Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1868)
- Date
- 1868-07-28
- Page
- Seite 628 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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628 masken halten Wacht an den Thoren der Hölle und fragen die Eintretenden nach ihren Namen und nach den Bezeichnungen der höllischen Pforte. Der Fromme, unter dem Schutze seiner Tugend sowie der Todtenrollen und Talismane, welche seiner Mumie beigesteckt sind, durchschreitet ohne Beben die schrecklichen Thore der Unterwelt und erreicht die Gefilde der Seeligen, die Felder der blumigen Wiese Anuru, in welchen Horus, der Gott, die Heerden der Menschen nach den vier Nassen der Aegypter, der Asiaten, der Libyer und der Neger gesondert, als ein guter Hirte weidet. Hier säen, pflügen, ernten sie sieben Ellen hohes Getreide, ein himmlischer Nil bewässert auch in der Unterwelt die Felder und frische Winde säuseln den Seeligen Kühlung unter dem Schatten herrlicher Sykomoren.-Bäume zu.*) So weilen sie hier einen langen Zeitraum, bis ihre Seele endlich sich vereinigt mit dem Schemen und mit dem Urquell alles Lichtes, von dem sie ausgegangen sind, mit der Sonne. Nun gehen sie auf im Osten mit dem himmlischen Gotte, sie hören die Harmonien der Töne, welche dem Gott zu Ehren erklingen, sie schauen mit ihrem Auge das ewige Licht und voll Wonne fühlt sich die Seele in der Bereinigung mit ihrem Schöpfer. Das sind keine leere Theorien auf Mnthmaßungen begründet, sondern Anschauungen der Inschriften, welche sich in den sogenannten Todtenpapyrns und an den Wänden der Grabdenkmäler in unzähliger Menge vorsinden. Ich habe an den wichtigsten Stellen dieser Schilderung mich des wörtlichen Ausdruckes der Ueberlieferung bedient, und nichts hinzugefügt, welches geeignet wäre ein falsches oder ungetreues Bild zu erzeugen. Die sorgfältigste Erhaltung des Körpers nach dem Tode, sowohl in Bezug auf die Zerstörung desselben von innen heraus durch den Proceß der Verwesung, als auch von außen her durch Zufälligkeiten und Gewalt, war eine Hauptbedingung, nach altägyptischer Lehre, zur baldigen Erlösung der Seele und damit zur zeitlich festgesetzten Vereinigung derselben mit dem Urquell des Lichtes und des Guten, denn beides ward unzertrennlich von einander gedacht. Während eines großen Cyklus von Sonnenjahren war, nach ägyptischer Vorstellung, die Seele in einem gewissen Sinne noch gebunden an den Körper, den sie indessen nach Belieben zeitweise verlassen konnte, um sich in mannichfacher Gestalt und an jedem Orte sichtbar den irdischen Menschen zu zeigen in jenen Formen, welche je nach der Stunde verschieden von einander, in Zeichnungen und Texten genau vorgeschrieben waren.**) *) Es ist dies dieselbe Erscheinung wie bei allen noch kindlichen und materiell suhlenden Völkern. Der Aegypter versetzt seine Unsterblichen in em Land mit sechs Ellen hohen Aehren, der Indianer in den rusgezei.'dnetsten Jagdgrund, der Moslim unter goldgezierte Zette aus prächtigen Teppichen re. R e d a k t. **» Der Gedanke, daß die Seele mit dem Leichnam noch in Verbindung stehe und ihr eine Art Empfindung von den Zuständen des Leibes verbleibe, ist eine alte und noch jekt nicht verschwundene Ansicht. Allerdings glaubten die alten Perser, daß die Seele nur noch drei Tage nach dem Tode bei dem Hierin der einzige Grund für die sorgfältige Ein-1 balsamirung der Verstorbenen und für die kaum glaub-1 liche Mühe den Ort der Todten zu verbergen. In tiefen! Brunnen, welche in dem Kalksteinboden der Wüste oder! des Gebirges in Gestalt verticaler Schachte eingemeißelt I und mit Geröll und Sand fest und dicht ausgefüllt sind, ruhen die Mumien in ihren Holz- oder Steinsärgen in engen, vermauerten Kammern, so schwer zugänglich, daß! selbst noch gegenwärtig die Freilegung eines zufällig entdeckten intacten Brunnens die größte oft Wochen dauernde Arbeit verursacht. Häufig sind absichtlich in der Nähe des ächten Schachtes (kirbikr „Jungfern-Brunnen" von den Arabern genannt) mehrere andere, inhaltslose | Brunnen angelegt (bir kariah „Lügen-Brunnen der Araber), um den Suchenden zu ermüden, irre zu führen | und dadurch zu veranlassen von seinem verbrecherischen i Vorhaben abzustehen. Die Grabregion der altägyptischen Städte befand s durchaus entfernt von den bewohnten Gegenven, und zwar, wenn es irgend die örtlichen Verhältnisse gestatteten, jenseits des Flusses auf dem westlichen Ufer desselben. Denn der Westen, wie ich oben bereits Gelegenheit hatte anzudeuten, war das eigentliche Land der Todten. In feierlicher Procession wurde die vorschriftsmäßig einbalsamirte und in neue Linnen gewickelte Mumie unter dem Geleite von Priestern, von Klagefrauen und Leidtragenden in einem ''Nachen über den Fluß geführt, und da wo dies nicht möglich war, in einem Schlitten ähnlichen Holzgestell, auf welchem in einem Schiffe die Mumie ruhte, ihrem Bestimmungsorte entgegengezogen. Unter dem Ablesen heiliger Gebete, unter dem Geschrei der Verwandten und Klageweiber wurde der Todt^nkasten in das Grab geschoben und je nach Stand und Reichthum alles beigegeben, was dem lebenden Menschen besonders lieb und werth gewesen war. Leichnam verweile. Einige jüdische Lehrer waren derselben Meinung. Auch der Leib ist nach der Meinung des R. Jizchak, jo lange die Verwesung dauert, nicht jeder Empfindung baar, und der Wurm, sagt er, ist der Leiche so schmerzhast wie ein Nadelstich dem Lebendigen. Wohingegen nach Anderen, sogleich' nach dem Tode Empfindungslosigkeit eintritt und bte Leiche auch einen Lensenhieb nicht fühlen würde iSab. 13 b., Berack. 16 a>. — So hört auch die Leiche alles was von ihr gesprochen wird, bis das Grab verschüttet ist iSab. 152 b.); so regen sich die Lippen des Schriftgelchrten, wenn in seinem Namen ein Lehrsatz vorgetragen wird iJebam. n6b.). — Bei der Leichenrede empfindet die Seele Vergnügen. Rab bat den R. Samuel bar Schila, er möge die Leichenrede über ihn mit Warme halten, denn seine Seele werde dabei anwesend sein (Sab. 153 a.). Vgl. Brecher, die Unsterblichkeitslehre des isr. Volkes S. 5-1. Der orthodoxe Islam hielt aber die Verbindung der Seele mit dem Körper auch nach dem Tode fest, er leugnete, daß die Seele körperlos für sich selbst fortbestehe, und glaubte, daß die Freuden und Leiden im Jenseits auch materieller Natur sein würden. S. Krem er, Gelch. d. herrschenden Ideen im Islam, S. 2d0. Wie einfach ist dagegen der Ausspruch Kohelet's <12, 7): „Zurückkehrt der Staub zur Erde, wie er diese gewesen, und zurückkehrt der Geist zu Gott, der ihn gegeben." Red akt.