Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1868)
- Date
- 1868-09-01
- Page
- Seite 728 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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fühlte^er sichern seinen Gliedern noch wie zerschlagen, aber er war gesund, und die Erinnerung dessen, was vorgegangen, da sie ihm bald zurückkehrte, erfüllte ihn mit einem belebenden Feuer, er sprang auf und bat den Water, nach dem Hause des Mendes zu senden, um sich nach dem Befinden des Fräuleins zu erkundigen. Da theilte ihm dieser mit, daß der Senor bereits am Abend zuvor um einen Besuch gebeten und Raphael machte sich sofort bereit, dahin zu gehen. Als er das stattliche Haus des Senor Mendes betrat, war seine erste Frage an den ihm die Thüre öffnenden Diener, wie sich das Fräulein befinde? Der Diener machte ein trauriges Gesicht und schüttelte mit dem Kopfe. „Es steht schlimm, sehr schlimm; sie liegt im Fieber und der Arzt meint, die Gefahr sei groß." Raphael war wie niedergedonnert, fast wären Thränen in seme Augen getreten. Wie? Sollte sie gerettet worden sein, um dem Tode doch anheimzufallen? Sollte ich sie gewonnen haben, um sie sofort wieder zu verlieren? Das kann nicht sein! Das kann Gott nicht wollen! So stürmte es in seiner Seele und es kostete ihm große Anstrengung sich zu bemeistern, und gefaßt in das Zimmer zu treten, in welchem der Senor ihn treffen würde. Die 'Niedergeschlagenheit, die sich seiner bemächtigte, spiegelte ihm fast vor, daß er selbst Schuld an dem Unglück habe, daß, da er dem Vater die Tochter nicht ganz gerettet übergeben konnte, er vor ihm als ein Mitschuldiger erscheine. Mendes ließ nicht lange auf sich warten. Er trat ein, und sein Aussehen verrieth keine freundliche Gesinnung. Die Angst, und das Nachtwachen hatten sein Antlitz bleich und verfallen gemacht, aus seiner: Augen sprühte bei dem Anblick des jungen Mannes fast wie Haß. Er trat auf diesen hin und fragte mit harter, heiserer Stimme: „Was ist gestern Nachmittag vorgegangen? Was ist mit meinem unglücklichen Kinde geschehen? Sagen Sie es mir, aber sagen Sie mir die ganze und volle Wahrheit, auch nicht den geringsten Umstand lassen Sie mir aus — ich habe die Mittel, Ihren Bericht zu prüfen und die Wahrheit herauszubringen, und ich werde sie anzuwenden wissen!" Diese Anrede gab Raphael seinen ganzen Muth zurück. Das klang wie eine freche Anklage und er mußte sie entschieden zurückweisen. Sein Gesicht richtete sich auf, sein Blick und seine Stimme wurden fest. „Ich habe nichts zu verhehlen, die Wahrheit kann mir nur zur Ehre gereichen," antwortete er mit Selbstgefühl. „Was ich sagen werde, wird Ihre Tochter, sobald sie wieder zum Bewußtsein gekommen, Wort für Wort bestätigen, und ich habe noch andere Zeugen anzuführen. Gestern um zwei Uhr wollte ich nach denl Dorfe N., um ein Geschäft abzumachen. Ich begegnete Ihrer Tochter auf dem Wege und sah sofort, daß sie nach den Dünen gehe. Da ich an dem bleiernen Saume des Horizontes Borzeichen eines nahenden Unwetters, irgend einer unerwarteten Erscheinung auf der See gewahrt hatte, wollte ich das Fräulein warnen. Kaum aber hatte ich die Miene gemacht, sie anzureden, als sie sich abwandte, und rasch, wie unwillig, ihren Weg fortsetzte. Es that mir weh, aber da ich so nicht wissen konnte, wie weit sie ihren Spaziergang ausdehnen würde, achtete ich ihren Willen und setzte, ein wenig gekränkt, meinen eigenen Weg fort. Als ich zwei Stunden später mein Geschäft beendet hatte, schlug ich den Rückweg über die Dünen ein. Der Umweg war nur gering und mich hatte die Neugierde ergriffen, was wohl jene Vorzeichen zu bedeuten gehabt, und wie es auf dem Meere aussähe. Ich hörte auch als.bald die Nothschüsse eines Schiffes, das in Gefahr zu stranden sein mußte; vielleicht konnte ich es von der Höhe erblicken. Ihrer Tochter, offen gesagt, hatte ich ganz vergessen, da ich sie längst unter das schützende Dach des Vaterhauses zurückgekehrt glaubte. Mich trieb allein die Erwartung, was ich von oben aus sehen würde. Aber kaum war ich auf der Spitze der Düne angelangt, als ich nichts weiter als Wasser und Fluth erblickte. Diese war bereits bis zu den nächsten Sandhügeln an der Düne vorgedrungen. Da siel mein Blick nach rechts, und da, wo sonst der Lugblock über den Rand der Wellen hinausragt, sah ich eine weibliche Gestalt in flatternden Gewändern, ein Tuch schwenkend. Sie mochte wohl um Hülfe rufen, aber das Brausen des Windes und der Wellen übertönte ihre Stimme. Sie war in der größten Gefahr; wuchs die Fluth nur noch eine kurze Zeit, so mußte die nächste Welle sie in die Tiefe reißen. Es war für mich entschieden, ich mußte sie retten. Wie ein Blitz fuhr mir der Gedanke an Ihre Tochter durch die Seele, ja, es konnte Niemand anders sein." Und nun erzählte Raphael die weiteren Vorgänge in der einfachsten Weise, ohne sein eigenes Thun und seine übermenschliche Anstrengung irgend hervorzuheben; nur sprach er den Verdacht aus, daß der Müller-Hans absichtlich Ines nach dem gefährlichen Lugblock gewiesen; er that dies, um Ines einigermaßen zu entschuldigen. Während dieser Erzählung war denn doch im Gemüthe des Herrn Mendes einige Veränderung vorgegangen. Das gehaltene Wesen des jungen Mannes, sein offener Blick unv seine einfache Sprache mußten jeden Zweifel beseitigen, als ob er nur mit einem Worte der vollen Wahrheit zu nahe getreten. Die Ueberzeugung, daß er hier nichts als Dankgefühl zu hegen habe, überwandt alle seine früheren Vorurtheile, und er war doch zu sehr Vater, um nicht das Verdienst des jungen Mannes um seine so überaus geliebte Tochter ganz zu würdigen. Jedes widerstrebende Gefühl erblaßte in ihm, und als Raphael geendet, ergriff er dessen Hände und sprach mit tiefer Rührung und Innigkeit: „Wie soll ich Ihnen danken, Herr Hirsch! Was haben Sie gethan! Mehr als man von einem Menschen fordern könnte! Sie haben Ihr Leben für meine Tochter eingesetzt, dem Tode für sie ins Auge geschaut, und einen Muth, eine Kraft, eine Hingebung und Besonnenheit bewiesen, wie sie leicht nicht noch einmal gefunden werden können I"