Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1868)
- Date
- 1868-08-11
- Page
- Seite 653 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m auf die gesammten Juden seinen Geifer überträgt. ES war dieS von jeher ein großes Uebel für unS Juden, und wir hatten so oft insgesammt aufs Schwerste zu leiden, während einzelne Juden die Bortheile genossen/ In der jüngsten Zeit hat sich dies insbesondere auf dem Gebiete der Finanz wiederholentlich gezeigt. Daß ein großer Theil der höheren Finanzgeschäfte in den Händen von Juden ist und daß eine Anzahl von Juden dadurch zu großem Reichthum gekommen, ist richtig; daß es im Kreise dieser höheren Finanzgeschäfte nicht immer ganz lauter und moralisch zugeht, weiß man. Aber ebenso wenig wie das ganze Finanzgeschäft in den Händen von Juden liegt, es vielmehr große Staaten giebt, wie Nordamerika, England, Holland, Italien, wo die jüdischen Banquiers nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen, an anderen Orten die Finanzen mindestens ebenso viele christliche Kaffen füllen wie jüdische, ebenso wenig wird ein Vernünftiger behaupten, daß die betrügerischen Finanziers mehr als Ausnahmen gelten können. Erklärlich aber ist es, daß einzelne christliche Finanziers, die zufällig von jüdischen überflügelt worden, oder in deren schwindlige Spekulationen vorsichtige jüdische Banquiers nicht eingehen wollen, ein furchtbares Geschrei erheben, und im Handumdrehen wieder die gesammte Judenheit zu ihrem Sündenbock, zum Gegenstände des scheußlichsten Haffes machen. Wir haben bereits früher einmal eines Brüsseler Finanzblattes Erwähnung gethan, das hierin das Außerordentlichste leistet, nämlich „la Finance“, das Blatt der Herren Langrand, Dumonceaux und Crampon. Es war bei Gelegenheit, als dieses Blatt die Verfolgung der Juden in Rumänien rechtfertigen wollte. In der Nummer vom 23. Juli hat es Herr Crampon mit dem jetzt in Paris schwebenden Prozeß zwischen Pereira und Mires zu thun, und macht hier gegen den ersteren seinem Haffe Luft. Wir werden ihn hierin nicht hindern. Persönlichkeiten gehen uns nichts an, und wenn eö unter den Juden Männer giebt, welche herben Tadel verdienen, so müssen und mögen sie ihn erhalten. Aber der Vers, begnügt sich damit nicht; die Pereira's und Mires sind ihm „die ganze jüdische Race", und die Handlungsweise dieser, das Thun und Streben aller Juden in allen Zeiten. Er sagt: „Diejenigen, welche die Verfolgungen der Juden im Mittelalter rein theologischen Leidenschaften znschreiben, sind Esel. Das Mittelalter rächte, indem es die Juden verfolgte, ganz einfach das römische Reich, das durch sie zu Grunde gerichtet, verschlungen, bis auf die Knochen abgenagt worden ist. Die Juden arbeiten auch zur gegenwärtigen Stunde nicht anders auf dem Leichnam der modernen Welt als ihre Vorfahren auf dem Leichnam der römischen. Und, ohne Prophet sein zu wollen, behaupte ich, daß wenn irgend eine historische Umwälzung nächstens das Angestcht der europäischen Welt umgestalten würde, unsere Nachkommen uns alsdann rächen würden für die an uns verübten Aussaugungen und Beraubungen, indem sie die alten schrecklichen und bisweilen ungerechten, obgleich verhängnißvollen Verfolgungen gegen das jüdische Element erneuern." Ja, Herr Crampon hat gut behaupten, daß diejenigen Esel seien, welche die Judenverfolgungen des Mittelalters dem religiösen Fanatismus allein zuschreiben. Denn solche Esel gab es noch gar nicht. Jedermann weiß, daß an jenen Verfolgungen die gemeinste Hab-, Plünderungs- und Mordgier des hohen und niederen Pöbels eben so vielen Antheil wie der religiöse Fanatismus hatte, vielleicht noch größeren. Es wäre dies ebensoviel Eselei, wie wenn man glaubte, daß die spanische und römische Inquisition ihre zahllosen Scheiterhaufen nur aus religiösem Fanatismus angezündet habe, während es doch längst nachgewiesen ist, daß die ungeheuren Confiscationen mindestens ebensoviel Motiv abgaben und die Scheiterhaufen geringzähliger wurden, als die Reichen immer mehr verschwanden. Und so wird es auch kaum einen Esel geben, der glaubte, daß die Donnerworte des Herrn Crampon etwa aus der Liebe zur Gerechtigkeit und dem Hasse gegen die Ungerechten fließen, und nicht aus dem einfachsten und nüchternsten dt e id e. Dies kann der ehrenwerthe Mann, der sich in dem bekannten Prozeffe gegen die großen pariser Journale so überaus blamirt und als ein, die Verletzung der Wahrheit in keiner Weise scheuender Verleumder erwiesen hat, aus dem Urtheile unparteiischer Männer ersehen. Wir führen hier z. B. das Brüsseler Blatt „le Polyglotte“ an, das über den angeführten Artikel in seiner Nr. vom 26. Juli folgendermaßen sich ausläßt: „Die Leute, welche voraussetzten, daß die Judenfurcht (juivophobie) im Westen Europas verschwunden ist, irren sich gar sehr. Es giebt dort noch Journale und Journalisten, welche der Racenhaß wie zur guten Zeit des Mittelalters erfüllt. Jedoch wollen wir anerkennen, daß die Judenfreffer sehr geringzählig sind und ihr Einfluß auf die Bevölkerung sich auf Null reduzirt. Die Thatsache, welche wir anführen wollen, kann also nur das Jntereffe der reinen Neugier haben. Einer 33*