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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-15 · Heft 38 (15.9.1868) · p. Seite 754

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 38 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 754 (sequence 4)
Language
German
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Welttheile zugänglich zu sein und die Einheit des Judenthums erhalten zu helfen. Die Geschichte muß uns hierin Mahnung sein. Mit dem Augenblicke, wo der Protestantismus die Landessprache als die alleinige Gebetsprache annahm, zerfiel er in fast ebensoviele Kirchen, wie es Länder giebt. Es kann dies für den Protestantismus gerechtfertigt erscheinen, für das Judenthum wäre es das Gefährlichste, was ihm begegnen kann. Diese hebräische Sprache hat den Charakter uralter Heiligkeit, einer tiefwurzelnden Pietät, ist erhaben und vollklingend, und besitzt deshalb für den jüdischen Gottesdienst einen Werth und eine Wirkung, die hoch anzuschlagen sind: sie greift tief in das Gemüthsleben des Juden ein, und der Gottesdienst ist ebenso auf dem Gemüthe wie auf dem Verstände beruhend. Aber eben so wenig ist es zu verkennen, daß, den ganzen Gottesdienst in hebräischer und zum Theil aramäischer Sprache bestehen zu lassen, theoretisch und praktisch ein Mißbrauch ist. Sehen wir davon ab, daß nicht wenige Theile unseres bisherigen Gottesdienstes in einer Art Neuhebräisch abgefaßt sind, welche selbst dem Gelehrten schwer verständlich ist, so bleibt doch selbst in den leichteren und korrecteren Theilen die hebräische Sprache ein Medium, welches zwischen das unmittelbare Verständniß und den Geist der großen Mehrzahl unserer Beter tritt. Denn nur sehr Wenigen in unserer Zeit lebt sich das Hebräische so ein, daß es gleich der Muttersprache das Verständniß unmittelbar mit sich führt; der Geist des Beters muß sicki erst besonders auf die Sprache konzentriren, um den Sinn zu fassen, und dies thut der Innigkeit des Gebetes vielen Abbruch. Es ist daher gewiß, daß in unserem Cultus der bloße Lippendienst durch nichts mehr befördert worden ist als durch den ausschließlichen Gebrauch des Hebräischen, des Aramäischen und des Neuhebräischen. Diese Bemerkung hat sich auch schon im Talmud Raum geschafft und ward von der Mischna feierlich anerkannt.*) Hierzu tritt nun aber der faktische Umstand, daß ein sehr großer Theil der Juden jetzt trotz aller dagegen gerichteten Bemühun¬ *) Wir erinnern an die allbekannte Mischnah (Sota 7,1.), welche bestimmt, daß die Ablesung des Schema, die Schemone Esre, der Tischsegen „in jeder Sprache" vorgetragen werden können; an Talm. Jerusch. Sota 7, 1., wo erklärt wird, daß man seine Pflicht gethan, wenn mau in der Sprache betet, die man versteht, und endlich an Schulch. Aruch Orach Chajim 101, 4: brp •,^T,U5 yröb bsn bbonfib gen nicht so viel Hebräisch lernt, um es als alleinige Gebetsprache zur wahrhaften Erfüllung des gottesdienstlichen Zweckes gebrauchen zu können. Das ganze weibliche Geschlecht bleibt dieser Sprache fern, und der Mehrzahl der männlichen Jugend bleibt sie fremd. Aber außerdem hat die Muttersprache eine natürliche Kraft, mn die Gefühle und Gedanken des Menschen zu wecken und zu erheben, der Seele Schwingen zu leihen und sie mit sich hinzureißen, eine Kraft, die für den Gottesdienst unbenutzt zu lassen diesem und den Betern nur zu großem Schaden gereicht. Unter denen, welche sich zum Gottesdienste einsinden, kommen sehr viele, ohne eine höhere Erregung mit sich zu bringen. An ihnen geht das hebräische Betwort sehr leicht vorüber, ohne sie aus ihrer Indolenz oder den sie beherrschenden Gedanken zu wecken, das Wort der Muttersprache aber schlägt doch unmittelbar auf sie ein, und vermag sie aufzurütteln. Hierzu kommt, daß die hebräischen Gebete ihrem Inhalte nach doch vielmehr das Bekenntniß der Gesammtheit ausdrücken, als die Gefühlswelt des Individuums berühren, und daß sie so neben dieser ihrer Bedeutung die Geistes- und Gemüthsrichtung der gegenwärtigen Menschenwelt unbewegt und ohne Ausdruck lassen. Die Erwägung beider Momente liegt so nahe und ist so einfach, daß man erstaunen muß, die Nothwendigkeit, beiden in gleicher Weise im jüdischen Gottes' dienste Rechnung zu tragen, noch immer nicht anerkannt zu sehen. Gewiß ist es, daß die beiden Extreme, welche ausschließlich die eine der beiden Sprache im jüdischen Cultus herrschen lassen wollen, ihrem Ziele hierdurch nur selbst Schaden thun. Nur durch den Ausgleich kann eine befriedigende Lösung der gottesdienstlichen Frage herbeigeführt werden. Von diesen beiden Ansichten als unumgänglichen Erfordernissen für jede Verbesserung unseres Gottesdienstes gehen wir in den folgenden Erörterungen der Spezialitäten aus. Wer hierin entgegengesetzter Art ist, der kann die folgenden Artikel überschlagen. 'Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Leipzig, im August. Moses Mendelssohn steht zu hoch in der Gunst seiner Glaubensgenoffen, daß nicht jede Schrift, welche seinen Namen an der Stirn trägt

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