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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-01 · Heft 36 (1.9.1868) · p. Seite 716

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 36 (1.9.1868)
Date
1868-09-01
Page
Seite 716 (sequence 6)
Language
German
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716 maiit oder wurde doch vielfach ausgeübt, daß der Volkswille auch die Könige oder Dynastien wechseln könne, obwohl am Ende seiner Geschichte, rückblickend auf das dadurch gestiftete Unheil, die Propheten diesen Grundsatz entschieden verdammten (Hos. 8, 4. 13, 1. 10. 11.). Auch gegenüber der alten Rechtsbefugniß und Macht der Geschlechtshäupter oder Stände konnte die königliche Gewalt erst allmählig erstarken. In allen diesen Wandlungen griffen die Propheten nicht fordernd ein, sondern nahmen daran Theil und schritten damit fort. Während Samuel nur zögernd seine Bedenken (wesentlich Bedenken theokratischer Art) gegen den Uebergang vom Freistaat zur Königshecrschaft überwand,' finden wir die folgenden Propheten alle als gute Anhänger des Königthums, nachdem sich dasselbe durch David so herrlich bewährt hatte, niemals Willens, dasselbe herabzuwürdigen oder zu schwächen, höchstens, wo es sich selbst herabgewürdigt hatte, darauf bedacht, durch Aufstellung neuer Träger desselben sein Ansehen wieder zu festigen, sonst aber eine starke kräftige Herrschaft wünschend, welche Schutz zu gewähren und Ordnung und Recht zu handhaben im Staude wäre, selbst für den künftigen idealen Staat, den sie sich denken, das Königtum ohne Weiteres erhoffend, aber auch nachdem das eigene Königthum verloren war und fremde Herrscher über das Volk geboten, in die nun nöthig gewordene gemischte Verfassung sich ohne Zögern findend. Aber bei aller Weite und Unbefangenheit ihrer Stellung zu diesen Dingen war es ein Punkt, von dem sie nicht wichen und den sie mit aller Kraft geltend machten, daß nämlich der König oder wer sonst die Zügel in Händen hatte, nicht das Volk als Mittel zur Befriedigung seiner eigenen Gelüste und für seinen Vortheil benutzen dürfe, sondern über sich den höheren Gotteszweck und Gotteswillen als maßgebend anerkennen müsse, dem wie das Volk so auch er zu dienen habe. Wo die eigentliche Aufgabe der staatlichen Ordnung verkannt wurde, wo die Regierenden, Richter und Großen ihre Gewalt mißbrauchten, Macht für Recht zu ihrer Losung machten, da schwiegen die Propheten nicht, obwohl es auch damals schon bequemer und Sache der Klugheit war, vor dem Mächtigen zu schweigen. Ob auch die große Masse, wiewohl grollend, sich fügte, der Prophet trat vor, nicht Aufruhr stiftend, nicht zur Gegengewalt aufreizend, aber mit männlichem Freimuth dagegen redend. Entrüstet über die verübte Gewaltthat oder das herrschende Gewaltsystem, angetrieben wie von einer höheren Macht, kam er mit seinem Gotteswort, ging persönlich den Gewaltigen an, wo auf eine bessere Regung in ihm zu hoffen war, und schärfte ihm das Gewissen (z. B. 2 Sam. 12), rief ihm die Schrecken des göttlichen Richters in's Bewußtsein (z. B. 1 Kön. 21, 19 ff.), oder schmetterte ihn wie einen Missethäter mit Verkündigung des göttlichen Strafurtheils nieder lz. B. Jes. 22, 15 ff.), oder aber in der Versammlung des Volkes auftretend: „Hörens ihr Jsraelsöhne, ihr Häuptlinge Jacobs, du Königshaus", klagte er im Namen Gottes vor Aller Ohren das öffentlich geschehene Verbrechen, das herrschende System öffentlich an, forderte zur Umkehr auf, wies auf die unausbleiblichen Gerichte Gottes zur Sühne des verletzten Rechtes hin <z. B. Hos. 5, 1 ff.; Jes. 1, 10 ff.; Mich. 3, 1 ff.; Jer. 22, 13 ff.). Daß es nutzlos sei, so aufzutreten, kam ihnen nicht zur Erwägung: ein öffentliches Wort im Namen Gottes und für das ewige Recht gesprochen, verhallt nie nutzlos; es erhält doch im Volke noch die Scheu vor einer heiligen Ordnung wach, arbeitet aufbauend oder niederreißend einer besseren Zukunft vor. Daß sie selbst der Gewalt, gegen die sie redeten, als Opfer fallen würden, schreckte sie auch nicht. Zwar war es im alten Volk ein schönes Vorrecht derer, welche mit einem Gotteswort kamen, daß sie ungestraft auch die bittersten Wahrheiten sagen durften (Jer. 26, 16), vorausgesetzt, daß sie gegründet waren, aber nicht alle Mächtigen kehrten sich daran, und mehr als ein Prophet hat seine freie Rede mit Tod oder Gefängniß und Züchtigung büßen müssen. Indessen selbst solche Gefahr vermochte sie nicht, den heiligen Zorn über geschehenes Unrecht zu dämpfen und zu schweigen. Unläugbar hat ihre freie muthvolle Rede großen Nutzen gestiftet und Jahrhunderte lang die öffentlichen Zustände gesund erhalten; als die Freiheit der Rede nicht mehr geachtet wurde, war dies nur eines von den vielen Zeichen für das Sinkendes ganzen öffentlichen Lebens. Auch seine Einheitsfrage hatte das israelitische Volk, wie andere wichtige Culturvölker der alten und neuen Zeit. Der große weithin Achtung gebietende Einheitsstaat, welchen die 3 ersten Könige, vor Allem David, geschaffen hatten, brach nach Salorno's Tod wieder auseinander. Anscheinend waren es nur zufällige Anlässe, welche dieses Ergebniß herbeiführten, nämlich die Ueppigkeit, Prachtliebe und die Großmachtherrlichkeit Salomes, welcher seines Volkes einfache Art und Sitte verschmähend, mit den Größten der Erde wetteifernd, bisher un-

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