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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-01 · Heft 36 (1.9.1868) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 36 (1.9.1868)
Date
1868-09-01
Page
Seite 714 (sequence 4)
Language
German
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ster unterworfen. Mit dem Falle des Tempels hörten sie auch zu fungiren auf, während das Synedrion bald wieder in Jamnia erstand. Mit der Zerstreuung des Volkes mußten sich aber auch die Gelehrten überall hin zerstreuen, und hatten sie auch noch längere Zeit in Palästina ihren Mittelpunkt und ihre blühendste Schule, so verpflanzte sich doch die jüdische Gelehrsamkeit nach Babylon und breitete sich später mit neuen Brennpunkten nach Nordafrika und den europäischen Ländern aus. Die Auslegung des Gesetzes und seine Anwendung in allen möglichen kasuistischen Fällen war die wesentlichste Thätigkeit dieses gesammten Gelehrtenstandes. Als sich daher aller Orten jüdische Gemeinden bildeten, mußten diese sich genöthigt finden. Gelehrte amtlich anzustellen, welche das ihnen überwiesene Richteramt versahen, das Gesetz in den Gelehrtenschulen und in synagogalen Vorträgen lehrten und alle an sie gelangenden kasuistischen Fragen beantworteten. Bildete sich so ein Rabbinerstand aus, und erlangte er allerdings an vielen Orten, schon durch das richterliche Amt, eine hierarchische Gewalt, die namentlich durch den, fremden Kreisen entlehnten Bann, sehr nachdrücklich gehandhabt werden konnte, so standen diesem doch zwei Biomente gegenüber, zuerst daß die Wahl der Rabbinen stets bei den Gemeinden verblieb und dann, daß die jüdische Gelehrsamkeit mehr oder weniger im ganzen Volke verbreitet war, daß es in jeder Gemeinde neben dem' Rabbiner und seinen Dajanim zahlreiche Gelehrte gab, welche dem Rabbinate stets auf die Finger sahen, und Opposition machten, und daß die größten Heroen der jüdischen Literatur zwar der Würde nach Rabbiner, aber nicht amtirende waren. Seit einem Jahrhunderte änderte sich dies aber in Mittel- und Westeuropa; das Studium des jüdischtheologischen Wissens wich vor dem Unterricht in den profanen Disciplinen und eine erschreckende Unwiffenheit selbst der h. Schrift breitete sich in der Masse aus; schon jetzt ist der Rabbinerstand beinahe allein Inhaber und Träger des jüdischen Wissens und droht, es immer nehr zu werden. Zu gleicher Zeit verlangt die Synagoge eine größere Thätigkeit Seitens der Rabbinen. Bis vor einem halben Jahrhundert befand sich der ganze Gottesdienst in den Händen der Cantoren; jetzt verlangt man vom Rabbiner regelmäßige Predigt und Vortrag von Gebeten in der Landessprache; hat für ihn der Unterricht von Rabbinerjüngern aufgehört, so fordert man von ihm den Religionsunterricht der Jugend; werden jetzt viel seltener kasuistische Fragen aus dem Bereiche der Speise- und Reinigkeits-Gesetze an ihn gerichtet, so giebt es wieder Fragen aus anderen Gebieten, die er entscheiden soll. Daher hat sich in den letzten Jahrzehenden das Bedürfniß nach amtirenden Rabbinen wieder sehr verbreitet und die Entwicklung des Rabbinerstandes hat um so mehr eine Zukunft- Unter diesen Umständen haben die oben geschilderten faktischen Zustände eine große Bedeutung, und das anwachsende Gewicht der Gemeinde oder der Laienwelt gegenüber dem Rabbinerstande, den die Verhältniffe immer mehr als alleinigen Inhaber der jüdisch-theologischen Fachwisienschaft stärken, erscheint als ein neues Erzeugniß des alten Geistes, der im Judenthume eine hierarchische Abschließung nicht duldet und die Gesammtmaffe allein als Träger der religiösen Idee gelten lassen will. Bon diesem Gesichtspunkte aus hat jener Verzicht der R.-V. auf die selbstständige Beantwortung der obschwebenden Fragen und die Aufforderung an die Laienwelt, ihren Antheil daran zu nehmen, eine geschichtliche Tragweite. Beschäftigen wir uns nun mit den Commissionen und geben wir dem nächsten Artikel die vorzüglichsten Anträge, welche bei der R.-V. eingelausen und von ihr den Commissionen übergeben worden sind. Die Propheten nach ihrer politische» Wirksamkeit. „Die Propheten bilden das Buch der ganzen Völkergeschichte/' Mit diesen Worten schloffen wir unsere Einleitung zn den zwölf kleinen Propheten nnd um uns nicht zu wiederholen, wie wir dies ausgeführt und erwiesen haben, verweisen wir auf B. II unseres Bibelwerkes S. 1559 f. Es befriedigt uns nun sehr, dieselben Gedankeu aus dem Munde eines eminenten christlichen Theologen zu vernehmen. In einer akademischen Festrede am 9. Juni d. I. sprach der Rector der Universität zu Gießen Prof, theol. Dr. Aug. Dillmann über „Die Propheten des Alten Bundes nach.ihrer politischen Wirksamkeit". Wir geben den wichtigsten Theil dieser Rede hier wieder. Wer ihn durchlieft, wird bald gewahren, daß die Anspielung, der vergleichende Blick auf die gegenwärtige politische Lage nicht fehlt, und betont dies der Redner in dem hier nicht wiedergebenen Schlußtheil seiner Rede ganz besonders. Wer gerade dies ist uns recht', denn es beweist abermals, was wir immer behaupten, daß, so wie die ewigen Gesetze

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