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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-18 · Heft 34 (18.8.1868) · p. Seite 674

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 34 (18.8.1868)
Date
1868-08-18
Page
Seite 674 (sequence 4)
Language
German
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674 geifte, den wir in seinen beiden Theilen als Verstand und Glauben, als Berstandeskritik und Autoritätsglauben bezeichnen können.. Beide haben ihre naturgemäße Quelle, beide sind Nothwendigkeiten, und es ist vergebens, wenn die Anhänger der einen wie der anderen Seite ihrem Gegensätze die Geltung und Unentbehrlichkeit absprechen wollen. Gerade darum aber, weil beide im Menschengeiste vereinten Gegensätze doch so verschiedener Natur sind, wollen sie sich gegenseitig verleugnen und schlagen in das Extrem über. Die Berstandeskritik wird zur Hyperkritik und zum Skeptizismus; der Autoritätsglaube wird zum Buchstabenglauben und Aberglauben. So schaaren sie ihre Anhänger um ihre Fahnen, und diese Anhänger steigern sich vom Enthusiasmus zum Fanatismus. Und doch liegt in beiden Nichts als die eigene Selbstvernichtung. Der Skeptizismus leugnet zuletzt alle Erkenntniß und alles Erkennbare, alle Wahrnehmung, selbst des Materiellen. So bleibt ihm auch von der Verstandeskritik nichts übrig, von der er ausgegangen. Aber in demselben Maße vernichtet der Buchstabenglaube den Glauben selbst; er verdrängt und leugnet den Gedanken in der Form, den Geist in der Gestalt, das Princip im konkreten, so daß ihm nichts als Form und Gestalt übrig bleibt, die keines Glaubens bedarf, sondern nur durch die Wucht des Bestandes allein ihre Existenz fortsetzt. Die Geschichte liefert hierfür Beweise genug, und wir erinnern als Beispiel an die Zurückweisung und Verurtheilung aller rr"7272 bei den Orthodoxen der letzten Jahrhunderte, d. h. aller Gedanken des Gesetzes, aller Gründe und Zwecke des Gesetzes, während Maimonides und seine Anhänger der Erforschung derselben noch einen weiten Raum boten. — Indessen, um gerecht zu sein, muß man zugestehen, daß beide Extreme nach dem Worte Kohelets „ibre Zeit haben." In einer Epoche, wo der geistige Verfall ein vollständiger, ein immer tiefer gehender ist, hat man es dem Buchstabenglauben zu danken, wenn er wie eine harte Hülse den saftreichen und heilsamen Kern luftdicht umschließt und vor Fäulniß und Verstäubung schützt, ihn so einer neuen Zeit und dem wiedererwachten Geiste entgegentragend. Dann wiederum ist die Hyperkrittk und der Skeptizismus eine Nothwendigkeit, um mit scharfem Messer oder schwerem Hammerschlage die harte Hülse zu zerbrechen. Jenem Buchstabenglauben wird es nicht gelingen, den Kern zu erdrücken, und dem Skeptizismus nicht, ihn zu zerschlagen. Dann kommt die Zeit, wo die beiden Extreme allmälig ihre Kraft verlieren und der Geist in seinem' naturgemäßen Zustande die Ausgleichung der beiden in ihm vorhandenen Gegensätze anstrebt. Aber da kommt eben die schwierigste der Fragen herein, auf welche Weise dies zu erlangen sei? Wie wir die Grenzen beider Geistesrichtungen zu erkennen und innezuhalten vermögen? Wir glauben nicht, diese Frage für die Menschheit endgültig lösen zu können. Sie ist eine der großen Aufgaben der Menschheit, an der diese in ihrer ganzen Entwickelung zu arbeiten hat, und die daher niemals das Werk eines Individuums sein kann. Das haben wir durch den Wechsel der Systeme im Laufe der Vergangenheit erreicht, daß wir jedes System doch nur als das Erzeugniß eines individuellen Geistes zu betrachten haben. Aber diese Frage der Menschheit ist doch wiederum eine Frage für jedes Individuum; sie stellt sich in Jedem auf, und kann daher wenigstens für das Individuum die Stufe einer Lösung erreichen. Frägft du dich daher, welches ist der Boden, auf den ich mich stellen muß, um eine positive Grundlage zu haben, und die mir dennoch nicht die Arbeit des Verstandes untersagt? so hast du vor Allem auf Zwiefaches zu achten. Das Erste ist, die Stimme der Menschheit selbst zu hören, d. h. die Gedanken, welche die gesammte Menschheit aus ihrer Ursprungszeit heraus durch ihre ganze geschichtliche Zeit hindurch gehabt, festgehalten und entwickelt hat, als den Inhalt deines Autoritätsglaubens zunächst festzustellen. Seit alter Zeit gilt der conscnsus omnium, d. h. die Uebereinstimmung Aller für ein wichtiges Argument; nur darf man es nicht auf die Menschen einer Zeit beschränken, sondern muß es auf die aller Zeiten ausdehnen. Gerade was in Epochen der Entwickelung, des regsten Geisteslebens, der Bewegung und Krisen dennoch überall zum Vorschein kommt, überall Gegenstand und Ziel ist, das ist eine Wahrheit, wenigstens für den Menschen eine Wahrheit, weil es aus den innersten Tiefen des menschlichen Wesens gekommen ist und in denselben beruht. Was die eine Zeit aufstellt, und die andere zerschlägt, das ist das Erzeugniß eines Extrems; was aber auch in den verschiedenartigsten Gestalten, ja in den Gegensätzen selbst und immer wieder als höchster Gedanke und gedanklicher Gegenstand zum Vorschein kommt, das halte fest! Denn nichts Anderes bist du als ein Glied deS großen Ganzen, der unermeßlichen Gesammtheit, und was dieser ein Mittelpunkt ihres Lebens ist, der Herzschlag ihres ganzen Blutumlaufes: das ist auch dein

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