Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1868)
- Date
- 1868-08-11
- Page
- Seite 654 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der modernen Hamans, welcher die Wiederkehr des alten Hasses'und die Ausrottung en masse predigen, ist Herr Crampon, der Redakteur en chef der Finance. Es ist nicht gerade religiöser Eifer, der ihn beseelt, die Religion steht bei ihm erst in zweiter Linie. Eine weit natürlichere Leidenschaft, der Neid, flößt ihm allein seine gehäffigen Ausfälle ein. Das Verbrechen der Juden in den Augen unseres theuren Collegeu besteht darin, daß sie den christlichen Banquiers nicht ausschließlich dieMühe überlassen, die Ersparnisse der Bevölkerung zu ihrem Vortheil zu benutzen! Sonst aber ist es rührend, wie die klerikale Finanz, welche die Finance vertritt, mit der klerikalen Politik immer in dasselbe Horn stößt. Nach dem „Vaterlande", nach dem „Univers" und dem „Monde" sind es die Juden, welche Oesterreich liberal gemacht und damit ruinirt haben, nach der Finanee sind es die Juden, welche die moderne Welt ruiniren, und nach allen diesen klerikalen Organen wird nächstens die ganze Welt aufstehen und die Juden entweder ganz und gar verschlingen oder wenigstens in mittelalterlicher Weise verfolgen. Letzteres ist nun allerdings bei solchen fanatischen Schwärmern für das Mittelalter sehr erklärlich, denn sie können sich die mittelalterliche Herrschaft des Papstthums, die sie wieder Herstellen wollen, mit Recht nicht ohne das Faustrecht, das Raubritterthum und die Judenverfolgung denken. Herr Crampon ist aber dennoch der Meister aller dieser Journalisten, denn er debutirt mit einer neuen großen Entdeckung: die Juden sollen nicht allein die ganze moderne Welt aufzehren, sondern sie sollen auch schon das weströmische Reich zum Verfall gebracht und aufgezehrt haben, wofür das Mittelalter sie bestraft habe. Fürwahr, das ist ein furchtbares Geschlecht und hat eine Kraft und einen Magen, wie sie einem Weltriesen nicht zu Gebote ständen. Also die römischen Cäsaren uud Imperatoren heidnischen und christlichen Glaubens müssen nach Herrn Crampon heimlich Juden gewesen sein. Die Parther, die Hunnen, Gothen, Vandalen, kurz die Nationen der ganzen Völkerwanderung müssen heimlich Juden gewesen sein, die Erschöpfung und Erschlaffung des antiken Geistes, die römische Unterdrückung und Aussaugung aller Nationen, die Knechtung und das Sclaventhum aller Völker, der furchtbare Verfall aller Sitten, wie er unter den heidnischen Cäsaren sich entwickelte, und unter den christlichen Cäsaren immer mehr anwuchs — alles dies kam nur von den Juden her, von der Hand voll Juden, die in Griechenland und Italien, von den paar Dutzend Juden, die in Gallien und Germanien lebten! Wie verlumpt muß das Wisien und das Gewissen aller dieser Crampons sein, um solche Behauptungen aufzustellen, und wie unwissend und erbärmlich müssen sie sich ihr Publikum vorstellen, um ihm so etwas, vielleicht sogar als Lieblingsgericht aufzutischen!- Jndeß von viel größerem Belang als die unsinnigen Expektorationen des „Vaterlands" und der „Finance" erscheint uns ein anderer Umstand, der uns jetzt stgnalisirt wird. Es sind dies die wüthenden Angriffe, welche gegenwärtig die russische Presse gegen die Juden richtet. Der Zweck ist augenscheinlich. Nachdem die Russifizirung der Polen mit aller möglichen Energie durchgesetzt werden soll, richtet man sein Augenmerk auch auf die Juden und sieht in ihnen wiederum ein Object der Russisizirung. Wir lesen in allen russischen Zeitungen die heftigsten Jnvectiven, deren kurzer Sinn ist: „In ganz Rußland müssen alle Einwohner echte Russen sein. Ein echter Russe kann blos und allein ein Schismatiker (prawoslawny) werden. Die Juden sind, auch abgesehen davon, daß sie sich von den Russen durch ihre abscheuliche heidnische (!) Religion unterscheiden, noch aus anderen Gründen als Feinde Rußlands anzusehen. Denn erstens spricht das gemeine Volk der Juden einen Jargon und die Gebildeten Deutsch — meistens aber sogar Polnisch — zweitens sind in Polen die Juden für uns höchst gefährlich — ja, gefährlicher als die Polen selbst, weil sie die meisten Kapitalien besitzen, weil in ihren Händen die zukünftige ökonomische Entwicklung der Provinz (Congreß-Polen) liegt, und weil sie endlich eine größere Zuneigung an die Polen als an uus an den Tag legen Also weg mit ihnen aus Polen! Man müsse die Juden, heißt es dann, in die entferntesten Gubernien des rein russischen Theiles des Reiches, etwa hinter Moskau oder Kasan versetzen und in Polen und Littauen statt der Juden russische Kaufleute ansässig machen. Wenn dieses schwer oder unmöglich auszufiihren wäre, so müsse man die Juden zwingen, den Handel zu verlassen, und dieselben in Handwerker und Ackersleute verwandeln." Das russische Blatt Petersb. Wiedomosti ist das gemäßigteste von allen, indem es schreibt: „Wir können und müssen die Juden Haffen und verachten. Wir müssen dieses Pack der Welt beseitigen — aber wie?" In Wilna sind die Juden vorläufig so verarmt geworden, daß unter