Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1868)
- Date
- 1868-08-04
- Page
- Seite 635 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" vom 8. Juli sagt u. A. „Der überreiche Inhalt dieses ersten Bandes,, der hier mit Absicht ausführlicher skizzirt wurde, ist vollkommen geeignet, zahlreiche Leser, die bald für die eine, bald für die andere wichtige Frage ein vorwaltendes Interesse haben, anzuziehen. Alle die seit 30 Jahren mehr oder weniger in der Publicistik oder in strengwissenschaftlichen Werken disputirten und durchgesprochenen Fragen, welche der Verfasser hier mit Recht „weltbewegende" nennt, sind noch immer Fragen der Zeit und haben bei allen Fortschritten in der politischen Bildung und religiösen Erkenntniß noch keine dem Ideale der Freiheit und der Sehnsucht der Menschheit entsprechende Lösung gefunden. Die von tiefer Begeisterung getragene und von einem Reichthum der Gedanken gehobene Sprache dieser Abhandlungen, der glatte und fesselnde Stil sind ganz dazu geeignet, den Kreis der Denkenden unter den von Vorurtheilen Befangenen für die Ideale der Menschheit zu gewinnen. Wo die nüchterne Sprache der strengen Wissenschaft, die philosophische Gliederung der Forschung vorgeblich auf denkfaule Menschen zu wirken sich bemüht, da übernimmt die geflügelte Sprache der Publicistik stets mit Glück das Secundantenamt. Hr. Philippson ist ein gewandter, in seiner Darstellung tief einschneidender Anwalt der großen Zeitfragen, welche seit einem Menschenalter an uns herangetreten sind. Er sucht sie mit jener Freiheit des Geistes zu behandeln, mit der er früher ein schönes Buch: „Die Religion der Gesellschaft", geschrieben hat und es ist für die Objectivitat seiner Anschauungen gewiß kein Fehler, wenn durch alle die 42 Abhandlungen als rother Faden die religiöse und politische Judenfrage als Gradmesser benutzt wird. Schon der geistvolle Riesser sagte im Jahre 1831, daß für den Kampf eines Volkes mit seiner Regierung um die religiöse, sociale und politische Freiheit der gleiche Kampf der Juden diesem Volke gegenüber um dieselben Güter einen passenden Regulator abgiebt. Ein Volk, welches in seiner Geistesarbeit die Schranke der Rasse noch nicht durchbrochen, in seinem politischen Staate noch eine Einschachtelung nach Kasten und Ständen, nach Adel, Bürgern und Bauern will, ist selbst nicht frei und findet es ebenso billig und recht, das christlich-germanische Blut von dem orientalischen zu trennen. Der Reichthmn des Inhalts und die gleiche Wichtigkeit aller hier besprochen Fragen erschwert uns die Auswahl von Proben aus demselben, aber hervorheben wollen wir, daß die Abhandlungen über Nationalitäten, individuelle Freiheit, Handelsfreiheit und Handelskrisen auch in den weniger politisch entwickelten Volkskreisen gewiß mit Interesse gelesen zu werden verdienen, da sie in das Wogen und Treiben der Gegenwart eingreifen." — Die „Neue Züricher Zeitung" vom 12. Juli sagt u. A.: „Es sollen zunächst die politischen und socialen Prinzipien, welche schon der Mosaismus aufgestellt und' an deren Verwirklichung zum Theil auch unsere Zeit noch arbeitet, in ein klareres Licht gestellt und zur weitern Anerkennung gebracht werden." — Wir führen dieses an, um zu konstatiren, daß auf diese Weise ein wesentlicher Zweck des besprochenen Werkes erfüllt wird, in welchem zugleich die Aufforderung liegt, die Verbreitung der gedachten Schrift möglichst zu fördern. Wenn also nicht blos das Interesse der Juden auf den Grundrechten der modernen Gesellschaft beruht, sondern hiermit die Religion des Judenthums in ihrem social politischen Theile übereinstimmt und ihre Erfüllung darin findet, andrentheils jene Prinzipien eine positive Basis in der geoffenbarten Religion haben: so ist es klar, daß das Judenthum im Gegensätze zu allen den Erscheinungen steht, welche auf den Wiederumsturz jener Prinzipien, auf die Beseitigung dieser Grundsätze des modernen Staates, auf die Wiederherstellung des Feudalismus oder des Absolutismus gerichtet sind. Schon in der ersten Zeit des Christenthums entstand jener Streit, der sich in den Aposteln Petrus und und Paulus verkörperte, von denen der eine die Ausrechterhaltuug des mosaischen Gesetzes, der andere die Beseitigung derselben forderte. Es war dies gleichbedeutend damit, daß der eine Theil die Bekehrung zum Christenthume auf die Juden beschränken, der andere Theil auf die Heiden ausdehnen wollte. Die letztere Partei siegte, wenn auch die erstere noch eine Zeit lang, ja noch bis heute in kleinen Secten sich mehr oder weniger kundgab. Hiermit hatte aber auch das Christenthum die sozial politischen Grundsätze des Mosaismus aufgegeben, bald sprach sich, namentlich in den paulinischen Schriftstücken, der Grundsatz aus, daß die Christen die sozial politischen Verhältnisse in den verschiedenen Staaten so anzunehmen hätten, wie sie vorhanden seien, daß das Christenthum um die Gesellschaft sich nicht zu kümmern habe, sondern seine Bekenner dieser unterthan seien, wie sie auch beschaffen sei. Aber auf dieser negativen Grundlage erhob sich bald eine konkrete Schöpfung, die Kirche, welche für 'sich die Obherrschaft über die Gesellschaft und den Staat in Anspruch nahm, thevkratisch-hierar-