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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-18 · Heft 34 (18.8.1868) · p. Seite 688

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 34 (18.8.1868)
Date
1868-08-18
Page
Seite 688 (sequence 18)
Language
German
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«88 Lnderung in die Verhältnisse zu bringen. Er fuhr daher fort: „Es scheint, mein Fraulein, daß Sie die Lage der Dinge in diesem Lande nicht kennen, so wenig wie Ihr Vater sie kannte, als er die Bernsteinpacht autrat. Auch ich halte mich überzeugt, daß er im Falle, er hätte die Verhältnisse genauer gekannt, schwerlich das Geschäft übernommen haben würde. Lassen Sie mich Ihnen, weil es nun einmal geschehen muß, die Sache mit wenigen Worten anseinandersetzen. Gewiß hat Ihr Vater, da sich die Verhältnisse erst vor seinen Angen allmälig so gestalteten, um Sie nicht zu ängstigen und zu quälen, sie Ihnen verborgen gehalten. Ich bedauere sehr, daß ich berufen bin, so viel Unangenehmes Ihnen zu sagen. Aber vertrauen Sie meiner Aufrichtigkeit, ich habe kein persönliches Interesse dabei zu verfolgen." Ines blickte jetzt schärfer in das Antlitz des jungen Mannes, aber sie gewahrte da den Ausdruck eines so lauteren Offenmuths, eines so klaren und doch beunruhigten Geistes, daß sie ein unbedingtes Vertrauen zu ihm faßte. In gedrängten Zügen gab er ihr nun ein Bild alles dessen, was vorgegangen, und schilderte die Lage so scharf, ohne zu starke Farben aufzutragen, daß Ines den ganzen Umfang der Gefahr begriff. Der Boden schien unter ihrem Fuße zu wanken, der Horizont vor ihrem Auge zu zittern und in wirre Nebel sich aufzulösen, ihre Hand griff wie nach einer Stütze, und der junge Mann reichte ihr seinen Arm, um dazu zu dienen. „Was soll ich thun? Mein Gott, was soll ich thun? . . ." rief sie wie in Verzweiflung, und unbewußt rang sie die Hände. „Zunächst, erwiderte Raphael, müssen Sie Ihren Herrn Vater von der Gefahr, die ihm von den Müllersleuten unmittelbar droht, in Kenntniß setzen. Gott gebe, daß er die Warnung nicht in den Wind schlägt, denn diese rohen Leute sind zu Allem fähig. Er muß sofort Schritte thun, um dem Müller die Befreiung von der Zuchthausstrafe zu erwirken. Diese Strafe ist zu grausam, als daß nicht Jedermann schuldig wäre, sie aufheben zu machen. Das Uebrige werden diese Leute dann ruhiger ertragen. Kehren Sie daher zurück, Fräulein, und sprechen Sie mit Ihrem Vater sofort." „Das will ich thun, das will ich thun, lautete die Antwort. Aber nur noch Eines, mein Herr. Dies möchte wohl über den Augenblick helfen. Aber was ist zu thun, um aus dieser gräßlichen Lage herauszukommen, um diesem Irrgarten zu entfliehen, der uns früher oder später ins Verderben führen muß? Mir benimmt es den Athem, es liegt wie eine unermeßliche Last auf mir, wie wird man sie abwerfen können?" Der Jüngling dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: „Ich will Ihnen meine Ansicht nicht vorenthalten, aber ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam, daß ich und mein Vater gar kein Interesse daran haben, wenn allerdings auch wir mittelbar darunter leiden, wenn die ganze Landschaft in Aufregung ist und viele ihrer Bewohner verarmen und unglücklich werden. Mein Vater hatte sich anfangs erlaubt, dem Tenor Mendes Vorschläge zur Güte zu machen. Dieser aber hatte wohl damals noch keine Einsicht in das wirkliche Sachverhältniß und wies sie gänzlich ab. Jetzt kämen diese zu spät, und das einzige Heilmittel würde sein, wenn Ihr Herr Vater, sei es auch mit großem Verluste, das ganze Geschäft aufgäbe. Eine andere Auskunft weiß ich nicht." Ines schien von diesen Worten sehr erschüttert. Unwillkührlich schüttelte sie das Haupt, und flüsterte leise: „O das wird er so leicht nicht thun — dazu hält er zu fest an dem, was er als sein Recht ansieht . . . Doch ich danke Ihnen, ich fühle mich tief verpflichtet für Ihre Güte. Ich will jetzt nach Hause eilen, um wenigstens den nächsten Schlag abzuwehren!" Sie wollte zum Fortgehen umwenden, als Raphael ihr zurief: „Und wenn Sie mir eine Mittheilung zu machen hätten? An diesem Orte würden Sie mich wiederfinden können." Ines erröthete, und sagte schnell: „Nein, nein! Ich werde dann meine Zofe zu Ihnen schicken." Hiermit wandte sie sich und kehrte eilend zu dem Städtchen zurück. Raphael trat wieder in den Schatten der Bäume und blickte der forteilenden Gestalt so lange nach, wie ihm die Krümmungen des Weges gestatteten. Dann versank er in Nachdenken. Er hatte das vornehme und schöne Mädchen angeredet, lediglich aus dem Antriebe seines guten Herzens, um möglichst ein drohendes Unheil abzuwenden. Da sie ihn verließ, regten sich noch andere Gefühle in seiner Brust, und ein tiefer Eindruck war ihm von dieser Erscheinung zurückgeblieben, die in ihren wechselnden Empfindungen so viele herrliche Züge der Seele und des Antlitzes ihm offenbart hatte.- Sobald Ihnes dem jungen Manne aus dem Gesichtskreise gekommen zu sein glaubte, beschleunigte sie ihre Schritte noch mehr, denn jede Minute Verzögerung schien der Angst ihres kindlichen Herzens eine Vergrößerung der Gefahr. Sie kam daher in größter Erregung und erhitzt in ihrem Hause an und verlangte sofort ihren Vater zu sprechen. Dieser erschien und staunte über den Zustand, in welchem er sein geliebtes Kind gewahrte. Sie aber warf sich unter einem Strome von Thränen in seine Arme, und rief: „O mein Vater, mein Vater, was habe ich gehört! In welcher Gefahr schwebst Du! . . ." „Was ist Dir, Kind?" rief Mendes voll Schrecken aus, „was hast Du vernommen? Wer hat Dir was gesagt? Beruhige Dich doch, theure Ines, wer hat Dich so in Schrecken gejagt?" „Nein, nein, Vater, jetzt erkläre ich mir den Kummer, die Betrübniß, die Reizbarkeit, die ich an Dir seit Monden gewahrte und die ich garnicht zu begreifen wußte ... Du hast Verdruß, Sorge, Aergerniffe, und nun noch die Gefahr, von diesen rohen Menschen mißhandelt zu werden! . . ."

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