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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-08-11 · Heft 33 (11.8.1868) · p. Seite 669

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 33 (11.8.1868)
Date
1868-08-11
Page
Seite 669 (sequence 19)
Language
German
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Fund mit geringer Vorsicht verborgen; dort überraschte man einen Händler, der mit dem Sortiren seines Ankaufs beschäftigt war. Das war genug, um strafen zu können; zuerst gelinder, dann mit furchtbarer Strenge. Dies erweckte Ingrimm und Rachedurst in den Gemächern. Das Rechtsgefühl der Masse vermochte in so kurzem Zwischenräume nicht, in uralter Gewohnheit plötzlich ein Verbrechen zu finden. Sie glaubte sich vielmehr eines Rechtes beraubt, und jede Uebung des Gesetzes sah sie als eine Gewaltthat an. Freilich Widersetzlichkeit gegen die obrigkeitliche Macht war damals eine unbekannte Sache, aber man verhärtete sich um so mehr im Widerspruch und Widerhandeln. Jeder Gewinn war zugleich eine Befriedigung der Rache, und Gefahr und List batten um so größeren Reiz, um so mehr Anziehungskraft. Jndeß auch die Gegner waren nicht unthätig. Wie die Landschaft mit heimlich Verschworenen und Schmugglern überschwemmt war, so suchte man nun auch sie genügend mit Denuncianten zu besetzen. Es wurden große Belohnungen für jede mit Erfolg begleitete Anzeige gesetzt, und dies blieb nicht ohne Resultat. Theils Noth, theils Neid brachte Biele dahin, zu geheimen Verräthern zu werden, und so war bald die bis dahin so friedliche Küste einer belagerten Festung gleich, von Minen und Contreminen unterwühlt. Das war ein trauriges Leben, am traurigsten für das reichgeschmückte Haus des Senor Mendes. Mendes war seit Jahren Wittwer. Die irdischen Reste seiner Gattin ruheten unter einem großen marmornen Monumente auf dem Friedhofe der portugiesischen Gemeinde von Amsterdam. Von hier war er nach Altona, von Altona nach Stockholm gezogen, und endlich in unserem Städtchen angelangt. Ueberall hatte er die einzige Frucht seiner Ehe, seine Tochter Ines, mit sich genommen, er vermochte sich nicht von ihr zu trennen. Sein ganzes Herz hing an diesem Mädchen, das keine blendende Schönheit, aber von großer Anmuth, seelenvollem Liebreiz war. Ines vergalt ihrem Vater mit gleicher Herzensinnigkeit. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Gefühle; ihm kleine Dienste zu leisten, selbst durch die hohe Bildung, die sie sich angeeignet, ihm Unterhaltung zu schaffen, war das Ziel ihrer Wünsche und Anstrengungen. Sonst ging sie einsam durch das Leben; Brüder und Verwandte hatte sie nicht, von ihren Jugendgenossen und Bekannten hatte das Geschick sie losgerissen. Ihre Befriedigung suchte sie in Werken der Barmherzigkeit. Ihres Vaters Liebe stellte ihr hinreichende Mittel zu Gebote, um diesen Hang zu befriedigen. Sie suchte die Hütten der Armen und Kranken selbst auf und brachte Linderung und Trost dahin. Sie that dies in so bescheidener und jedem Aufsehen fremder Weise, daß sie bald in der ganzen Gegend ebenso verehrt ward, wie ihr Väter gehaßt. Sie machte dabei weiter keinen Unterschied zwischen Christen und Juden, als daß sie bei den letzteren noch bescheidener und schonender auftrat und ihre Gaben erhöhte, da sie ihre Glaubensgenossen wohl kannte, die, von weit mehr Gleichheitsgefühl und Empfindlichkeit beseelt, zugleich bei größeren Bedürfnissen mehr Opfer beanspruchen. Auf diesen Gängen überschritt Ines, wenn das Wetter günstig, bisweilen die Grenzen des Städtchens und dehnte ihren Fußgang auf die Wege aus, die nach verschiedenen Seiten hinausführten. Sie wurde dabei zumeist von ihrer Zofe begleitet; später jedoch, als sie Stadt und Wege näher kennen gelernt und die volle Sicherheit, mit der man sich dort ergehen konnte, kannte, besuchte sie ihre Schutzbefohlenen auch allein und verfolgte ihren Spaziergang in der Einsamkeit. Am mächtigsten zog es sie nach der nahen See hin. Die tanzenden Wogen der See, die an den Fuß der Dünen schlugen, der Blick über das unbegrenzte Meer, auf welchem nur hier und da die leuchtenden Segel eines Fahrzeuges bemerkbar waren, die ewig wechselnden Lichtessecte auf der weiten Wasserfläche; dann das nie ersterbende Rauschen der Luft über den auf- und niedersteigenden Wellen, das mit jedem anschwellenden Winde voller und stärker ertönte, bis es mit dem Gebrüll der aufgeregten Wogen sich vereinte, das Alles trieb sie vorwärts, um von irgend einem Sandhügel des gewaltigen Schauspiels sich zu erfreuen. Aber es währte lange, bis sie dies konnte, bis sie es sich gestattete. Denn ihr Vater hatte sie verwarnt, sie ersucht, den Weg nach der See nicht einzuschlagen. Denn die Pfade kreuzen sich dort unaufhörlich, wie die Bauern und Fischer sie nach ihrem Belieben getreten, und am Strande selbst verwehte der Wind alle Spuren, und die Dünen- und Sandwellen bildeten ein Labyrinth, aus dem sich nur der Kundigste zu finden verstand. Auch mußte man wohl unterrichtet sein über Ebbe und Fluth, wollte man von letzter nicht überrascht werden, da sie langsam nahete, dann aber oft schnell und über die Maßen anschwoll. Ines wagte es daher nur allmälig, vom Städtchen aus nach der Seite der See vorzudringen; nur nach langer Zeit rückte sie fast Schritt vor Schritt dem Strande näher, und empfand oft Reue, wenn sie ihrem inneren Drange nachgegeben hatte. So hatte sie erst nach vielen Monaten ein oder zwei Mal den Anblick der See genossen und immer noch von Weitem und durch den letzten Gürtel der Dünen vielfach behindert. Aber gerade darum wuchs ihr Verlangen immer mehr, und sie sah sich nach Mitteln um, sicher und ohne ihres Vaters Verbot zu verletzen, ihren Wunsch befriedigen zu können. War dies doch das Einzige, was ihr diese Umgebung außerhalb ihres väterlichen Hauses bot. Und in diesem war es jetzt traurig, denn ihr Vater, so wenig er es gestehen wollte, wurde immer verdrießlicher und voll bitteren Unmuths über die Lage, in die er gerathen und aus der er keinen Ausgang sah. Auch er wurde leidenschaftlicher und hitziger auf die Verfolgung seines Rechtes, auf den ungeschmälerten Gewinn, den er zu; beanspruchen hatte, auf die Niederwerfung seiner Feinde, die im Dunkeln gegen ihn kämpften. Aber er sah, daß er hierin nicht vorwärts gelange, und dies vermehrte

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