Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1868)
- Date
- 1868-08-11
- Page
- Seite 668 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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thum, das war das Ziel seines Ehrgeizes, sein Traumbild, der Zweck seiner unermüdlichen Arbeit. Worin sie aber nun beide übereinstimmten, das war die Zähigkeit in ihren religiösen Bräuchen und Sitten, in der den Einen wie den Anderen die kleinste Gepflogenheit der Väter als das unverbrüchlichste Gottesgesetz erschien, und da nun beide Glieder des jüdischen Stammes außerordentlich verschieden waren, so konnte an eine Verschmelzung nicht gedacht werden, und daß Einer dem Anderen weichen sollte, noch weniger. Auf diesem Punkte der Schlachtlinie standen sich also die beiden Parteien unbeweglich gegenüber, und vermochten sie sich nicht zu schaden, so ärgerten sie doch einander. Bald kamen noch mehrere Diener des Senor Mendes an, und da ihm nunmehr nur wenige Männer am Minjan noch fehlten, suchte er nach solchen, die er für die Theilnahme an seinem Gottesdienste bezahlen könne. In dem Städtchen suchte er vergebens. Diese Leute hatten einen engen Bund geschloffen, und was den Aermeren Mendes bot, zahlten ihnen die Anderen aus einer gemeinsamen Kasse. Aus einigen Dörfern glückte es ihm von Zeit zu Zeit beffer, und mit Stolz wandelte er dann in Begleitung seiner ganzen Partei nach dem von ihm gekauften und verschwenderisch ausgeschmückten Betlokale. Doch seine Gegner intriguirten so angemessen und ausdauernd, daß seine armseligen Bundesgenoffen ihn bald wieder im Stich ließen. Die alten Weiber waren bald überzeugt, daß, wer mit den Sefardim bete, seine Schuldigkeit nicht gethan, also so gut wie sein Gebet nicht verrichtet habe, und dies glich einem Abfall vom Jndenthume auf's Haar. Sie ließen ihre Männer und Söhne nicht wieder hingehen, und wenn man ihnen goldene Berge verspräche. Und was nützte es ihnen endlich weiter als die paar Groschen, die Mendes zahlte, gab er doch in der Hauptsache nicht nach. Und diese Hauptsache war sehr schlimm geworden. Auf der ganzen Bernsteinküste, soweit sie unter schwedischem Scepter stand, waren die Bekanntmachungen der Regierung erfloffen, welche allen Bewohnern des Strandes befahlen, den Ertrag an Bernstein, sei es aus regelmäßiger Fischerei und Gräberei, sei es ans zufälligem Funde, in die Hände des Senor Isaak de Mendes und seiner, mit Certificat von ihm versehenen Agenten zu liefern gegen die taxmäßigen Preise, und mit strengsten Strafen jede Contravention belegten, ganz wie Jagd- und Forstfrevel. Zugleich stellte sie alle polizeilichen und militärischen Behörden dem Senor zu Gebote und verlieh ihm das Recht, mit Hülfe jener Haus- und Nachsuchungen aller Art anzustellen. Anfänglich hatte dies seine volle Wirkung. Eine Unmaffe von Bernstein schönster und gewöhnlichster Art in großen und kleinen Stücken floß in die Niederlage des Herrn Mendes und versprach den allergünstigsten Erfolg seines Unternehmens. Seine Commis durchstreiften die ganze Landschaft, um in Empfang zu nehmen, was sich vorfand. Mit einem Male stockte der Zufluß, oder vielmehr eine große Menge, aber unbedeutenden Bernsteins, kam an, wahrend es schien, daß plötzlich der Fund werthvoller Stücke gänzlich aufgehört habe. Aber es war nicht die Natur, welche etwa ihre Gaben dem begehrlichen Menschen versagte. Es ging ganz natürlich zu. Nachdem die Mission des Herrn Hirsch gänzlich gescheitert war, versuchten es noch einzelne Händler, sich bei Mendes Gehör zu schaffen. Sie stellten ihm ihre Lage mit rührenden Worten dar, sie machten ihm die Anträge, wie ihr Fürsprecher es gethan. Herr Mendes war durchaus kein hartherziger Mann. Er befolgte die Gebote der Wohlthätigkeit, wie sie das jüdische Gesetz vorschreibt, mit peinlichster Gewissenhaftigkeit, und an den Zehenten, die er den Armen gab, fehlte kein Heller. Er erbot sich daher auch, den Flehenden eine Gabe zu reichen, oder ihnen zum Beginn eines andern Geschäftes eine kleine Summe zu leihen. Aber von seinem Rechte wollte er keine Linie aufgeben, und in einen so großen Ausfall seines Gewinnes zu willigen, wie aus der Zulassung der Zwischenhändler ihm erfließen mußte, war er durchaus nicht gewillt. Er erklärte ihnen trocken, daß dies nicht anginge, und wenn sie seine Gabe nicht annehmen wollten, könnte er ihnen nicht helfen. Sie verließen ihn, Ingrimm im Herzen. Wem Jemand sein Brod nimmt, den versetzt er nicht in die Lage, zu erwägen, ob er eigentlich anders handeln könne, ob er in deffen Stellung anders handeln würde, ob Jener überhaupt Schuld an diesem Berhältniß sei — er haßt, er verdammt, er bekämpft ihn. Bald war der heimliche Handel mit Bernstein überall nicht blos eingetreten, sondern völlig organisirt. Es wurde Geld zusammengeschoffen, um jedem Einzelnen zu jeder Zeit die nöthigen Mittel zu Gebote zu stellen. In regelmäßigen Fristen kam man heimlich zur Nachtzeit in die Dörfer, in die Häuser und Hütten der Fischer und Bauern, um die besten Bernsteinstücke zu erhandeln; ja man verabredete gewisse Zeichen an den Wohnungen, wo man Bernstein gesammelt hatte. Die Wege, auf welchen man die begehrte Waare über die Grenze nach dem Preußischen brachte, waren bald ermittelt, und sic nahm einen zu geringen Umfang ein, als daß sie nicht mit Leichtigkeit über die Grenze geschafft werden konnte und der größten Wachsamkeit der Grenzbeamten entging. Der Rückschlag konnte nicht ausbleiben. Obrigkeitliche Verwarnungen blieben erfolglos. Man mußte die Strenge des Gesetzes bethätigen, man mußte Exempel statuiren, wenn nicht Alles verloren sein sollte. Die polizeilichen Vexationen begannen. Ein Hausrecht, eine Schonung der Unterthanen kannte man in jener Zeit noch garnicht, und die fremde Regierung hielt noch weniger darauf, gegen ihre deutschen Unterthanen Nachsicht zu üben. Eine große Anzahl Gensdarmen durchstreiften das Land, und fielen bald hier, bald dort in die Häuser ein, und durchsuchten alle Schlupfwinkel und Verstecke der Häuser, wobei sie sich durchaus nicht der höflichsten Manieren bedienten. Selten fand man, was man suchte. Aber doch einige Male. Hier hatte ein Fischer seinen