Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1868)
- Date
- 1868-08-04
- Page
- Seite 634 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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um die Gleichberechtigung absagten, oder die angebotene Gleichberechtigung nicht anzunehmen'sich die Miene gaben. Es waren hierin die Juden aller Richtungen einig. Es wäre sehr oberflächlich, anzunehmen, daß dies allein aus den persönlichen Interessen erfloß, welche die Juden hierbei hatten. Giebt es doch sogar Verhältnifle, in welchen es vielen Juden ganz gleichgültig sein kann, ob das Princip der Gleichberechtigung durchgeführt werde oder nicht, und kommt es den Juden oft garnicht zustatten, daß das Recht der Freizügigkeit unbedingt gehandhabt werde. Auch haben die Juden wahrlich die Welt nicht daran gewöhnt, zu glauben, daß die Juden geneigt seien, religiöse Bedenken vor persönlichen Interessen aufzugeben. Es liegt vielmehr darin das Zeugniß, daß selbst instinktiv die Masse herausfühlte, daß die Gleichheit vor dem Gesetze der Religion des Judenthums völlig entspricht, daß in jener geradezu die Erfüllung eines Grundsatzes dieser liege. Seitdem sind hierüber sorgfältige Forschungen angestellt worden, und das Resultat dieser war, vaß der Mosaismus schon dieses Prinzip der Gleichheit proklamirt und verwirklicht habe. Wir brauchen uns hierbei nicht auf unsere eigenen Schriften zu berufen, sondern jeder jüdische Forscher, der diesen Gegenstand zu seiner Arbeit wählte, kam zu demselben Resultat, wie z. B. Salvador, Saalschütz, Mayer u. A. Welche Vorurtheile auch in nichtjüdischen Kreisen hierüber herrschten und herrschen, wie sehr man dort alle Auswüchse der Hierarchie, des Feudalismus, des unbedingten passiven Gehorsams u. s. w. dem Judenthume in die Schuhe zu schieben sich gewöhnt hatte: auch hier bricht sich die Wahrheit immer mehr Bahn, und wir hoffen, daß die Zeit nicht fern fein wird, wo man allgemein anerkennt, daß die Prinzipien des modernen Staates vom Mosaismus verkündigt, gelehrt und angestrebt worden. Als ein Zeichen mögen wir immerhin die außerordentlich günstige Aufnahme ansehen, welche unsere „Weltbewegende Fragen", deren erster Theil, die Politik befassend, vor einigen Monaten erschien,*) bei der Kritik erfahren hat. Gerade der Punkt, auf den es uns hierbei ankommt, wurde mehrfach hervvrgehoben. In der „Europa" heißt es in einer Kritik: „Humanität in confessionellem Gewände. An Erörterungen *) Herausgegeben durch das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" und in einer besonderen Ausgabe erschienen bei Baumgärtner, Leipzig 1868, Preis 1 Thlr. 20 Ngr. politischer und socialer Fragen von confessivnell-thevlogischen Standpunkten aus ist gegenwärtig kein Mangel. Auf katholischem, wie auf protestantischem Gebiete giebt es eine ganze Reihe von Organen, welche mit dem Weltlaufe und feinen Bewegungen auf einem sehr gespannten Fuße leben, weil er sich von specifisch kirchlichen Interessen nicht mehr regieren laßen will. Reactionäre Tendenz und offene Feindseligkeit gegen den Zeitgeist ist, mit wenigen Ausnahmen, das Gepräge dieser Blätter, deren hartnäckigem Aufbäumen der strenge Confessionalismus zum nicht geringen Theile den Verlust feines Einflusses auf die gebildeten Bolkskreise zu danken hat. Wir haben keinen Grund, dies zu beklagen, aber es hat uns doch wohlgethan, in den letzten Tagen aus gleichfalls confessionellem Lager eine Stimme zu vernehmen, welche den Beweis liefert, daß kirchliche Positivität nicht unbedingt zu einer Auflehnung gegen die Bildung und die humanen und freiheitlichen Bestrebungen des Jahrhunderts zu'führen braucht. Unter dem Titel „Weltbewegende Fragen in P olitik und Religion" hat vr. Ludw ig Philippso n, der Redacteur der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", soeben lLeipzig, Baumgärtner's Buchhandlung) einen Band veröffentlicht, in welchem eine Reihe seiner leitenden Artikel aus den bisher erschienenen dreißig Jahrgängen der genannten Zeitschrift zusammengestellt ist. Diese Aufsätze, welche zum Theil jüdische Angelegenheiten, vielfach aber auch von jüdisch-religiösen Gesichtspunkten aus die verschiedensten anderweitigen Zeitfragen behandeln, offenbaren nicht blos ein bedeutendes literarisches Talent und die umfassende Bildung und Gelehrsamkeit ihrers Verfassers, sondern zeigen, bei aller kritischen Gediegenheit und Schärfe der polemischen Partien, auch eine so ernste tief sittliche, maß- und weihevolle Hingebung an die große Befreiungs- und Versöhnungsarbeit unserer Zeit, daß sie dem salbadernden Phrasenthum mancher unserer christlichen Orthodoxen gegenübereinen wirklich erquicklichen Eindruck machen. Bedenkt man, daß eine so gehakt- und sthlvolle Feder seit nunmehr dreißig Jahren auf die specifisch jüdischen Kreise wirkt, so darf man hieraus auf eine reiche Aussaat schließen, welche unzweifelhaft der Zeit und ihrem Bildungsgänge zu Gute kommt. Daß die heutige Bewegung im Judenthum und die wissenschaftliche Literatur, welche sie erzeugt, zu den Erscheinungen gehört, die eine gründliche Betrachtung der Zeitgeschichte nicht vornehm ignoriren sollte, ist an dieser Stelle schon mehrfach betont worden." —