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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-18 · Heft 34 (18.8.1868) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 34 (18.8.1868)
Date
1868-08-18
Page
Seite 687 (sequence 17)
Language
German
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Allg r MA'l n e Zkituag -es Zudcnthums. Feuiüeton-Leilage )n Ar. 34. Leipzig, den 18. August 1868. Die Bernsteinküste. «Fortsetzung.) 3. Eines Tages verfolgte Ines eine Landstraße, die zu einem nahe gelegenen Dörfchen führte. Die Straße war einsam, wie das Dörfchen, das aus wenigen Hütten bestand. Weißdornhecken, hier und da von einigen Bäumen unterbrochen, begrenzten den Weg. Als dieser eben um eine kleine Baumgruppe lenkte, trat aus dem Schatten derselben ein junger stattlicher Mann hervor und ging dem Mädchen entgegen. Er war groß und kräftig gebaut, hatte ein offenes und gescheidtes Gesicht, und seine regelmäßigen Züge waren von braunem Locken- und Barthaar vortheilhaft umrahmt. Als Ines diesen jungen Mann, den sie wohl schon öfter gesehen, aber nicht weiter beachtet hatte, auf sich zutreten sah, blieb sie verwundert stehen. „Entschuldigen Sie, Fräulein, begann er, wenn ich eS wage, Sie anzureden, und hier auf der Landstraße um ein kurzes Gehör zu bitten. Ich hätte anderswo keine Gelegenheit, und das, was ich zu sagen habe, wird mich in Ihren Augen rechtfertigen." Die gewählten Ausdrücke, das klingende Organ und die durchaus nicht rohen Geberden, durch welche der junge Mann von den übrigen Bewohnern des Städtchens, soweit Ines sie kennen gelernt, sich auszeichnete, gewannen ihr Interesse und sie antwortete: „Mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen?" „Mein Name ist Raphael Hirsch, mein Vater ist Kaufmann am hiesigen Orte und ich sein Theilnehmer," antwortete Jener mit einer Verbeugung. „Und waS hätten Sie mir zu sagen?" Raphael zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann erwiderte er in einiger Aufregung : „Fräulein, Ihr Vater ist in Gefahr, und ihn durch Sie zu warnen, da er anderen Leuten kein Gehör schenkt, ist der Grund und die Entschuldigung für die auffällige Störung, die ich in Ihren Spaziergang brachte." Ines erschrak heftig, und rief ängstlich aus: „In Gefahr? 3» welcher? Sagen Sie mir schnell . . „Dicht hinter jenen Hütten, zu denen diese Straße führt, von hier aus durch ein Gebüsch verdeckt, liegt eine Mühle an einem Flüßchen, das nach kurzem Laufe in das Meer fällt. Am Ufer dieses Flüßchens treibt der Müller seit langer Zeit den Bau auf Bernstein, und hat schon oft einen reichen Fund gethan. Seit einiger Zeit lieferte er aber nur wenig und schlechten Bernstein ab, und auf Grund desfallsiger Anzeige, oder sagen wir heimlicher Angeberei, ließ Ihr Vater den Müller überfallen und sein Haus durchsuchen. Man fand einen ziemlichen Vorrath von Bernstein auf, und in Folge dessen wurde der Müller mit schwerer Strafe belegt: der ganze Grund und Boden, auf welchem er den Bernsteinbau trieb, wurde consiscirt, dadurch kann zugleich jeden Augenblick dem Müller das Wasser zu seiner Mühle entzogen werden, und er selbst wurde zu drei Jahren schwerer Zuchthausstrafe verurtheilt. In diesen Tagen soll er abgeführt werden. Aber der Müller hat fünf erwachsene Söhne, und die ganze Familie ist von rohem, gewaltthätigem Charakter. Alle sind voll Grimmes auf Ihren Vater und stoßen die fürchterlichsten Drohungen gegen ihn aus. Sie sind die Leute, die vor der Ausführung nicht zurückschrecken, und ich fürchte sehr, daß Ihr Vater schwerem Leide ausgesetzt sei." Das Mädchen war bleich geworden und zitterte am ganzen Körper. Sie war ihrer Stimme kaum mächtig, und stieß mühsam hervor: „Das ist ja nicht möglich ... Sie müssen irren . . . Das kann nicht von meinem Vater ausgehen . . . Das ist ja entsetzlich'. . . Nein, nein! Angeberei, Haussuchung, Strafe, Ruin der Leute — das kann nicht mit meinem Vater Zusammenhängen, mit diesem edlen, hochherzigen und stolzen Charakter ..." Raphael sah voll Mitleids auf die tiefe Erregung, auf die Angst und Unruhe des schönm Mädchens, dessen fast noch kindliche Anmuth plötzlich von dem trüben Flor des Schreckens verschleiert, aber nicht verdeckt worden. Er begriff schnell, daß Ines die obwaltenden Verhältnisse garnicht kenne, und nach einigen Augenblicken des Schwankens, ob er Ihr den ganzen Abgrund zeigen solle, an welchem Ihr Vater und mit ihm sie selbst stand, sagte er sich, daß, da er angefangen, er auch dies leidige Werk, diese unangenehme Aufgabe vollenden müsse, wenn er seinen Zweck erreichen wolle, irgend eine Ver-

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