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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-25 · Heft 35 (25.8.1868) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 35 (25.8.1868)
Date
1868-08-25
Page
Seite 709 (sequence 19)
Language
German
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Ein Zug von Möven kam eben daher und flog kreischend über die Dünen und verlor sich hinter deren Rücken; andere folgten dem ersten. Der Wind murmelte über den Wellen und steigerte von Zeit zu Zeit seinen weichen Klang zu härterem, stoßweise aufheulenden Stöhnen; dann und wann kam er an den Strand herüber, und wühlte einen kleinen Sandhügel auf, der aufwirbelte und nach einigem Geflatter sich wieder senkte. Was ziehen diese Möven? Was stöhnt dieser Wind? Was kommen diese Wellenlinien immer schneller und näher? Welche mögen die Menschen sein, die auf jenen dunklen, kaum sichtbaren Punkten unter den weißen Segeltüchern über das Meer hineilen? Welche Sprache mögen sie reden? Welche Wünsche hegen, nach welchen Zielen eilen? . . . O, welche ewige Bewegung, bis in den kleinsten Tropfen hinein — und doch wieder welche ewige Ruhe, welch ewiges Gleichmaß der Dinge! O, welche stete Veränderung in Form und Farbe und Duft, und doch wieder, welche Beständigkeit in diesem steten Wechsel, welche ewige Erneuerung einer und derselben Gestaltung! ... Ein Nebel hob sich aus der See und zog langsam über den Häuptern der Wellen zum Strande hin und trug einen scharfen, erfrischenden Salzduft herüber. Der Nebel verhüllte allmälig Strand und See. War es wirklich Nebel, oder lagerte sich dieser nur .um die Augen des ermüdeten Mädchens, während unverändert die Sonne von blauen Himmel auf die Silberwand und den grünlichen Wasserschwall strahlte? Ines schlief; die weite Wanderung hatte ihre schönen Glieder, der berauschende Genuß dieses unermeßlichen Schauspiels ihre Seele ermüdet, und die Träume, die sich an die Wirklichkeit geschlossen, leiteten ihr Bewußtsein in die Traumwelt des Schlummers. Stunden vergingen. Plötzlich schreckte Ines aus dem Schlafe auf. Von der See her donnerten Geschützsalven; sie kamen von einem Schiffe, das in Gefahr zu stranden stand. Sie war davon aus dem schweren Schlummer, der sie befallen, erweckt worden. Aber das Schiff konnte man nicht sehen, es mochte hinter dem Dünenzuge in die Brandung gerathen sein. Doch welch' ein anderer Anblick bot sich ihr dar! Die Sonne war verschwunden, denn dichtes graues Gewölk hatte den Himmel umzogen, und unter ihm jagten schwarze Wolken schnell auf einander folgend dahin. Die Silberwand war verschwunden und in die See gesunken, die grauweiße Fläche, die grünen Wogen verschwunden. Alles war unter dem zusammengezogenen und niedergebeugten Horizonte ein graugelber Wasserschwall, die Wellenlinien waren zu mächtigen Hügelketten gehoben, und flutheten und stürmten in rasender Eile auf das Festland zu. Aber wo war dieses Festland? Auch der Stranv war verschwunden, und das Meer war ringsum bis zum Fuße der Dünen gedrungen; Alles war hier See, brausende, kochende, zischende See, aus der nur die Spitzen der höheren Sandhügel wie Inseln hervorschauten und gegen welche die Dünen allein als ein mächtiger Damm hervortraten. Auch der Lugblock war von dem schwellenden Wasser umgeben, und die Wellen schlugen zürnend an seine Wände und spritzten ihren Schaum bis an seine Ränder hinauf. Die Fluth war gekommen, und eine rasende Fluth, eine Springfluth, wie sie vielleicht seit Jahren über diesen Strand nicht hinweggetoot. Ach, der weißgraue Streifen und die schwarze Wolke in Nordwest hatten sie genugsam verkündet, aber ihr Geheimniß war nur dem kundigen, erfahrenen Auge offenbar . . . Ines übersah mit einem Blick die Gefahr, und das Blut gerann in ihren Adern vor Schrecken. Sie klimmte in ihrer Angst auf den oberen Stein, von wo es ihr nur einleuchtender ward, daß ihr der Rückzug abgeschnitten sei. Und dabei hoben die Wellen von Minute zu Minute sich höher, und der Sturm machte sich auf von der See her und begann sein gewaltiges Brausen und Heulen, und erfaßte die Kleider des Mädchens, daß sie weithin flatterten, und riß ihr den Hut ab, daß er ein Spiel der Wellen ward, und riß ihr das schöne schwarze Lockenhaar auseinander, zum Spiele der Winde. So stand sie auf der Höhe des Findelsteins, und die Wellen schienen ihre Arme in die Höhe zu strecken, um die schöne Gestalt in die dunkle Fluth hinabzuziehen. Da schrie sie mit aller Kraft um Hülfe, und immer lauter erhob sich ihr Jammerruf in schrillen Tönen aus der geängstigten Brust — wer aber sollte sie hören in dem Gewühl der Elemente, wer auf die aufgerichtete Gestalt und die flatternden Gewänder sehen? Keine Antwort; fern jeder Beistand. Sie gab sich verloren; ihre Arme sanken nieder, ihre Stimme wurde schwacher. Nur kurze Zeit, und die Fluth mußte über den Stein dahingehen und das schwache Weib mit sich reißen in den Wirbel der unermeßlichen Wasierwüste.. . Doch siche, da wurde auf einer Dünenspitze ein Mann sichtbar. Ob er die Gestalt gesehen? Ob er die ersterbende Stimme vernommen? Es muß wohl sein. Er mag wohl rufen, aber der Wind, der nach dem Lande zu eilt, verhindert, den Ruf zu hören. Aber er eilt von der Düne herab; jetzt wird er auf einem Sandhügel sichtbar; er watet durch das Wasser, und erreicht einen anderen, noch näheren Hügel. Da wird seine Stimme hörbar. „Ines! Ines, bist Du es?" ruft er mit aller Kraft, durch welche jedoch Angst und Todesschrecken hindurchzitteru. Sie hört es, sie winkt mit der Hand und einem flatternden Tuche. Ruft sie ihn herbei oder will sie ihn zurückscheuchen, daß er nicht mit ihr den Tod in den wüthenden Wassern finde? Aber er hört nicht darauf, schon ist er wieder im Wasser, es reicht ihm bis an die Brust, bald bis an die Schultern. Aber er muß die Oertlichkeit genau kennen, denn er benutzt jede Erhöhung und umgeht tiefere Stellen, daß er sich bald senkt, bald aus dem Wasser hebt. Er kommt näher, er erreicht den Lugstein, er erklimmt ihn, er ist oben und neben ihr. Da wirft das Mädchen sich in seine Arme, an seine Brust.

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