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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-15 · Heft 38 (15.9.1868) · p. Seite 768

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 38 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 768 (sequence 18)
Language
German
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der von Blüthe zu Blüthe flattert, und den Dust und den Saft der Blume kostet, sondern wie die Biene, die den Honigseim aussaugt und ihn nach Hause trägt, um sür die kommende Zeit den köstlichen Vorrath zu sammeln; ist doch der Schmetterling stumm, und die Biene summt fröhlich bei ihrer Arbeit; und der Farbenschmelz des Schmetterlings schwindet bei der leisesten Berührung, aber die Biene hat ihren Stachel, um sich zu vertheidigen; jener vergeht nach wenigen Tagen, diese überdauert die Stürme des Herbstes. Und worin besteht diese Freudigkeit am Leben, und wodurch wird sie erhalten und erhöht? Allein durch das Bewußtsein des göttlichen Theils in unserer Natur und des innersten Zusammenhanges unseres Wesens mit Gott; durch die Gewißheit des sittlichen Werthes unseres Daseins und aller seiner Kundthuungen. Diese Freudigkeit findet in den Mühsalen ihre Stärkung, in den Trübsalen ihre Förderung, denn sie überwindet sie beide und weiß sich durch beide höher gehoben und dem Ziele näher gebracht; diese Freudigkeit wird durch die Täuschungen nur befestigt, denn sie erkennt darin die Erfahrung, die uns das Wahre und Echte vom Schein und vom Trug unterscheiden lehrt, und alle Erkenntniß des Wahren und Echten stärkt und veredelt uns. Der Gedanke des Todes schreckt sie nicht und entnervt nicht ihre Thatkraft, sondern lehrt sie nur, daß das Leben ausgelebt und alle Kraft, die uns verbleibt, ausgenutzt werden müsse, und daß das wahre Leben das Streben ist, unbekümmert um den Erfolg, denn nicht dieser, sondern der Inhalt des Strebens macht den Werth aus, und wenn unsere Werke uns überdauern, und sei es auch nur einige Zeit, so bilden sie doch das Fundament für das folgende Geschlecht, und ihre Tragweite dehnt sich so unmeßbar aus. Ist das alles so, und wer vermöchte es zu läugnen, dann haben auch jene Feste der Religion, also jene Pforten, durch die wir jährlich schreiten, mit ihren Inschriften, ihre große Wirkung, ihre unerschöpfliche Bedeutung, denn, tief oder oberflächlich, sie wenden Jedweden, sei es auch nur auf kurze Zeit, vom Scheine und Truge ab, und schaffen in ihm jenes Bewußtsein, aus welchem die Freudigkeit am Leben immer wieder ersprießt. Ich habe nie gehört, daß sie Einen, und zwar den Eifrigsten, in Verzweiflung oder nur in Verzagtheit versenken, und es war immer eine Freude für mich zu beobachten, mit welcher Freudigkeit und innerer Befriedigung die Masse der Glaubensgenossen, und zwar die Eifrigsten am meisten, aus diesen Tagen und ihrer Feier herausgehen. Dies ist die eigentliche Lösung des Räthsels und die rechte Erklärung des Geheimnisses. Und so wünschen wir unfern Lesern, daß sie mit diesen Gedanken und Gefühlen in die heiligen Feste eintreten, die uns bevorstehen. Allerdings wollen wir nicht verschweigen, daß, namentlich am Rosch-haschanah-Feste, noch ein anderer Gedanke die Mehrzahl der Glaubensgenossen beherrscht, nämlich die Bitte und das Verlangen , daß ihnen im nächsten Jahre Leben und Gesundheit und die Fülle der Glücksgüter, was man so zu uennen pflegt, zu Theil werden mögen, und alle Sorgen und Schrecken und Verluste fern bleiben. Es ist dies eine Schwäche der menschlichen Natur, welche den eigentlichen Zielen dieser Feste einigen Abbruch thut. In der Tiefe jedoch liegt auch hierin der Gedanke der Abhängigkeit von der göttlichen Vorsehung, und daß wir uns nicht als u»- umschränkte Herren unseres Geschickes fühlen. Und um dieses Gedankens willen bekennen auch wir uns schwach genug, um für unsere Leser jene Wünsche -zu hegen und hiermit auszusprechen. Die Karaiten in Rußland. (Schluß., Die Kleidung der Karaiten ist durchweg tatarisch bis auf die Kopfbedeckung bei den Männern, wo hier und da der Kolpak durch eine Mütze oder einen Hut ersetzt wird. Im Ganzen sind sie meist fein und gewählt, zuweilen sogar kostbar gekleidet, und der Anzug der karaitischen Damen ist ebenso anmuthig wie zierlich, besonders an Festtagen. Die Männer sind rasirt bis auf einen Kinnbart und einen Backenbart, der sich in einer schmalen Linie von den Mundwinkeln bis zu den Ohren hinzieht und den Karaiten von dem vollbärtigen Tataren, dem er in seinem Aeußern sonst vollständig gleicht, kenntlich macht. Die verheirateten Frauen tragen ihr langes, meist glänzend schwarzes Haar in breiten Flechten gewunden und mit Perlen geziert; bei jungen Mädchen dagegen hängt das Haar in kleinen, zierlich geflochtenen und mit Bändchen und Goldfäden durchzogenen Zöpfen über Nacken und Schultern herab. Die Speisen der Karaiten bestehen meist in Hammelfleisch oder Geflügel, gebraten oder mit Reis gekocht. Gemüse nach der Jahreszeit, Früchte, eingemachtes Obst, Konfitüren, Honigkuchen, feines Backwerk findet sich stets in Menge auf ihren Tafeln und als Getränk genießen sie außer Thee und türkisch bereitetem Kaffee auch Wein und Liqueure, aber diese nur in sehr kleinen Quantitäten, und ein berauschter Karait ist etwas sehr Seltenes. Die religiösen Anschauungen der Karaiten haben neben dem rein Mosaischen einen Anflug von Mohammedanismus. „Werke der Frömmigkeit, enthaltsam und mäßig sein und die Hand zuin Geben stets offen haben, das ist, wie Rabbi Jusuf sagt, der Inbegriff der karaitischen Religion." Wie der äußere Gottesdienst dem türkischen Gottesdienst ähnelt, so gleichen auch die Synagogen in ihrer Anlage und Einrichtung ganz den Moscheen, und nur die abgesperrte Frauengallerie und der Gesetzesschrein macht sie vor diesen kenntlich. Sonst ist der Fußboden der Synagoge durchweg mit Teppichen belegt, und diese werden nur ohne Fußbekleidung betreten, ganz wie be;

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