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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-18 · Heft 34 (18.8.1868) · p. Seite 680

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 34 (18.8.1868)
Date
1868-08-18
Page
Seite 680 (sequence 10)
Language
German
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680 schaden; ja selbst die an den Chassidäern sosehr verschrieene Wissensscheu entspricht der Realität nicht durchgängig. Sehr viele von den schulbesnchenden Kindern der obgenannten Schulen gehören chassidäischen Eltern zu; ja selbst der zu Sniatyn hausende, weit verehrte „gute Jude," wie man mich versicherte, ein seiner Weltmann, der auch von vielen Rabbiniten und sogenannten Aufgeklärten Besuche erhält, schickt seine Kinder in die öffentliche Schule, um sie polnisch und deutsch lehren zu lassen. Ist es die Macht der Civilisation, die sich Bahn bricht, und alle Schranken umstürzt, oder die dem galizischen Juden in hohem Grade inwohnende Toleranz, welcher nicht nur in seiner Umgebung, sondern selbst in seinem eigenen Hause die verschiedensten Abstufungen der Bildung und Frömmigkeit ruhig gewähren läßt? Einen anderen Umschwung noch bemerkte ich in den Familien wenigstens, mit denen ich während meines kurzen Aufenthaltes in Galizien in Berührung kam. Abkömmlinge von Familien, in deren Häusern vor zwanzig bis dreißig Jahren der Gebrauch der reinen deutschen Sprache bereits für einen großen Fortschritt gehalten wurde, lassen ihre Kinder ganz in der polnischen Sprache erziehen und unterrichten; man sagte mir, es sei diese Sitte sehr allgemein, und doch zweifelt der Lemberger Pole am Patriotismus seines israelitischen Mitbürgers, und leider legt er seine feindselige Gesinnung gegen denselben bei jeder Gelegenheit an den Tag; es sei jedoch zu unserer Beruhigung gesagt, der Bukowiner und westgalizische Pole, namentlich der von den Krakauer und Tarnower Bezirken, ist in seinem Verhalten gegen seinen israelitischen Mitbürger viel humaner und gerechter. Mit ungemeiner Befriedigung komme ich schließlich von dem erfreulichen Eindrücke zu sprechen, welchen die Wiener öffentlichen gottesdienstlichen Einrichtungen auf mich machten, und deren angenehme Erinnerungen noch lange Zeit in meinem Gcmüthe nachklingen werden. Ich hatte Gelegenheit sowohl im Stadt'Tempel, an welchem der klassische ehrwürdige Prof. Sulzer als Cantor und Chordirektor, und der beredte sehr gelehrte vr. Jellinek als Prediger wirken, als auch im Lcopoldstädter Tempel dem Gottesdienst am Freitag Abend und am Sabbath-Morgen beizuwohnen, ich war bei der Feier einer Trauung und bei den Begräbniß-Feierlichkeiten einer allgemein verehrten Persönlichkeit zugegen; man muß sagen: Alles wird erhebend, mit wahrer Zweckmäßigkeit, und zu religiöser Erbauung verrichtet. Als rühmenswerth und mustergiltig werden nicht allein die oberwähnten öffentlichen Gemeindeanstalten, sondern auch die anderen sehr zahlreichen Erziehungs- und Wohlthätigkeits Institutionen der Gemeinde, und der stets bereitwillige Opfer- und Wohlthätigkeitssinn der Gemeindeglieder anerkannt. — Als Curiosum unserer Zeit mag es nicht unerwähnt bleiben, daß bei dem glänzenden Tourniere, welches während der von der Stadt Florenz dem Kronprinzen Humbert und seiner Gemahlin zu Ehren gefeierten Festlichkeiten unter der Anführung des Prinzen Amadeo von Aosta gehalten wurde, auch ein toscanischer Jsraelite von vornehmer Familie mitwirkte. Gegen Ende Juni hat in Livorno ein Ereigniß stattgefunden, welches einen betrübenden Beweis liefert, daß auch in den unteren Schichten der sonst so gesitteten italienischen Bevölkerung fanatische Anwandlungen Vorkommen. Es wurde nämlich gegen Abend die Leiche eines Israeliten zur Beerdigung auf den Friedhof begleitet, als der Trauerzug durch den Wurf einiger Steine zu stören gesucht wurde; und da deßungeachtet der Zug seines Weges sich ruhig fortbewegte, so wurden etliche Todtenbestatter thatsächlich angegriffen und verwundet. - Was aber noch den Schmerz über solch einen unerhörten Vorfall vermehrt, ist, zu sehen, daß es in der Hauptstadt Italiens ein Blatt giebt, das sich nicht entblödet, über solch eine grauenerregende Unthat zu scherzen und zu lachen!! In Triest machte man mich auf eine Stelle in der vom dortigen Rabbiner auf den sel. S. D. 8. gehaltenen Trauerrede aufmerksam, worin es unzweideutig zu lesen ist, als wenn beim Ableben des sel. Reggio (dessen Namen jedoch nicht ausdrücklich, übrigens aber äußerst genau angedeutet ist) die Synagoge demselben keine Trauerfeierlichkeiten gehalten habe, toeil er nicht ein wahrer Jude war. Unwahr, denn viele Synagogen haben seinen allzufrühen Tod beweint; und dann, Reggio kein Jude! Wie viel Juden giebt es denn, wenn Reggio keiner war? Bewahre uns der Himmel vor solcher Inquisition unter den Juden!

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