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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-08 · Heft 37 (8.9.1868) · p. Seite 737

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 37 (8.9.1868)
Date
1868-09-08
Page
Seite 737 (sequence 7)
Language
German
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737 und Völker zur Heimsuchung übergebe. Zwar auch seine Schöpfung werde nicht von Dauer sein — Habacuc sang über 60 Jahre voraus schon das Spottlied, daß die Völker einst auf seinen Fall in die Wette anstimmen werden, und Jeremia bestimmte, fast buchstäblich richtig, dieser Weltmacht Dauer auf 70 Jahre oder drei Generationen voraus —, aber bis dahin müssen alle jene Völker den Nacken unter sein Joch beugen. Die babylonische Oberherrschaft kam dann auch schnell und unvermeidlich genug; durch feierlichen Eidschwur mußte der judäische König sich zum Vasallen verpflichten. Aber dem nationalen Dünkel des Hofes und Volkes schien damals Fremdherrschaft noch unerträglich; man zettelte mit anderen Völkern gegen den Oberherrn und brach den Eid; vergeblich strengte Jeremia mit Reden und Zusprachen sich an, um zur Ruhe und Treue zu mahnen, durch welche allein der Staat und die Hauptstadt ihren Fortbestand sichern können; man schalt und richtete und mißhandelte ihn als einen Baterlandsverräther, der im Dienste des Feindes stehe lJer. 37, 13 ff., 38, 4 ff.). Die Politik des Hofes und Volkes ging auf Empörung und Treubruch; zweimal wiederholte sich dieses Spiel, und das Ende war die Zerstörung der Stadt und die Zerstreuung der Nation in alle vier Winde. Der Prophet hatte Recht. So lehrten und wirkten die Propheten. Hätten sie nur mit Klugheitsgründen und Wahrscheinlichkeitsschlüssen sich begnügt, nur den Thatsachen Rechnung getragen, nur von den augenblicklichen Erfolgen oder Mißerfolgen der herrschenden Politiker ihre Augen blenden lassen, dann hätten sie so nicht sprechen, so nicht auftreten können. Sie standen auf einem festeren und sichereren Grund. Sie glaubten an eine heilige Weltordnnng Gottes, die Keiner ungestraft übertreten darf, deren Gesetze zwar zu Zeiten dem kurzsichtigen Auge des Menschen gebrochen scheinen, weil er nicht die Ueber sicht über das Ganze haben kann, die aber schließlich immer wieder zur Erscheinung kommen und so unwandelbar sind als die Gesetze der Natur; sie glaubten an einen Gott in der Geschichte wie in der Natur, mächtiger als die gewaltigsten unter den Herrschern, die zu stürzen ihn nur einen Wink kostet, weiser als die klügsten, die er in Lagen zu versetzen weiß, wo sie verwirrt stehen und wie in Finsterniß tappen. Nirgends erkennen sie blos irdische und menschliche Zwecke als hohe erstrebenswerthe Ziele an; Eroberer zogen genug an ihnen vorüber, känen einzigen derselben bewundern sie, sie sehen in ihnen nur gottgesandte Zuchtruthen für verdorbene Völker (die eine Zeit lang schalten dürfen, bis sie das Züchtigungsgeschäft vollbracht, dann aber selber stürzen müssen, weil alle ihre geraubten Länder nur eine aufgehäufte Schuldenlast sind, die sie mit Zinsen zurückzuzahlen haben Hab. 2,6); die Selbstberäucherung und weltliche Herrlichkeit der Nationen und ihrer Herrscher ist ihnen ein Gräuel. Sie kennen nur ein Ziel aller Völkergeschichte: das Kommen des Reiches Gottes herbeizuführen, eines Reiches, das alle Völker umfaßt, wo ein heiliger Sinn alle durchdringt, wo Gott in seinem Wesen und seiner Herrlichkeit anerkannt, verstanden und verehrt wird, wo die Waffen in Friedenswerkzeuge umgeschmiedet und die Kriegsmittel vernichtet sein werden, und göttliches Recht die Streitigkeiten der Völker entscheidet (Jes. 2, 2 ff., 9, 4 ff.; Zach. 9, 10; Mich. 5, 9 ff.). In diesen Weltplan Gottes haben alle Propheten geblickt, sonst wären sie keine Propheten gewesen. Und nur weil sie dieses Gottesziel kannten und an eine höhere Leitung der Völkergeschicke auf dieses Ziel hin glaubten, konnten sie mit so wunderbarer Sicherheit die verwickeltsten Lagen durchschauen, für jede Zeit und jede Begebenheit das rechte göttliche Verständniß finden. — Aber solchen Glauben und solche Erkenntnisse des Glaubens hatten nun die Vropheten auch in fortwährendem Kampf unter dem Widerspruche der Zeitgenossen festzuhalren, durchzufechten und immer aufs Neue auch in sich selbst wieder zu versichern oder versichern zu lassen. Die Zeiten waren zwar ohne Zweifel viel einfacher als jetzt; eine Menge von feineren Problemen, um deren Lösung und Durchführung es sich jetzt handelt, war noch nicht angeregt; die Geschichte und die Verhältnisse des einen Volkes, in dem sie wirkten, und der Völker, mit denen es in Beziehung kam, waren leichter überschaubar, und die eigentlichen Grundfragen, die Prinzipien, traten augenfälliger hervor. Aber gerade um diese Prinzipien war schon damals der heftigste Kampf entbrannt. In den sinkenden Königszeilen, wo die Propheten ihre politische Thätigkeit hauptsächlich entfalteten, war der Zweifel an der Wahrheit der ganzen mosaischen Religion, der Offenbarungsreligion, bereits sehr stark verbreitet. Ungläubige und Gläubige, Weltmenschen und Gottesmenschen, Leichtsinnige und Ernste, auf den Augenblick, das Sichtbare, den Genuß Gerichtete und auf große göttliche Ziele Hinblickende standen als mit einander um die Herrschaft streitende Parteien sich gegenüber, und hatten in folgerichtigem Denken ihre Grundsätze zu Sy-

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