelischen und Israeliten. In den Städten kommt nämlich 1 Auf- und Wiederaufnahme jährlich auf 4830, auf dem Lande auf 8920 Seelen, und es ist dieses Verhältniß gefunden, indem alle als Städte bezeichnten 114 Orte, worunter sehr kleine, berücksichtigt wurden. Legt man deren Bevölkerung zu Grunde, so besteht die städtische Bevölkerung aus 118000 Evangelischen, 205500 Katholiken und 9280 Israeliten, also 27,3 °/o s Evangelische), 23,4 °/o (Katholiken), und 39,4 °/o (Israeliten) der Gesammtbevölkerung; läßt man aber den städtischen Charakter nur für die Städte mit über 3000 gelten, so stellt sich ein Verhältniß von 86000 Evangelischen, 100300 Katholiken und 5600 Israeliten heraus --- 19,9 % 11,4 o/o und 23,8 >. Diese Zahlen sprechen deutlich dafür, daß der Einfluß der Religion auf die Häufigkeit der Geisteskrankheit wohl nur ein scheinbarer ist, und daß in Wirklichkeit in diesen Zahlen (die Confession betreffend) nur das Verhältniß von Stadt und Land zu Tage tritt. Bei den Israeliten werden auch das häufigere Heirathen unter Verwandten, sowie die mit den Handelsgeschäften verbundenen Spannungen und Wechselfälle nicht ohne Einfluß sein. Dr. B. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. SB. Hirschfeld. Veranmortlicher Redakteur ör. H. Lotze.

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