Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1868)
- Date
- 1868-08-11
- Page
- Seite 652 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ttent Grade konfessionslos gemacht, daß „die Katholiken in die Lage gesetzt werven, in welcher vor Jahrhunderten sich die Juden befanden." Kurz, die neue Aera in Oesterreich, der Widerstand gegen Rom, wahrscheinlich auch die Antwort auf die Allocution — Alles, was seit mehr als einem halben Jahre geschehen, der ganze Neubau des Staates ist das Werk der Juden. Am Schluffe derselben droht das Organ der böhmischen Cavaliere ganz gemächlich mit einer allgemeinen Judenverfolgung in Oesterreich nach rumänischem Muster. Es hütet sich zwar, direct dazu aufzufordern, es meint vielmehr mit frommer Selbstverleugnung: „Wir werden diejenigen sein muffen, die einer eventuelle» Judenhetze entgegentreten; es wird wenig dazu gehören, ganz Oesterreich gegen die Juden in Flammen zu setzen," sagt das „Vaterland" und fügt hinzu: „Bei uns ist Platz und Gelegenheit für mehrere Bratianos." Das heißt, das feudale Blatt fordert indirect dazu auf, die Juden nach mittelalterlichem Muster todtzufchlagen. — Wir wollen an diesem Platze diese Auslassungen deS concentrirtesten Ingrimms nicht weiter besprechen und beurtheilen. Es sind doch nur dieselben Redensarten, die wir -von den preußischen Reaktionären so oft gehört, die wir so oft zurückgewiesen haben. Die Männer des „Vaterlands" wiffen so gut wie wir, daß dies Alles nur Flausen sind, ja daß es geradezu lächerlich ist, die überwiegende Mehrheit deS österreichischen Volkes als „Juden und Anhänger des Judenthums" auszugeben, und daß selbst „eventuelle Judenhetzen" ihnen nichts helfen würden, da diese zwar ein Privatvergnügen des Pöbels und der Feudalen sein, aber die Neugestaltung des österreichischen Staates weder verhindern noch erschüttern könnten. Sie wissen dies selbst und ihre Absicht ist lediglich, bei etwaigen Schwankenden die Verachtung des Liberalismus zu bewirken und ihren Anhängern eine willkommene Parole zu bieten. Da in einigen Ländern deS Kaiserstaates die Masse noch roh und ungebildet ist, so glauben sie vielleicht durch ihre Schimpfereien und Hetzereien dort doch noch etwas mehr zu bewirken, als es in Preußen der Fall war. —*) *) Die „N. fr. Pr.", ein Blatt, welches wir »ach mehreren Seiten hin sehr hoch schätzen, schreibt bei der Bekämpfung der Expektorationen deS „Vaterlandes" einige Sätze, über die wir eine Bemerkung nicht unterlassen können. Sie sagt u. A., daß die meisten Juden liberal gesinnt seien, und sie sage „Juden", nicht das Aber noch auf einem ganz anderen Gebiete macht sich jetzt dieselbe Tendenz breit. Es ist, worüber wir jetzt sprechen wollen, nicht der politische Fanatisjnus, der den religiösen zu Hülfe ruft, sondern einfach der Brodneid. Wir wiffen, daß dieser in der langen Geschichte der Judenverfolgungen, der Beschränkungen und Ausschließungen stets eine große Rolle gespielt hat. Erfolge, welche Juden erlangen, rufen immer die Frage hervor, warum es gestattet sein soll, daß Juden sie erlangen, es seien damit doch nur Christen verdrängt. Es ist nicht zu verkennen, daß dieser Neid einen ebensolchen Fanatismus hervorruft, wie der religiöse Wahn, daß beide an Kleinlichkeit und Grausamkeit einander nzchts nachgeben. Der Unterschied ist nnr der, daß der Religionshaß von vornherein die sämmtlichen Juden zum Gegenstand seines Hasses nimmt, der fanatische Brodneid aber, der doch nur gegen einzelne ausgehen kann, „Judenthum." Denn dieses sei eine positive Religion, eine solche hänge immer am Herkömmlichen. Dies scheint uns denn doch weder von scharfer Logik, noch von einerwirklichen Kenntniß Zeugniß zu geben. Denn in keinem Falle läßt sich das Wort liberal mit der Feindseligkeit gegen Alles Herkömmliche identifiziren. Bilde man sich doch nicht ein, daß der Liberalismus lediglich ein Produkt von heute sei. Reaction und Liberalismus sind so alt wie die menschliche Gesellschaft, und wenn Liberalismus Freisinnigkeit und das Streben nach Freiheit und nach Verwirklichung derselben in den gesellschaftlichen Einrichtungen bedeutet, so vermögen wir ihn in der. Geschichte der meisten Jahrhunderte in seinen Spuren und seiner Thätigkeit nachzuweiscn. Wir gestehen auch offen, daß, wenn der Liberalismus lediglich ein Erzeugniß der Gegenwart und der grundsätzliche Gegner alles Ueberkommenen und durch die Geschichte der Menschheit Erarbeiteten wäre, wir ihm alle Objektivität und Dauerhaftigkeit^ absprechen müßten. Es kommt daher darauf an, ob in dem Ueberkommenen Grundsätze und Elemente der Freiheit vorhanden sind, und, wenn diese durch den Staub der Zeiten in Etwas verdeckt und entstellt worden, sie wieder herauszuarbeiten und zur Anerkennung zu bringen. Die Freisinnigkeit der politischen und sozialen Prinzipien des Judenthums haben wir aber seit mehr als zwanzig Jahren so oft nachgewiesen, und erst jüngst im ersten Theile unserer „Weltbewegenden Fragen" dargelegt, daß wir hier einer Wiederholung überhoben sind. Wir müssen also glauben, daß die Redaktion der „N. fr. Pr." das Judenthum nach dieser Seite hin garnicht kennt, und da die Redacteure derselben in jüngster Zeit ihren Gegnern gegenüber wiederholt Betont haben, daß sie keine Juden seien, so ist jene Unkenntniß auch erklärlich.