Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1868)
- Date
- 1868-08-11
- Page
- Seite 655 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ihnen nicht selten Hungertodfälle Vorkommen. Alle russischen Zeitungen lWiedomosti, Wiestnik, Golos u. s.w.) freuen sich darob und jubeln: „Die Juden werden von selbst zu Grunde gehen — wenn man sie nach und nach des Gutes und Habes verlustig sehen wird. Man muß sie zu Bettlern machen, und aus diese Art werden sie sich gewiß selbst russificiren." » Man sieht, diese Herren wollen Zwiefaches, zuerst alle in dem ungeheuren Czaarenreiche bestehenden Nationalitäten entnationalisiren, und da sie sich einen Russen nicht anders als einen Anhänger der Popen denken können, sollen sie auch griechisch-katholisch werden. Das Nationalisiren der Juden in Rußland würde, wenn man ihnen Freizügigkeit und bürgerliche Recht gebe und Zeit gewähre, keine große Schwierigkeiten machen. Aber daß man dies plötzlich und in kürzester Zeit und durch Unfreiheit, also mit einem Worte durch Gewalt thun und sie zugleich ihrer Religion berauben will, das ist das Unvernünftige und Unselige. Rußland will also den Weg Spaniens betreten, und läßt sich von den bereits offenbar werdenden Symptomen derselben Wirkung aus denselben Ursachen nicht warnen. Die Russen freuen sich der gänzlichen Verarmung der Polen und Juden, wie sich die Spanier der Verarmung und Verbannung der Mauren und Juden fteuten. Jene haben noch heute Ursache, über diese Freude ihrer Väter zu weinen. Mit einer Selbstironie, wie sie nicht nackter gedacht werden kann, sagen jene russischen Journale, die Juden, je ärmer sie werden, desto leichter werden sie sich russifiziren. Jndeß kann dieses Spiel für Rußland noch weit gefährlicher werden als für Spanien. Rußland beherbergt so zahlreiche Nationalitäten, wie Spanien nicht besaß. Alle diese Nationen können sich dem russischen Szepter beugen, will man sie aber sämmtlich mit Gewalt russifiziren, so könnte daraus ein Sturm entstehen, der die gänzliche Verarmung des Reiches nicht abwartete, um es in allen seinen Vesten zu erschüttern. Traurig, daß zu derselben Zeit, wo man in Rußland die Leib eigenschafl aufgehoben, man die Geister zu Leibeigenen machen will. Die Verworrenheit der Pläne, mit denen man an -die Juden will, zeigt das Unreife und Unvernünftige der ganzen Tendenz. Seit Jahrzehenden bettelt man für die Juden in den westrussischen Provinzen um Freizügigkeit für das ganze russische Reich, und man versagte sie ihnen oder verklausulirte sie mit solchen Bedingungen, daß kaum «n Tropfen, viel weniger ein Strom hindurch konnte — und jetzt will man sie mit Gewalt auf einmal nach den innerrussischen Provinzen versetzen. Andere wieder wollen die Juden in jenen Provinzen festhalten, damit sie daselbst verarmen. Man steht sie bereits verarmt — und darin hat man Recht — und doch sollen sie wieder in Polen alle Kapitalien besitzen. Man weiß nicht einmal, daß in den Westprovinzen sämmtliche Handwerker und Tagelöhner Juden sind, und hält sie allesammt für Kaufleute, die man nun durch russische Kaufleute ersetzen möchte. Dies ist es jedoch, was uns einigermaßen tröstet. Mit solchem Geschwätz kann eine Regierung, wenn sie auch den Willen dazu hätte, nichts anfangen. Es bleibt davon nichts weiter übrig, als die immer erneuete Wiederbelebung des Hasses und der Vorurtheile und die Rechtfertigung aller Gewaltsmaßregeln. Dies ist freilich traurig genug. Gewiß sind dies Sturmwolken an unserem Horizonte. Jndeß hoffen wir, daß der Wind, welcher aus ver Hand der göttlichen Vorsehung und aus der Brust der humanen und civilisirten Menschheit in frischem Wehen kommt, diese schwarzen Wölkchen zerstreuen und vorüberführen wird! *) *, Die „N. fr. Pr." welche sich mit nicht genug zu rühmender Energie aller Unterdrückten, wo dieselben sich befinden, besonders auch der Juden annimmt, bringt „von der poln. Grenze 27. Juli" folgende Mitth. „Der Gouverneur von G r o d n o (in Littauen) fand in einigen jüdischen Häusern Unreinlichkeiten. Alle Hauseigenthümer jüdischer Confeffion, sowol Schuldige als Unschuldige, haben je 10 Silberrubel Strafe gezahlt, fo daß zusammen über 150V Rubel gezahlt wurden. Die Juden verfaßten nun einen Recurs an den Statthalter Kaufsinann, und einejüd. Deputation von sechs Bürgern begab sich nach Wilno, um das Gesuch dem Statthalter zu überreichen. Dieser theilte die Beschwerden der Juden dem Gouverneur von Grodnv mit, welcher die Delcgirten je 25 Silberrubel und alle anderen jüdischen Hauseigenthümer je 10 Silberrubel Strafe dafür zahlen ließ. Nach der doppelten Strafe begaben sich die Juden zu dem Minister des Innern. Dieser schickte den Recurs an den Statthalter Kauffmann, der wieder an den Gouverneur von Grodno. Zum drittenmale nun haben alle Hauseigenthümer je 10 Silberrubel und die Delegirten zum zweitenmale je 25 Silberrubel Strafe zahlen müssen. Die verzweifelnden Juden wendeten sich nun an den Kaiser selbst und stellten ihr Unglück in Folge des Brandes im Jahre 1865, der ihnen die Hälfte des Vermögens entriß, vor. Der Kaiser verlangte vom Gouverneur eine Erklärung darüber. Dieser befahl, zum viertenmale die Strafe von je 10 und 25 Silberubeln zu zahlen, und zwang alle Bürger der Stadt, eine Adresse an ihn zu unterschreiben, worin sie