Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1868)
- Date
- 1868-09-15
- Page
- Seite 753 (sequence 3)
- Language
- German
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753 seinem Laufe durch die Jahrhunderte ganze Flüsse, bis es zu einem breiten Strome angeschwollen, der, obschon er sich in zwei Haupt- und Nebenarme zertheilt, doch nichts au Größe und Stärke verlor, bis er in den letzten Jahrhunderten zu unbeweglichem, stehendem Gewässer in einem ummauerten Bassin geworden, da er, wie er nichts abgegeben, so auch nichts mehr aufnahm. Es weist uns dies darauf hin, daß die Geistesrichtung unserer Väter darauf ausging, den Gottesdienst immerfort auszudehnen, und die Einförmigkeit des damaligen Lebens in den Ghetti erklärt uns diese Erscheinung schon genügend. Aber bereits in der Zeit des unbedingtesten Stillstandes hatte diese übermäßige Dauer des Gottesdienstes große Uebelstände zur Folge. Denn einerseits verleitete sie zu einer Schnelligkeit im Hersagen der Gebete und in der Ausführung der Ceremonien, welche mit Ausnahme gewisser Stellen, zn einer allgemeinen Andachtslosigkeit führte. Dann aber unterbrach man diese Eilfertigkeit, um dem Gottesdienste einigen Reiz zu verleihen, mit geschnörkeltem, und außer einigen Ausnahmen, wenig Passendem Gesänge, der manchmal wohl einen älteren Ursprung hatte, zumeist aber beliebten Volksliedern entlehnt war. Es geschah dies nicht nur in der neueren Zeit, sondern schon frühzeitig, wie jüngst noch nachgewicsen worden, daß sehr hoch gehaltene Melodien der portugiesischen Synagoge sehr profanen spanischen Volksliedern vor Jahrhunderten entnommen sind. Andererseits riß durch die Dauer des Gottesdienstes die Unordnung ein, daß Anfang und Ende desselben niemals selbst nur von dem größeren Theile der Gemeinde eingehalten wurden, sondern die Individuen erlaubten sich, zu kommen und zu gehen nach ihrem Belieben, und hiervon blieb kein Theil des Gottesdienstes verschont. Es war und ist ein beständiges Kommen und Gehen bei gewissen Theilen, z. B. der Haftarah, eine massenhafte Aus- und Einwanderung. Diese Unordnung wurde durch Frühgottesdienste sogar legal, und gerade die „Frommen" kamen "st zur Thorahverlesung. Ebenso gegen Ausgang. Welchen würdelosen Character, welche unaufhörliche Störung der jüdische Gottesdienst hierdurch erhielt, braucht nicht bemerkt zu werden. Will man nun gar bei Aufrechterhaltung des gesammten Rituales Verbesserungen einführcn, so wird die Sache an sich noch verschlimmert. Denn der gemessene Bortrag der Gebete, der Chorgesang und die Predigt dehnen den Gottesdienst nur um so mehr aus, und jene gerügte Unordnung wuchs hiernach noch mehr an, indem die Mehrzahl nicht einmal mehr zur Thorahverlesung, sondern nur zur Predigt kommt und nach deren Schluß wieder forteilt. Eine wirkliche Verbesserung des Gottesdienstes, eine wahrhafte Wiederherstellung des gottesdienstlichen Charakters ist daher ohne Verkürzung desselben gar nicht möglich, und alle anderweitigen Versuche machen die Sache nur schlimmer. Hier ist nur ein Entweder Oder möglich; man muß einen Theil opfern, um das Ganze zn retten; und wer weiß nicht, daß wir uns hierbei auch auf rituell-legalem Boden befinden? 2. Die Verbindung der hebräischen und der Landessprache im Gottesdienst. „Wir leben jetzt in einer Zeit großer Triumphe für Israel. Ueberall und ganz speziell in den Disserenzpunkten zeigt sich das Judenthum siegreich, den anderen Religionen gegenüber, und in allen dogmatischen Punkten wird täglich eruirt, daß unsere Vorbeter ganz Recht hatten, einem losgerissenen Stücke der Agada und Kabala keine lebendige Folge zu geben und den Messias nicht anzuerkennen, den man Ihnen als solchen vorstellte." So schreibt uns einer der Veteranen unter den Vorkämpfen des Judenthums. Ja, die Prinzipien des Judenthums in der Gotteslehre, Sittlichkeit und Gesellschaft erweisen sich in der Uebereinstimmung mit dem modernen Geiste, mit der modernen Phase der Menschenkultur. Ist also das Judenthum die Religion des modernen Geistes, so es doch keine moderne Religion. Es ist die Religion der vier Jahrtausende! es baut sich in der Geschichte und auf der Geschichte auf. Dies ist ihr Vorzug, daß sie Gotteslehre, Sittlichkeit und Societät als eine große Consequenz auf die ganze Vergangenheit aufstellt. Aus dieser Anschauung ist die Frage nach der Gebetsprache zu fassen. Die hebräische Sprache kann und wird niemals aus dem Gottesdienste des Judenthums verschwinden dürfen, und zwar nicht blos in zwei, drei Floskeln, wie es einmal geschehen ist, sondern in wesentlichen Theilen unseres Cultus wird sie erhalten werden müssen. Die Gründe siud sehr einfach. Die Quellen des Judenthums sind in dieser Sprache und in verwandten Dialecten abgefaßt, und das Wesen des Judenthums würde sehr alterirt, wenn diese Quellen der gesammten Masse entrückt und nicht im Kultus in lebendigem Zusamrnenhange mit ihr erhalten würden. Die hebräische Sprache ist das wesentlichste äußere Band für das Judenthum und seine Bekenner in allen Theilen der Welt, und so muß der Cultus zu einem nicht geringen Theile in dieser Sprache verbleiben, um den Juden aller 38*