Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1868)
- Date
- 1868-09-01
- Page
- Seite 729 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber vollenden Sie Ihr Werk, krönen Sie dasselbe, gestatten Sie mir, mich nur um ein Geringes derselben zu entledigen, damit sie mich nicht ganz erdrücke. Herr Hirsch, Sie sind Geschäftsmann, ein solcher hat dann und wann der Mittel nöthig, oder er könnte, wenn er sie hätte, sein Geschäft in nutzbringender Weise erweitern. Nehmen Sie eine Summe von mir an; Sie sind jung und müssen aufwärts streben; das giebt eine große Zukunft; oder eröffnen Sie sich bei mir einen Credit, er soll unbedingt sein. Thun Sie es, junger Freund, thun Sie es um meinetwillen, damit ich nicht schamroth vor Ihnen stehe, thun Sie es um meiner Tochter willen, die ihrem Retter so gern ihren Dank erweisen wollen wird!" „Sie sind zu gütig," antwortete zögernd Raphael, „aber ich kann es nicht annehmen. Es widerstrebt mir. Ich kann mich nicht durch das Unglück eines Anderen und für die Zufälligkeit, daß ich ihn gerettet, bereichern wollen. Äch selbst habe, was ich brauche und wünsche. Mein Vater arbeitet in seinem Geschäfte so, daß er niemals einer Hülfe bedarf. Und, offen gesagt, Mittel annehmen, um das Geschäft zu erweitern, hieße auf gefährliche Speculationen ausgehen, die nicht allein diese neuen Mittel, sondern auch das verschlingen könnten, was wir besitzen. Nehmen Sie dies nicht als eine Zurückweisung an, verübeln Sie es mir nicht, aber ich kann nicht anders." Mendes schien von dieser Antwort überrascht zu sein. Bald wandte er sich aber um, schritt nach einem Schranke, öffnete ihn und nahm ein Etui heraus. „Wohl," redete er Raphael von Neuem an, „so dürfen Sie mir wenigstens nicht abschlagen, dies als ein Andenken, als eine Erinnerung an den gestrigen Tag anzunehmen." Aus dem geöffneten Etui blitzte Raphael ein Ring mit funkelnden Diamanten und einem Smaragd von großem Werthe entgegen. In Raphaels Seele ging eine tiefe Bewegung vor, deren er nicht gleich Herr werden konnte. Ihn hatte das Geldanerbieten des Tenors sehr verwundet. Sein Herz jagte selbst unbewußt einem ganz anderen Ideale nach. Vor ihm stand das liebliche Mädchen, dessen Herz er an dem seinigen hatte schlagen gefühlt. Nach ihr streckte seine jugendliche Sehnsucht, sein heißes Verlangen die Arme aus und in die geöffnete Hand sollte statt der lebensvollen des Mädchens ein kaltes Stück Gold gelegt werden! So wollte man sich seiner entledigen! Vielleicht hätte er den ihm dargebotenen Ring gern angenommen, wenn das Anerbieten von Geld nicht voraufgegangen wäre; seine lebhafte Einbildungskraft hätte sich desselben als des Symbols einer noch anderen zukünftigen Verbindung bedient. So aber schienen ihm diese glänzenden Edelsteine nur als eine andere Art, den geleisteten Dienst ihm abzukaufen. „Senor," sprach er, „ich bedarf keines Andenkens und keiner Erinnerung. Das Glück, Fräulein Ines gerettet zu haben, wird mich dessen niemals vergessen machen. Aber was soll ich mit dem Ringe anfangen? Soll ich ihn am Finger tragen, wenn ich meinen Kunden einige Ellen Waare abmesse? Soll er an meiner Hand blitzen, wenn ich mit meinen Glaubensgenossen das Gebet verrichte und ihre Andacht abziehen? Das paßt sich nicht für mich, er ist viel zu kostbar für mich. Behalten Sie mich nur, Tenor, in freundlichem Angedenken, und zeihen Sie mich nicht der Undankbarkeit gegen Ihre freundliche Absicht." Tenor Mendes ward sehr verdrießlich über diese abermalige Ablehnung; sein Gesicht nahm wieder einen finstern Ausdruck an und er antwortete nichts als: „Nun, wie Sie wollen." Raphael erkundigte sich nach dem Befinden von Ines und Mendes sprach kalt und gemessen seine Besorgniß aus. Raphael verbeugte sich und ging. Mendes war scharfsichtig genug, um die Gefühle des jungen Mannes richtig zu beurtheilen. Es ist nicht schwer, einem jugendlichen Herzen, das bei lauterem Wandel zum ersten Male von dem heiligen Feuer einer keuschen Liebe ergriffen ist, sein Geheimniß abzulauschen. Er erschrak, aber der Gedanke, daß seine Tochter diese Gefühle theilen könne, lag ihm so fern, daß eine wirkliche Befürchtung nicht in ihm aufkam. Doch er sollte bald eines Anderen belehrt werden. Ines lag in Fieberphantasien. Ihr Vater und ihre Zofe wachten an ihrem Lager. Der erstere verließ es nicht. Sie warf sich unruhig umher; eine verzehrende Gluth rollte in ihren Adern, strahlte aus ihren Angen, bewegte ihre Arme. Sie konnte nicht zur Ruhe, nicht zum Schlafe kommen. Ihr Geist ward von wilden Bildern umhergejagt, Bilder aus dem überstandenen Sturme. „Mein Vater, mein Vater," rief sie, „die Erde wankt, die Berge brechen zusammen, das Meer verschlingt sie . . . o, die grausamen Wogen, die schwarze, zischende Fluth . . . rette Dich, mein Vater! Sie wollen an Dich, sie erreichen Dich, die mörderischen Fäuste! . . ." Der Vater griff mit thränenerfüllten Augen nach den Händen seines geliebten Kindes und sprach beruhigende Worte, ihr versichernd, daß er außer Gefahr, in sicherer Zuflucht sei. Sie machte den Arm wieder frei, erhob ihn und redete wieder: „Ha, der Sturm reißt uns nieder, die Wellen treiben uns fort. . . Raphael, siehst Du die rosige Wolke droben? Laß uns hinaufsteigen, die trägt uns sicher über Meer und Land, Du bist ja dann bei mir ... nein, nein! steig' nicht hinauf, sie ist schwarz wie die Nacht, der Blitz fährt aus ihr herab . . . Raphael, rette Dich, laß' mich loch auch Du