Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1868)
- Date
- 1868-09-08
- Page
- Seite 749 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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149 Beide rettete, diesem Manne anzugehören für immer, und jeden Tag, den ich seinem Muthe und seiner Treue verdanken werde, als eine Dankesschuld zu betrachten, die ich ihm abzutragen habe. Vater, bei Deiner Liebe beschwöre ich Dich, gestatte mir, dieses Gelöbniß zu erfüllen, das Gott aus der Tiefe der Gewässer gehört! Ich werde demselben nie untreu werden!" Mendes wurde bleich vor Zorn, als er diese mit aller Kraft und Entschiedenheit von seiner Tochter gesprochenen Worte vernahm. Den Zustand seines Kindes vergessend, rief er ihr zu, und seine Stimme zitterte vor Ingrimm: „Und das wagst Du mir zu sagen? Und das unterfängst Du Dich, mir ins Gesicht zu schleudern, undankbares, ehrvergessenes Kind? Habe ich kein älteres Anrecht an Dich? Und nachdem Du die Sünde auf Dich geladen, trotz meines Verbots an die See zu gehen, und Dich in die Gefahr zu stürzen, willst Du die Sünde darauf häufen, mir zu trotzen und meinem Willen ungehorsam zu sein? Hast Du vergessen, daß Du eine Spanierin, daß Du die Enkelin eines spanischen Granden bist? Weißt Du nicht, daß es wider allen Brauch und alle Sitte unserer Gemeinde läuft, sich mit diesen verächtlichen Aschkenasim zu verbinden, mit diesem verdorrten und verkümmerten Zweig unsres großen, edlen Stammes? daß Du damit aus unserer Gemeinde geschieden wärest? Willst Du, die hochgebildete Tochter freier Ahnen, Dich in die Arme eines rohen und geknechteten Bewohners dieses armseligen Städtchens werfen? Das wäre ein Fund für den armen Schlucker, die einzige Erbin des Don Isaak de Mendes zu heirathen und ihre Erbschaft anzutreten! Niemals, ich sage Dir, niemals werde ich meine Einwilligung dazu geben!" „Halte ein, Vater, halt' ein mit diesem grausamen Worte! O daß Du mich recht verstündest! Als die Wogen an mich heranbrausten und rasend sich nach mir aufbäumten, als der Sturm meine Gewänder zerriß und mich hinunterzuwirbeln versuchte, als mein geängstigtes Auge vergebens nach Rettung ausschaute und mein Hülferuf sich in dem Toben des Windes und der Gewässer verlor — da schwanden Rang und Reichthum wie Schaum vor meinem Geiste dahin, da galt es Leben oder Tod, und all' die kleinlichen Unterschiede, welche sich die Menschen zusammengezimmert, brachen vor dem Rauschen des Todes, vor dem Anprall unermeßlicher Gefahr zusammen. Sie sind nicht mehr für mich da, sie haben mich in meiner Roth verlassen und gelten mir nichts mehr. Und wie vermagst Du es, jenen edlen Mann niedriger Beweggründe zu zeihen! Wußte er, wer dort weithin auf dem wasserumwogten Steine stand? Dennoch stürzte er sich hinein in die Fluth, eingedenk des Gebotes unseres Gottes: „Stehe Deinem Nächsten in Lebensgefahr nicht ab!" Wie? Will ich meinem Glauben ungetreu werden? Sind nicht jene Aschkenasim unsere Brüder, Söhne unseres Stammes, und in ihren Herzen schlägt Treue und Liebe so gut wie in den unsrigen? Was gilt mir eine Sitte, ein Brauch, den nur Stolz und Hoffarth, der Uebermuth eines begünstigteren Geschlechtes aufgerichtet? Nein, Vater, nimm Dein Wort zurück! Schüttle nicht mit Deinem verehrten Haupte! Ach, Dein Kind wird stets wissen, was es Dir schuldig, wider Deinen Willen, ohne Deine Zustimmung und Deinen Segen werde ich nicht den geringsten Schritt in meinem Leben thun — aber die Erklärung nimm auch meinerseits hin, daß, wenn ich diesem Manne nicht angehören soll, mit dem Gott mich vereinigt hat in der Stunde der »höchsten Gefahr, ich niemals meine Hand einem andern reichen werde, und wenn ich einsam und zerrissenen Herzens durch das ganze Leben gehen soll!" Sie sprach es und sank in den Sessel zurück, von der Schwäche übermannt, zitternd an allen Gliedern. In dem Gemüthe Mendes' tobte es, seine Augen schossen Blitze, seine Hände hatten sich geballt. Aber er beherrschte sich so weit, daß er kein Wort erwiderte. Das sind Alles Phantastereien, wollte er sagen, die Wirklichkeit, das Leben sprechen anders, und ich will meinem Namen keine Schmach, keine Schande anheften! Aber er schwieg, denn sein Stolz fand es unangemessen, mit einem thörichten Mädchen zu streiten. Und die Zeit ändert ja den Sinn der leidenschaftlichen Menschen! Er warf einen fast gleichgültigen Blick auf das zusammengefunkene Mädchen, kehrte ihin den Rücken und verließ das Gemach. Ines war ohnmächtig in die Kiffen gesunken, Silva eilte herbei und bemühte sich lange vergebens, sie mit allen Mitteln in das Leben zurückzurufen. «Fortsetzung folgt.) Die Karaiten in Rußland.*) Wenn man von Baktschisarai, der früheren Residenz der mächtigen Chane in der Krim, sich westlich wendet durch die wegen ihrer Eigenthümlichkeit weithin bekannte Zigeunervorstadt, so gelangt man durch einen Thalweg, bei einem an einem Felsen klebenden Marienkloster vorbei zu der Felsenstadt Djuffut-Kal^. Der Name dieser Stadt ist tartarischen Ursprungs und heißt Judenstadt, weil sie ausschließlich von Karaiten bewohnt wird, die am Morgen mit leeren Taschen an ihre unten in der Stadt Baktschisarai befindlichen Geschäfts- und Handelsstellen ausziehen und am Abend mit ihrem Erwerbe wieder in ihre Felsenstadt zurückkehren. Diese ist so dauerhaft angelegt und gebaut, daß sie sich, wie die Sitten und Gewohnheiten ihrer Bewohner, seit Jahrhunderten noch nicht im Mindesten verändert hat. Auf einem steilen Felspfade, der nur für Fußgänger und für einheimische Pferde gangbar ist, gelangt man an das, einem Burgthor aus der Ritterzeit gleichende Slavtthor, zu dessen beiden Seiten unzählige, wagerecht in den Felsen einbuchtende Höhlm sichtbar sind, die zur Unterbringung des Viehes, das am Tage im Thalgrunde weidet, wahrend der Nacht oder bei schlechtem Wetter dienen. Die *) Aus der P. Z.