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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-25 · Heft 35 (25.8.1868) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 35 (25.8.1868)
Date
1868-08-25
Page
Seite 710 (sequence 20)
Language
German
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710 „O Raphael, ruft sie, wir sind des Todes! Du hast Dich um meinetwillen dem Untergang ausgesetzt, ich habe Dich hineingezogen..." „Sei ruhig, Ines! Der Gott, der uns hierhergeführt, wird uns auch Rettung schaffen! Ich hatte mein Geschäft vollendet, aber statt zurückzukehren, drängte mich eine innere Stimme, nach den Dünen zu gehen. Ich hatte Dich dahin wandeln sehen; war es nun der Wunsch, der mtd> trieb, Dir noch einmal zu begegnen, oder die Ahnung, daß Dir eine Gefahr drohe. Je näher ich den Dünen kam, desto mehr ergriff mich eine unnennbare Angst. Bald hörte ich das Brausen des Sturmes, das Tosen des Wassers, und ich wußte, was hier vorgehe. .." „O nun werden wir Beide des Todes sein, und Deine Liebe zu mir hat Dir das Verderben bereitet!. .." „Nun, Ines, möge es so sein! Der Tod mit Dir hat nichts Abschreckendes für mich. Aber nicht ohne Kampf wollen wir unterliegen, mit Gottes Hülfe werde ich Dich retten!..." Mit größerer Ruhe blickte der junge Mann jetzt um sich, prüfte die ganze Umgebung, und erwog den Weg, den er zu nehmen hätte. Dann sagte er: „Du mußt Dich mir ganz anvertrauen, Ines; ich werde Dich auf meine Arme nehmen und so weit waten, wie es geht; steigt das Wasser zu hoch, so muß ich schwimmen, ich werde dann mit meiner Linken Deinen Arm festhalten, und Du muß ruhig und besonnen Dich ziehen lassen, ohne mich zu umklammern und meine Bewegungen zu hindern. Sonst, Ines, sind wir Beide verloren." Die Fluch war höher gestiegen, der Sturm brauste heftiger, aber Raphael achtete nicht darauf. Der Mannesrnuch, von der Gefahr des geliebten Wesens gesteigert, schwellte seine Brust und stählte seinen Arm. Ohne Weiteres beugte er sich, umfaßte die Kniee des Mädchens und hob sie auf seinen linken Arm. Mit der Rechten erfaßte er den Rand des Steines und ließ sich an ihm nieder. Er faßte Fuß auf den Sand und stieg die Rampe hinunter. Noch konnte er gehen, noch schwebte sein Haupt und der Oberkörper des Mädchens über der Fluch. Aber das Wasser schwoll höher, und Schrecken und Angst halten Ines des Bewußtseins beraubt, ihr Kopf sank auf seine Schultern. Verzagheit erfaßte auch ihn, sie waren verloren, sie waren noch so weit von dem rettenden Ufer . . . Aber die Verzweiflung flößte ihm neue Kraft, neue Entschlossenheit ein. Er schüttelte den Körper des Mädchens, er flüsterte und rief ihr tausend liebkosende Worte zu; dann riß er den langen Shawl, den er um den Hals trug, ab, schlang ihn mühsam unter die Arme des Mädchens und knüpfte ihn um seinen Nacken, hielt mit der Linken den Kopf des Mädchens über dem Wasser und machte sich zum Schwimmen bereit. Ines kam wieder zu sich, und auf das Anrufen Raphaels hielt sie sich nur an seinen Arm, und gab ihm die Bewegung freier. Mühsam kamen sie voran. Aber als sie zwischen zwei von Wasser bedeckten Saudhügeln hindurchgelangt waren, erfaßte sie glücklicherweise die Strömung der noch immer wachsenden Fluth und trug sie rascher dem festen Lande zu. Raphael brauchte nur die rechte Richtung einzuhalten und jeden Anstoß zu vermeiden. Sein Herz jauchzte empor, seine Kraft erneute sich, einige Minuten — und er fühlte wieder festen Boden unter sich. Rasch hob er Ines wieder auf seine Arme, noch wenige Schritte, und sie standen am Fuße der Düne, außerhalb der Wasserfluth. Jndeß fühlte sich Ines so schwach und in allen Gliedern erstarrt, daß sie kaum vorwärts schreiten konnte und nm mit seiner angestrengtesten Unterstützung vermochte sie bis zu dem Einschnitt zu gelangen, über welchen sie hinuntergestiegen. „Ach", sprach sie mit leiser Stimme, „verlaß mich, Raphael! Weiter zu gehen ist mir unmöglich, und bis nach Hause mich zu schaffen, vermagst Du nicht. Ich fühle mich dem Tode nahe. Geh, eile nach Hause, damit auch Dich nicht die Ohnmacht ergreife. Du hast mich dem Tode entrissen, mir Deine Liebe durch die aufopferndste That bewiesen, ich sterbe gern." „Nimmermehr! Nicht darum hat mich der Herr im rechten Augenblicke hierhergeführt, nicht darum uns an das schützende Ufer gerettet. Einige wenige Augenblicke, und wir werden weiter kommen können. Fasse nurMuth,theure Ines! Auch jetzt wird uns Hülfe kommen!" In diesem Augenblicke ging ein Mann, mit schwerem Korbe auf dem Rücken und einem Knotenstock in der Hand, am Fuße der Düne vorüber. Raphael rief ihn mit aller Kraft seiner Stimme heran, und forderte ihn auf, ihm bei der Weiterschaffung des kraftlosen Mädchens Beistand zu leisten. Aber ein höhnisches Lachen war die Antwort. „Ich der Tochter des Mendes, der meinen Vater auf das Zuchthaus gebracht! Verdammt sei, daß Du sie gerettet! Ihr Juden hängt immer wie die Kletten zusammen, und darum bleibt ihr immer über Wasser!" Sprach es, wandte sich und schritt davon. Raphael verhieß ihm eine reiche Belohnung — aber Müllerhans hörte nicht darauf, und verlor sich bald hinter den Hügeln. Raphael biß die Zähne zusammen und sagte kein Wort, sondern hob Ines wieder auf seine Arme, und stieg die Düne hinab bis zu einem Feldwege. Da kam langsam und knarrend ein Bauernwageu heran, der Korn nach der Mühle gefahren. Raphael hatte ihn schnell gedungen, man ordnete die Strohbündel auf dem Wagen zu einem Lager für Ines, hob sie darauf, und der Bauer zog seinen groben Mantel ab, um sie damit zuzudecken. Raphael schritt neben her, der Gaul wurde angetrieben, und so gelangte man endlich zum Städtchen, zum Hause des reichen Senor Mendes. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ilr. H. Lvtze.

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