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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-25 · Heft 35 (25.8.1868) · p. Seite 708

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 35 (25.8.1868)
Date
1868-08-25
Page
Seite 708 (sequence 18)
Language
German
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die Dünen herüberwehende, kühle und ooch so stärkende und erregende Wind. Bald aber wußte sie doch nicht, wie weiter. Die Dünen bildeten jetzt eine Kette, nur hiev und da mit einem Einschnitt, wie einem Bergpaß zwischen den Gipfeln. Wohin sollte sie sich wenden, um nicht rück- oder seitwärts zu kommen? Als sie so in Zweifel und Verlegenheit dastand, erschien ein Mann, der langsam am Fuße der Dünen hinschritt und einen schweren Korb auf dem Rücken trug. Es war ein rüstiger, aber roh und wild aussehender junger Mann, und als sie ihn anredete und fragte, wohin sie wohl zu steigen habe, um die See recht vollständig und weit sehen zu können, stand er eine Weile still und sah sie mit finsteren Blicken an. Er hatte einen großen Knotenstock in der Rechten und stützte sich jetzt darauf. Seine Hand schien das Ende des Stockes krampfhaft zu umfassen. Es konnte Ines nicht entgehen, und sie begann sich vor ihm zu fürchten. Aber nach kurzem Bedenken hob der Mann den linken Arm in die Höhe, und auf einen jener Einschnitte nach rechts weisend, sagte er mit einer, wie es schien, theilnahmlosen Stimme: „Steigt nur dort hinauf; dahinter in einiger Entfernung werdet Ihr einen großen Stein finden, auf den Ihr leicht gelangen könnt. Von dort aus überseht Ihr eine große Strecke der Küste und weit hinaus über die See; sie ist heute etwas unruhig, aber desto prächtiger für den, der sie nicht kennt. Es ist dies der Lugblock, auf den ich Euch weise, und wenn Ihr nach Hause kommt, könnt Ihr sagen, daß der Miillerssohn Hans ihn Euch angegeben." Damit rückte er den Korb zwischen den Schultern zurecht, erhob seinen Knotenstock und eilte fort, ohne sich wieder umzublicken. Ines war es bange geworden. Die letzten Worte des Mannes hatten ihr Zweifel erregt, ob er es schlimm oder gut mit ihr meine. Konnte er ihr nicht eine gefährliche Stelle angewiesen haben? oder wollte er sich bei ihrem Vater einen Lohn erschmeicheln? Aber sie faßte ihren Entschluß schnell. Zu dem Einschnitt konnte sie sich hiuaufarbeiten, und von da vorsichtig sich umsehen, wohin es führen würde. Also rasch nur hinan, vor der letzten Schranke nicht zurückgewichen! Nach einer Viertelstunde mühsamen Steigens war sie oben. Ja, man erblickte von dort die See. Aber da gerade von diesem Punkte die Dünen in einer kurzen Biegung rechts und links scharf nach dem Strande liefen, man sich also wie im Scheitelpunkte eines Winkels befand, war die Aussicht sehr beschränkt. Vorn aber, dicht über dem Strande, blickte ihr ein Steinblock entgegen, von wo aus der Anblick des Meeres ein unbegrenzter, nach allen Seiten uneingeschränkter sein mußte. Das war der Lugblock, den der Müller-Hans ihr genannt hatte. Sie konnte nicht widerstehen; es war das Ziel, nach dem sie gestrebt, für das sie alle ihre Kräfte aufgeboten hatte. Es war auch nicht schwer zu erreichen. Es ging nur wenig abwärts und dann durch ein Meer von niedrigen Sandhügeln gerade aus nach dem Granitblock. Wie aber sollte sie da hinaufkommen? Die gütige Natur hatte gesorgt. Die breite Rückwand des Steines bot dem Sande Schutz gegen die Winde und Wogen des Meeres, und so hatte sich dieser bis an den oberen Rand des Gesteins aufgehäust, daß er eine bequeme Rampe darbot, um den Stein zu ersteigen. Welche Riesen- Hand hatte aber diesen Block an den Strand mitten-in eine Sandwüste geschleudert? Die ganze Küste Miaus und hinab war kein Genosse von ihm zu finden; er lag einsam da in einer fremden Welt. Man nannte ihn einen Findlingsstein. War er von Süden, von den Gipfeln der Alpen niedergerollt? oder über den Boden des Baltischen Meeres von den Gletscherhöhen Norwegens hinuntergekommen, und welche Gewalt hatte ihn dahingetragen? Doch diese Frage beschäftigte Ines nicht; sie fand, daß auf der Höh^ des Steines sich noch ein solcher erhob, um welchen ein breiter Rand des unteren einen bequemen Umgang bot. Ta schritt sie nach der Vorderseite, und nun lag das lang ersehnte Ziel vor ihr — die unermeßliche See . . . Vor ihr in weiter Ferne stand eine mächtige Silberwand, die sich wie im Halbbogen um den Horizont zog, und ihr den Saum desselben zu verdecken schien. Eine riesige Flulh von silbernem Lichte goß sich darnieder und zitterte durch die Luft und färbte den Himmel lichtweiß und lichtblau; und vor dieser lag eine breite grauweiße Fläche, halb Schatten, doch mehr Licht als Schatten, und sie sah auf derselben dunkle Punkte mit ausgespannten weißen Tüchern, Schiffe, die nach Osten und nach Westen fuhren; und vor dieser Fläche rollten die grünlichen Wogen daher, dem Strande zu, lange Schlangenlinien mit weißen Schanmköpfen, sie zogen daher wie Schlachtlinien zum Kampfe bereit, von Weitem langsam, denn ihre Reihen waren unübersehbar, in der Nähe schneller, dann im gleichen Tempo auf den Strand sich stürzend, eine nach der anderen, zurückpralleud ihreSchaumspitzen der nächsten unter die Füße werfend, wie im Kampfgewühl die folgende Schlachtreihe über die Leiber der gefallenen Brüder hinwegschreitet und sich in den Kampf stürzt. Dröhnend und klatschend warf sich die Wellenlinie auf den Strand, der sie in unerschütterlicher Ruhe empfing und mit immer gleicher Festigkeit zurückwies. Oder war es eine unerschöpfliche Sehnsucht, welche diesen weichen, elastischen Wasserschwall nach dem weithin gestreckten festen Ufer trieb zur Umarmung, aber der harte, herzlose Strand, der unbiegsame, erstarrte Kiesel wies ewig diese Umarmung von sich ab und schleuderte die stürmische Geliebte in die Tiefe zurück? Daher kam es wohl, daß diese zu Zeiten in gewaltigem Zorne sich aufbäumte, und in furchtbarem Sturm gegen diese sonst so geliebte Erde sich erhob und wüthend sie zu zertrümmern suchte; dann ergoß sich der zu Bergen aufgethürmte Wogenschwall über diesen friedlichen Strand, wollte ihn zerschlagen und zerwühlen und sich eine breite Straße mitten in seinen Schoß bis zu seinem Herzen öffnen. Es wird ihm nicht gelingen, aber er vermag doch tausend kleine Wunden zu schlagen und die Gestalt dieser Küste bald hier, bald dort zu verändern. Doch davon wußte Ines jetzt nichts. Als ihre Blicke sich zunächst an diesem leuchtenden Gemälde gesättigt hatten, ließ sie sich auf den Block nieder, indem sie Rücken und Kopf an die Wand des oberen Steines lehnte. Hier lag sie

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