Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1868)
- Date
- 1868-09-08
- Page
- Seite 748 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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748 1eres Gefühl beschlich das Herz des Mädchens; es wühlte und wogte in ihren Gedanken, und sie fühlte sich bald sehr angegriffen und erschöpft davon. Aber gerade darum rang sich der feste Entschluß in ihr herauf, den Vater darüber zu befragen, und ihr Loos sich entscheiden zu lassen. In einem sonst muthigen und entschiedenen Charakter bringt Unruhe und Schwäche gerade um so eher einen bestimmten Entschluß hervor, denn er vermag Ungewißheit und den Druck der Abspannung weniger zu ertragen, als das schwache und feige Gemüth. Die Gelegenheit ward ihr bald geboten. Zhr Vater trat ein; Silva entfernte sich. Ines richtete sich auf ihrem Sitze auf; sie strengte sich immer an, stärker und wohler auszusehen in der Anwesenheit ihres Vaters. Mendes freute sich ihres Anblicks; die Sonne warf eben, es war die Herbstsonne, einen Lichtschein auf die liebliche Gestalt seiner Tochter und breitete einen rosigen Schimmer über ihre Wangen und erhöhte den Glanz ihres dunklen Lockenhaares. Mit dem heitersten Gesicht, mit dem liebevollsten Ausdrucke in den Augen trat er zu ihr, strich ihr mit der Hand über das Haupt, küßte ihre weiße hohe Stirn. „Wie geht es Dir heute, mein Kind?" fragte er mit sanfter Stimme. „Sehr gut, lieber Vater; ich fühle mich jeden Tag stärker und glaube, daß Deine Absicht, mich in wenigen Wochen zur Tante in Altona zu schicken, um mir die angerathene Luftveränderung zu verschaffen, erfüllt werden könne." „Und freut es Dich denn so sehr, Dich von mir zu trennen?" „O Vater! Hast Du nicht täglich Deinen Wunsch ausgesprochen, mich für die Reise stark genug zu sehen, weil Du nach dem Ausspruch des Arztes eine schnellere Genesung und Wiederherstellung meiner Kräfte davon erhoffest, und die Zeit unserer Trennung um so kürzer dauern möchte?" „Gut, gut, meine Tochter; ich weiß ja, wie innig Du meine Liebe zu Dir erwiderst. Sprich nur nicht zu viel, strenge Dich nicht an." „Doch, Vater, muß ich Dir erst einen Wunsch mittheilen, den ich hege, und den Du gerechtfertigt finden wirst. Ehe ich abreise, muß ich jenen Mann einmal sehen, der mich aus den Fluthen des Meeres gerettet, um ihm persönlich meinen Dank auszusprechen. Das findest Du doch in der Ordnung." Mendes schien von diesen Worten seiner Tochter sehr unangenehm berührt, sein Gesicht verfinsterte sich und in seinen Augen spielte etwas wie Unwille, ja Haß. „Das wird schwerlich gehen, liebe Ines," antwortete er nach einigem Zögern. „Der junge Mann hat sich nicht so betragen, daß ich ihm die Pforte meines Hauses wieder öffnen könnte." „Wie so? Was ist geschehen?" fragte Ines erschrocken. „Du kannst Dir denken, daß ich einem solchen Menschen nichts schuldig bleiben wollte. Ich ließ ihn an andern Morgen rufen und sprach ihm mit den wärmste: Worten meinen Dank aus: er lehnte ihn ab; ich ba ihn in der höflichsten und gefälligsten Weise, eine bedeutende Summe zur Unterstützung in seinem Geschäfte anzunehmen: er wies mich zurück; ich bot ihm zum Andenken an jenen furchtbaren Tag den Ring meines Großvaters, Du kennst ihn, mit dem Smaragd von außerordentlichem Werthe, und kannst Dir denken, was es mich kostete, mich von diesem theuren Erbstücke zu trennen; ich bot ihn ihm an, und er schlug es mir ab. Was kann ich noch mit ihm zu schaffen haben? Ich habe meine Schuldigkeit vor Gott und meinem Gewissen gethan, er hat mich beleidigt, indem er alles zurückwies, und so mag er seines Weges gehen." Ines hatte mit Spannung zugehört, und mannigfache Empfindungen regten sich dabei in ihrem Herzen. Auch sie fühlte, daß Raphael durch das Angebot des Geldes sich verletzt fühlen mußte, und doch klagte sie ihren Vater nicht an, wenn er mit geringerem Zartgefühl seiner Dankbarkeit einen solchen Ausdruck hatte geben wollen. Es schmerzte sie tief, in dem Benehmen ihres Vaters die Mißachtung wieder zu erkennen, die er gegen alle Bewohner dieses Landes hegte. Sie erwiderte : „Es mag so sein, lieber Vater; Du könntest Dich allenfalls frei finden von aller weiteren Verpflichtung, aber nicht so ich. Mich muß es drängen, meinem Lebensretter, bevor ich von hier scheide, meinen Dank persönlich mit einigen Worten auszusprechen, und wäre es eine unverzeihliche Undankbarkeit von meiner Seite, wenn ich es nicht thäte." „Und ich werde es nicht zugeben!" rief Mendes mit aufwallendem Zorne. „Wer weiß, welche Prätensionen dieser Mensch hegt, denn jene seine Uneigennützigkeit erscheint mir sehr verdächtig, und ich will ihm darin keinen Vorschub leisten. Mag er uns für undankbar halten, da wir dies in Wirklichkeit nicht sind, das kümmert mich nicht." Ines war von ihrem Sessel aufgesprungen; die Bewegung ihres Herzens ersetzte ihr die noch fehlenden Kräfte. Sie stand aufrecht vor ihrem Vater und sprach mit heller klingender Stimme: „Vater, zwischen uns finde keine Verstellung statt; klar und offen sollst Du stets die Schrift lesen, die auf den Tafeln meines Herzens gezeichnet steht. Das bin ich der Liebe und Zärtlichkeit schuldig, die Du immer an mir übest. Als ich auf jenem Steine stand, von der reißenden Fluth umkreist, als jener Mann sich in die Wellen stürzte, um zu mir zu gelangen, als er mich aus seine Arme hob, mein Haupt auf seinem Haupte, mein Herz an seinem lag, als der Boden unter seinen Füßen wich, und er mich doch nicht ließ, obschon ich ihn in die Tiefe mit hinunterzuziehen drohte, als wir in den höchsten Todesnöthen Worte der Aufopferung und Hingebung mit einander wechselten, da gelobte ich mir, wenn Gott uns