Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1868)
- Date
- 1868-08-18
- Page
- Seite 690 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226670--26373-3261911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eso Alles ruhig. Mendes wußte. ins Geheim dem jungen Manne doch einigen Dank, denn dessen Warnungen hatten ihn doch veranlaßt, diese Schritte zu thun, die seine weiteren Pläne zu schützen versprachen. Aber wie es zu geschehen pflegt, gerade hierdurch fühlte er sich um so unwilliger gegen die Familie Hirsch, und würde gern gegen sie eingeschritten sein, wenn sie ihm eine Veranlassung dazu gegeben hätten. Seine Tochter wußte er seine Maßnahmen in bestem Lichte sehen zu lassen, und die dahinrollenden Tage verwischten allmälig die Gefühle der Unruhe auch in ihrer Seele. Sie verfolgte bald wieder ihren bisherigen Weg, und bildete sich ein, durch Wohlthun und Freundlichkeit die Härte zu mildern, die ihr Vater ausüben mußte. Das Bild des jungen Mannes stand freundlich in ihrem Herzen; aber sie suchte ihm doch auSzuweichen, wenn sie ihm begegnete, und auch er ging nur mit einem bescheidenen Gruße an ihr vorüber. «Fortsetzung folgt.» Die spanische Inquisition. (Fortsetzung.» Blicken wir aber auf die Folgen der Inquisition in Spanien, so war die nächste und natürlichste die weite Verbreitung der Heuchelei, ein Scheinwesen und Ceremoniendienst, ein Wetteifer in geräuschvollem kirchlichen Mechanismus ohne jede innere religiöse Ergriffenheit. Man konnte hierzulande jahrelang grobe Unsittlichkeiten begehen und doch als ein guter Katholik gelten. Der moderne Tiberius, Philipp II., war selbst das Muster eines Inquisitions-Christen. Er lebte in stetein Ehebruch und wechselte seine Maitressen nach Laune, er war überlegter Lügner und Mörder, aber an unermüdeter Theilnahme an allen kirchlichen Feierlichkeiten wurde er von Niemandem übertrosfen. Ganz Spanien war voll von seiner Frömmigkeit und Hingebung an den Papst, der ihn seinen theuersten Sohn und die Säule der katholischen Kirche nannte, und mit Bewunderung wiederholte man das Wort, das Philipp bei dem großen Autodafs zu Valladolid gesprochen, daß er selbst das Holz zum Scheiterhaufen zutragen wollte, wenn sein Sohn häretisch würde. Die rohesten Formen einer an Idolatrie und Polytheismus grenzenden Superstition wurden von der Inquisition nicht nur nicht angetastet, sondern geradezu gepflegt. Selbst den Italienern, wenn sie nach Spanien kamen, sielen die grotesken Thiergestalten, die Larven, die unnatürliche Verbindung religiöser Ceremonien mit Maskeraden und Tänzen, das Singen profaner Lieder in ven Kirchen und bei Processionen auf. So konnte es denn noch am Ende des 17. Jahrhunderts Vorkommen, daß der Groß-Jnquisitor, der königliche Beichtvater und angesehene Doctoren der Theologie dev in Beseffenen steckenden Satan wie ein Orakel befragen ließen, was bei der angeblichen Bezauberung des Königs Karl II. zu thun und durch welche Beschwörungsformeln dieser Zauber zu heben sei. Alle schlechten Eigenschaften des spanischen National- Charakters, schonungslose Grausamkeit, Habgier, falscher Stolz, und Pochen auf eingebildete Vorzüge mit Verachtung und Vernachlässigung der wahren socialen Tugenden, blinder Racenhaß, Lust zum Müßiggang wurden durch die Inquisition gepflegt und weiter gesteigert. Wer hätte z. B. den Müßiggang zu tadeln gewagt, der durch das Beispiel von 50,000 Bettelmönchen geheiligt und durch die kirchlichen Feiertage, die in manchen Diöcesen ein Drittheil des Jahres ausfüllten, ermuntert war? Viele fruchtbare Gegenden Spaniens wurden in Folge dieser kirchlich gepflegten Faulheit zur Wüste und man konnte tagelang reisen, ohne auf ein Dorf oder Haus zu treffen. Die Gewerbe in den Städten waren meistens in den Händen von Ausländern. Die Religion, welche sonst bestimmt ist, die natürliche Wildheit und Härte im Menschen zu brechen, war für den Spanier mit den Vorstellungen von Kerker, Folter und Scheiterhaufen verbunden, er sah die Priester, sonst die Boten der Gnade und Verzeihung, als unerbittliche Richter, als Verkündiger von Todesurtheilen, als Henker. Nur in Spanien war es möglich, daß die Ankunft einer jungen Königin mit einem Autodaf« gefeiert oder die Melancholie eines kränklichen Königs (Karls II.) durch den Anblick der lodernden Scheiterhaufen zu verscheuchen versucht wurde. (Schluß folgt.) Kuriosum. Jüngst machte unter der Aufschrift „Geistlicher Etikettenstreit" eine Correspondenz die Runde durch die öffentlichen Blätter, in welcher der Proceß in Laasphe über die Amtstracht der jüdischen Kultusbeamten erzählt ward. Wir wissen nicht, in welchem Blatte diese Correspondenz zuerst stand und von wem sie ausgegangen. Der Correspondent erwähnte in dem Artikel unseres, in diesem Proceffe abgegebenen Gutachtens und hatte dabei die Freundlichkeit, unser mit den Worten zu gedenken „des bekannten, hochangesehenen Rabbiners Dr. Philippson". So stand es in allen Blättern zu lesen. Die Redaction der „Könischen Zeitung" aber, die bekanntlich eine starke Antipathie gegen die Juden hat, war damit nicht einverstanden, und indem auch sie den Artikel abdruckte, strich sie jene Beiwörter aus. Es machte uns dieser kleinliche Zug der Redaction eines großen Blattes vielen Spaß. Denn sollten jene Beiwörter uns wirklich zukommen, worauf wir durchaus keinen Anspruch machen, so würde der Strich vom Redactionsgriffel der Köln. Zeit, uns ihrer durchaus nicht berauben. Aber die Gesinnung wird dadurch doch bezeichnet. Verlag von Baumgartners BiM,Handlung in Leipzig. — Druck von I. SB. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.