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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-08 · Heft 37 (8.9.1868) · p. Seite 750

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 37 (8.9.1868)
Date
1868-09-08
Page
Seite 750 (sequence 20)
Language
German
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750 Häuser, zwischen denen schmale und unebene Felsenpfade als Straßen sich hinwinden, sind Hein und niedrig, aus großen Steinstücken aufgeführt und mit platten Dächern versehen, die Fensteröffnungen sind nach den Höfen zu, welche mit Steinmauern eingefaßt sind und zu denen man durch niedrige Seitenthüren gelangt. Da das gesammte Baumaterial zu der Stadt aus dem Felsen, auf desien Oberfläche sie sich befindet, gebrochen und also mit diesem von gleicher Farbe ist, und da kein Baum, kein Strauch, ja nicht einmal ein Grashalm auf dem ganzen Plateau sich befindet, so bietet das Ganze einen Anblick dar, der keiner Niederlassung oder gar einer Stadt ähnelt, vielmehr nur wie eine große Steinhöhle aussieht. — Der Ort hat auf seinem steilen Felsen keinen Tropfen quellendes Wasser, dieses wird aus den im Thale liegenden Brunnen der Karaiten in wohlverwahrten Fässern auf dem Rücken der kleinen Krimpferde in die Stadt hinaufbefördert und dort gegen Entschädigung abgelaffen. Der Friedhof von Djuffut-Kalö liegt unmittelbar am Fuße des Felsens, von dem aus er überall zu übersehen ist, und sticht mit seinen herrlichen Baumgruppen und seinem üppigen Graswuchs wunderbar ab gegen die Stadt in ihrer Kahlheit. Unter den Gebäuden Djuffut-Kale's ragt allein die Synagoge mehr hervor, die sich in ihrem Aussehen seit ihrer vor Jahrhunderten erfolgten Erbauung noch nicht geändert hat. Diese Stadt nun, von deren Lage und Beschaffenheit hier nur eine kurze Andeutung gemacht werden konnte, ist die Metropole eines Völkchens, über dessen Wesen und Geschichte nur Weniges zur Publizität gelangt ist.*) Das Aeußere des Karaitenvölkchens, das wegen der Ehrenhaftigkeit seines Charakters und seiner Sittenreinheit sich überall eines guten Rufs erfreut, ist, wie Kohl sagt, ein Gemisch des Jüdischen mit dem Tartarischen. Die Karaiten besitzen den Handelsgeist ihrer talmudischen Brüder, sind jedoch nicht so beweglich wie diese, vielmehr kennzeichnet ihr ganzes Wesen eine Ruhe und Gesetztheit, wie sie sonst nur den Türken eigen ist. Als solide Kaufleute wagen sie sich zwar auch hinaus in die Handelswelt und machen Geschäfte, allein fern ist ihnen die Speculationswuth der Talmudisten, und wenn sie daher auch nie zu so enormen Reichthümern gelangen wie diese, so sinken sie auch niemals zu einem Grad solchen Elends herab, wie man es besonders in den alten polnischen Landestheilen zu sehen gewohnt ist. Sie werden wegen ihrer geringen Bedeutsamkeit von den Talmudisten gewöhnlich verachtet, und ein solcher sagte einst, wie Kohl erzählt, zu einem Karaiten: „Ihr seid gänzlich ohne Genialität und jede wissenschaftliche Bedeutung, ihr ent¬ *) Der Referent kennt die neueren Arbeiten von Jost, Grätz, Fürst, Neubauer u. A. nicht; wir lassen seine historischen Notizen als veraltet und urgenügend aus. Redakt. behrt jeder geistigen Tiefe und habt keinen einzigen solcher gelehrten Ausleger des Gesetzes oder scharfsinnigen Philosophen, wie wir deren in Menge besitzen." — „Wir entbehren allerdings dergleichen Sachen und sind vielleicht ohne vorragende Genialität," sagte der Karait, „aber in allen unseren Kolonien findet Ihr doch nicht einen einzigen Bettler und nicht eine schmutzige Seele. Wir haben keine hervorragende Gelehrte unter uns, aber Alle können in ihrer Sprache richtig lesen und schreiben, und was die Hauptsache ist, wir haben Alle unser bequemes Auskommen und wohl auch noch darüber." (Schluß folgt.) Kuriosa. Moses-Denkmal.) Die Nordd. Allg. Ztg. berichtet aus Worms über nachfolgendes Denkmalsprojekt: „In dem hier erscheinenden „Rheinischen Herold" ist die Idee zur Gründung eines Moses-Denkmals angeregt worden. Abgesehen davon, daß hier eine intelligente und wohlhabende Judenschaft wohnt, der offenbar dieselbe Berechtigung zusteht, ihrem großen Reformator, dessen Lehre dem Christenthume als Grundlage diente und der für seine Zeit ein mindestens eben so großer Geist war wie Christus, ein Denkmal zu errichten, gleich den Protestanten, dürste die Sache auch von historischem Interesse sein, indem schon zur Zeit der Zerstörung Jerusalems, also vor Einführung des Christenthums in Deutschland, Juden — der Sage nach — hierhergebracht wurden, die ein Sohn oder Enkel eines bei der Kreuzigung Christi anwesenden Hauptmannes als Gefangene gekauft hatte. Bon diesem Hauptmanne soll sogar die herzogliche Familie der Dalberge abstammen. Finanzielle Schwierigkeiten dürften dem Unternehmen nicht im Wege stehen, da es nur eines Impulses seitens des Vorstandes der hiesigen Gemeinde bedürfte, um alle Glaubensgenossen in allen Welttheilen zu Beiträgen zu veranlassen." — Das ist wohl das närrischste Denkmalsprojekt, welches die jetzige Monumentenmanie ausgesonnen. Moses und — ein Bildsäulchen! Wie? Hat Moses sein Denkmal nicht in jeder Dorfschule? auf jeder Kanzel? in jedem Gesetzbuche? in jedem Ruhetage des Armen? und worin nicht? In Berlin giebt es an einer höheren Lehranstalt einen Lizentiaten, Dr. Preuß, der zu einem jüdischen Schüler gesagt hat: „Ich rathe Ihnen, lassen Sie sich taufen. Sie könnten morgen sterben und müßten dann in die Hölle!" — „Wir machen die Wiener Kirchenzeitung aufmerksam," bemerken die „Freien Pädag. Bl.", denen wir dies nachschreiben, hierauf, „diesen hoffnungsvollen Nachwuchs muß sie sich kommen lassen." Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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