Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1868)
- Date
- 1868-08-18
- Page
- Seite 689 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch während ihrer Rede hatte er sich von ihren Händen frei gemacht und war voll Unwillens und mit allen Zeichen des Zornes im Zimmer auf- und abgeschritten, in einer Leidenschaftlichkeit, wie sie bei diesem auf seine Würde und Haltung so viel Gewicht legenden Manne nicht gewöhnlich war. „Halt ein," rief er jetzt aus, „füge kein Wort mehr hinzu; wie es dieser Hausirbursche wagen konnte, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern; wie kann er sich unterfangen, was ich meinem Kinde nicht mittheilen will, ihm kund zu thun, und in so grellen Farben zu schildern! Wie? Ich soll den Müller freigeben lassen, und dadurch diesem betrügerischen Volke die Meinung einflößen, daß ich mich vor ihm fürchte, und damit jede Wirkung der gesetzlichen Strafen abschneiden? Nimmermehr! Ich soll die Generalpacht aufgeben und mit dem Verluste vielleicht meines halben Vermögens wie ein Narr davonziehen! Warte nur, ich werde dem vorlauten und naseweisen Burschen die Wege zeigen! . . ." Aber Ihnes ließ sich nicht zurückhalten. Ihre Angst war so groß, daß sie selbst den Zorn ihres Vaters, vor welchem sie die Vorschriften der Ehrfurcht und kindlichen Liebe noch niemals außer Augen gesetzt, nicht scheute. Mit den glühendsten Worten, indem sie selbst das Andenken ihrer verklärten Mutter beschwor, flehete sie ihren Vater an, die Warnungen des jungen Mannes nicht in den Wind zu schlagen. Sie vertheidigte diesen mit Feuer, der doch von keinem Interesse, sondern nur von Wohlwollen geleitet gewesen. Sie wies darauf hin, wie unglücklich sie sich jetzt hier fühlen würde, wie jede Stunde j eine Quelle der Unruhe, jeder Vorfall eine Ursache heftigen Schreckens fortan für sie wäre, und appellirte an sein väterliches Herz, sie aus diesem qualvollen Zustande zu erlösen. Ja, sie warf sich selbst vor ihm zu Füßen, umarmte seine Knie, und wollte sich nicht erheben, bis er ihr ein Versprechen ertheilt hätte. Mendes sah in das entflammte Antlitz, auf die zitternde Gestalt seines Kindes, und er fühlte, daß er hier nur mit größter Ruhe und Schonung verfahren dürfte. Seine Besonnenheit war zurückgekehrt; er zeigte seiner Tochter den stillen Ernst und die muthige Entschlossenheit, die sie sonst an ihm gewohnt war, und die ganze väterliche Milde, die stets in seinem Benehmen gegen sie waltete. Er hob sie auf, legte sie an sein Herz, küßte sie auf die Stirn und strich ihr mit der Hand das in Unordnung gerathene Haupthaar glatt. „Ja, theures Kind, sprach er mit sanftem, aber festem Tone, ich werde Alles wohl erwägen, keines Deiner Worte soll mir verloren sein; ich werde Gefahr und Hülfsmittel, Recht und Verlust mit einander abwägen, und so handeln, wie es mir lnein Gewissen und meine Liebe für Dich vorschreiben wird. Verlaß Dich auf mich, Du hast doch nun schon so viele Jahre meinen Wandel und meine Verfahrungsweise beobachten können. Du kannst nicht verlangen, daß ich vor dem ersten Schreckbild feige entweiche, aber ich werde auch nicht tollkühn beharren, wenn meine Stellung unhaltbar geworden und ich einsehe, daß ich fehlgegangen. Sei ruhig, ich werde Dir nichts mehr verborgen halten, da ich sehe, daß wir von unberufenen Schwätzern umgeben sind." Diese letzten Worte beunruhigten Ines von Neuem und verletzten ihr Gefühl. Sie empfand heraus, daß ihr Vater seinen Standpunkt noch nicht verlassen habe, aber sie wußte doch auch, daß ihre Worte ihn erschüttert hätten und daß er sie nicht ganz außer Acht lasten werde. Sie erhob noch mancherlei Einwendungen, fügte noch viele Worte der Liebkosung und der Beredung hinzu, Mendes antwortete in gleicher Weise, und da sie sah, daß er nicht mehr zürne, daß seine Ruhe zurückgekehrt sei, so beruhigte auch sie sich, und als er ihr Zimmer verließ, waren Hoffnung und Vertrauen in ihr noch so offnes Herz zurückgekehrt. Aber dem jungen Manne wußte sie doch Dank, undendlichen Dank für seine Mittheilungen, denn ihr Vater hatte deren Richtigkeit und Wahrheit nicht anfechten können. Anders jedoch sah es bei Herrn Mendes aus. Daß seine Tochter die ganze Lage der Dinge jetzt kannte, erschien ihm als eine neue Bürde, die ihm auferlegt worden, als eine Schwierigkeit mehr, die er zu überwinden. Er ballte heimlich die Faust und schwur sich selbst, nicht eher zurückzuweichen, als bis er seine letzte Karte ausgespielt. Er ließ dem Herrn Hirsch sagen, daß weder er noch sein Sohn sich um seine Angelegenheiten kümmern sollten. Den Drohungen der Müllersleute wollte er stracks begegnen. Er ersuchte den Polizeichef, sich nach der Mühle zu begeben, und der Frau und den Söhnen des Müllers anzuzeigen, daß man die von ihnen ausgestoßenen Drohungen wohl kenne, daß sie daher für das Geringste, was geschähe, mit ihren Personen verantwortlich sein würden, ja daß, wenn sie fortführen mit Gewaltthätigkeiten zu drohen, sie sofort allesammt eingesteckt werden würden. In jener Zeit, wo noch dieselben Personen, dieselben Beamten beide obrigkeitliche Schwerter, das des Richters und das des Verwalters in Händen trugen, und wo ein rasches willkührliches Verfahren vor der strengsten, ja grausamsten Behandlung der Unterthanen nicht zurückschreckte, war das Wort einer Magistratsperson so schwer wiegend wie eine That, und die Söhne des verurteilten Müllers bissen zwar grimmig in die Kette, die ihnen angelegt war, aber sie fühlten sich doch von ihr festgehalten, und ließen die Arme muthlos sinken. Auch hatte man eine kleine Zahl schwei bischer Dragoner nach dem Orte gezogen, und so blieb