Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1868)
- Date
- 1868-09-15
- Page
- Seite 767 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226674--26454-3261996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lIg e«eine Zeitung des Zudenthums. FeuiUrton-Leilage zu Nr. 38. Leipzig, den 15. September. 1868. Ein Festwort. Welch' unergründliches Geheimniß des Lebens! „Hat der Mensch nicht Dienst auf Erden? sind wie Löhners Tage seine Tage nicht? Gleich dem Knechte schmachtet er nach Schalten, gleich dem Löhner harrt er seines Lohnes." lHiob 7, 1. 2.) Und dennoch liebt der Mensch dieses Leben mit unerschöpflicher Liebe, und je länger er lebt, je mehr er von den Mühsalen getragen uud von den Täuschungen erlitten, je mehr er sich bei abnehmender Kraft, bei verminderter Herrschaft über die Organe des Lebens begnügen muß mit dem, was ihm geblieben, desto mehr hängt er an diesem Leben und umklammert es mit allen Fibern und Fäden seiner Seele! Und noch ein Anderes. Der Mensch weiß es, denn er sieht es täglich um sich her, daß das Ende dieses Lebens nahe ist; er weiß es, daß es heute wie morgen eintreten könne — aber das hindert ihn nicht, so zu leben, so zu arbeiten, sich zu mühen und anzustrengen, so zu streben, zu wirken und zu schaffen für den Erwerb, für die Ehre, für den Genuß, für seine Ideen, wie wenn er ewig leben würde auf dieser Erde; erbaut immerfort an seinem Hause, obschon er es nächstens verlassen wird, er thut, als ob dies seine Heimath sein werde für immer. Freilich sagt man, und mit Recht: all' dies ist weise eingerichtet vom Schöpfer, denn wer wollte das Leben ertragen, ohne es zu lieben? und wer würde arbeiten, außer für das tägliche Brod, wenn er den Gedanken des Todes seine Seele beherrschen ließe allezeit? Aber dagegen läßt sich einwenden, wenn es so ist, warum hat aus überhaupt der Schöpfer das Wissen gegeben, daß das Leben so beschwerlich, seine Dauer so vergänglich, sein Genuß so flüchtig, sein Erwerb so eitel, sein Streben so erfolglos, sein Erreichen so mangelhaft ist? Die Religion Israels hat ihren Bekenner Jahr für )ahr, am Eingang jedes neuen Jahres zwei Pforten mfgerichtet, die er durchschreiten muß, auf der einen steht >ie Inschrift: Prüfe dich und erkenne dich selbst! auf der luderen stehen die Worte: Kehre um, gleiche das Böse' n deinem Wesen und Thun aus, und strebe nach Verohnung vor Gott! Und wahrlich, diese Pforten müßten nickst blos für den Bekenner des JudenthnmS, sondern für alle Menschensöhne errichtet sein. Und dennoch, was nützet dies? Alle diese, welche jene Pforten durchschreiten, wenden sie das Auge ihres Geistes wirklich in die Falten ihres Herzens, und durchforschen dieses? oder lassen sie es darüber hinwegschlüpfen und bilden sich ein, daß gar keine Furchen und Brandmale an ihrer Seele seien? Und reichen sie wirklich ihre Hand zur Versöhnung den Nächsten, die sie beleidigt und beschädigt haben, in dieser Hand die Opfer der Ausgleichung, den Ersatz der Schädigung tragend? und wohnt wirklich Zerknirschung und Demüthigung vor Gott in ihren Geistern und die Sehnsucht, nicht blos daß ihrer Fehle vergessen werde, sondern auch daß ihre zukünftigen Tage rein und gelautert und mit Bewußtsein und Anstrengung allem Bösen abgewendet seien? Flüchtige Momente! Schnell entschwundene Erregungen! Bald vergessene Gedanken und Vorsätze! Sind jene Pforten durchschritten, so versenkt sich jedweder wieder in den Strom und Strudel des Lebens, die dahin fluthen und wogen, bis^ abermals eine Sonnenwende erreicht ist. Aber da sagt man: das ist ja Alles Schwermuth und Trübsinn. Nicht dazu hat der Schöpfer, der die Liebe ist und aus Liebe geschaffen hat, den Menschen in's Dasein gerufen, sondern für die Freuden des Lebens. Ist es nicht genug, daß wir die meisten dieser erst erarbeiten, erst aufsuchen und erobern müssen, als daß wir sie immerfort durch das Vergrößerungsglas betrachten sollen, um uns ihrer Natur, ihrer Beschaffenheit, ihres Werthes und ihrer Wirkung zu vergewissern, bevor wir sie uns aneignen? Der Sinn des Menschen bleibt doch nur auf den Augenblick gerichtet, und wenn er dessen allein Herr ist, so thut er recht daran. Aber hierin liegt nur eine halbe Wahrheit. Nicht die Freuden des Lebens, die zumeist doch nur Rausch sind und denen so oft der Jammer folgt, sind es, für welche der Mensch geschaffen, sondern die Freudigkeit am Leben, daß wir es als ein hohes Gut schätzen, durch welches wir noch Höheres erreichen können, daß wir uns des Lebens froh bewußt seien und es freudig besitzen, daß wir uns des Strebens in ihm, des Erreichend, soviel uns davon wird, und des neuen Strebens, das sich daran knüpft, erfreuen. Nicht wie der Schmetterling, sm