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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-01 · Heft 36 (1.9.1868) · p. Seite 717

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 36 (1.9.1868)
Date
1868-09-01
Page
Seite 717 (sequence 7)
Language
German
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In Wahrheit aber wirkten dazu Liefere Ursachen mit: die alte, nie ausgerottete, sondern nur zeitenweise zur Ruhe gekommene Stammeseifersucht, der Streit um die Hegemonie zwischen den nördlichen Stämmen, besonders Ephraim, und dem südlichen Juda, und ein tiefer gehender Gegensatz zwischen der freieren leichteren und beweglicheren Art der Ephraimiten und der ernsteren, strengeren der Judäer, welcher denn auch sofort nach der Trennung in staatlichen und gottesdienstlichen Dingen sich immer schärfer ausprägte und verfestigte. Ohne Zweifel war diese Theilung des einen Volkes in zwei sich eifersüchtig gegenüberstehende Staaten ein großes Uebel, und welcher Patriot sollte dasselbe nicht als solches gefühlt und an seiner Hebung gearbeitet haben! Allein hier eben zeigten sich nun auch wieder die Unterschiede der Auffassung. Die Herrscher und Politiker beider Staaten, in dem Wahn einen geschichtlichen Beruf zur Oberherrschaft über den anderen Theil zu haben, das Davidhaus darum, weil die nördlichen Stämme durch Empörung abgefallen seien, die Herrscher des anderen Reichs darum, weil sie die Mehrzahl seien und der widerstrebende Judastamm der Majorität sich fügen müsse, nahmen zu den gewöhnlichen Mitteln, zur Gewalt und zum Krieg, zum Recht der Eroberung, ihre Zustucht und scheuten sich nicht, selbst auch das lauernde Ausland, Aegypter und Syrer, in ihre Kämpfe hereinzuziehen. Die Propheten aber, nicht nach menschlicher Kurzsichtigkeit sondern nach göttlichem Sinn die Dinge überlegend, fanden, daß hier eine göttliche Fügung vorliege (1 Kön. 1H, 15. 22—24), ein gottgewolltes Hemmungsmittel, um das Weiterschreiten auf der eingeschlagenen Bahn des Despotismus zu verhindern, um jedem Gedanken an einen Großmachtsberuf Israels die Möglichkeit der Ausführung abzuschneiden, und es in die Verfolgung der ihm göttlicherseits zugewiesenen weltgeschichtlichen Aufgabe hineinzubannen. Sie waren auch weit genug vorgeschritten, um zu wissen, daß Gewalt nie eint, sondern noch schärfer trennt, daß die getrennten Theile selbst erst ihre gegenseitige Bedürftigkeit einsehen, ihre Selbstsucht ablegen, ihre sich ergänzenden Vorzüge anerkennen gelernt haben müssen, dann aber die Einigung von selbst sich ergebe. Darum riechen sie zum Friedenhalten und zur Versöhnung. Sie waren darum keine Particularisten: niemals haben sie die Trennung Israels für etwas wünschenswerches, als etwas für ewige Dauer bestimmtes angesehen; Niemand mehr als sie hat dieselbe als ein Uebel, als eine Gottesstrafe empfunden; aber sie wußten, daß Gott seine Stunden hat, die er durch alles menschliche Drängen nicht beschleunigen läßt, daß das Drängen der Ungeduld und die Zuhilfenahme falscher Mittel die Sache nur verschlimmert. Und wie sie ihrerseits trotz aller staatlichen Trennung, trotz aller daran sich hängender Verschiedenheiten in Sitte und Cult an der Gemeinsamkeit beider Theile festhielten, immer beide Theile zusammen als Gottesvolk ansahen, für beide prophetisch wirkten und patriotisch fühlten, über jeden Verlust, der den anderen Theil traf, schmerzlich trauerten, so hofften sie, durch Gottes Gerichte und Fügungen werde es noch dahin kommen, daß beide Theile sich wiederfinden, wenn nur erst die Herrschsucht und Eifersucht, der Trotz und Eigensinn gebrochen und die höheren, beiden gemeinsam gestellten Aufgaben wieder zum Bewußtsein gekommen wären. Mit seliger Begeisterung blickten sie hinaus auf die Zeit, wo die zerfallene Hütte Davids wieder aufgerichtet werden würde (Am. 9, 11), wo Juda und Israel sich wieder ein Haupt setzen werden (Hos. 2, 2), wo Ephraim nicht mehr den Juda und Juda nicht mehr den Ephraim eifersüchtig befeinden, sondern beide vereint ein starkes und siegreiches Volk in der Hand Gottes sein werden (Jes. 11, 13 ff.; Zach. 9, 13). Der Erfolg hat ihre Ansicht bestätigt. Die anfänglich durch mehr als 50 Jahre fortgesetzten beiderseitigen Versuche, durch Eroberung das einheitliche Reich wieder zu schaffen, schlugen fehl; beiderseits sah man ein, daß es besser sei, leidlichen Frieden zu halten, und hielt ihn. Als aber noch einmal, nach der Mitte des VIII. Jahrhunderts, das eine Reich es unternahm, seine schon gesunkene Macht auf Kosten des anderen zu heben und dazu gar mit dem syrischen Erbfeinde sich verbündete (2 Kön. 16, 5 ff.), da wurde dies der Anfang vom Ende; Herbeiziehung des Auslands auf der einen Seite verleitete die andere zu gleicher Thorheit, und der größte Theil von Israel wurde die Beute von Assur. Der Plan Gottes war nicht gebrochen, aber das Volk hatte durch sein Ankämpfen gegen denselben sich zu Grunde gerichtet, und die prophetische Hoffnung, daß beide Theile im Dienste eines höheren Zieles sich wieder finden werden, konnte nun nur noch in feinerem Sinn, und ganz anders, als sie ursprünglich gemeint war, sich erfüllen. (Fortsetzung folgt.)

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