Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1868)
- Date
- 1868-07-28
- Page
- Seite 616 (sequence 6)
- Language
- German
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Waisenhauses bei jeder vorkommenden Gelegenheit zu fordern. Alle, welche das Haus besuchen, stimmen in dem Lobe über die Reinlichkeit, die Ordnung, die Zweckmäßigkeit der Nahrung, das frische Aussehen der Kinder überein. Je mehr Mittel der Anstalt zu Gebote gestellt werden, desto mehr wird sie den Kreis ihrer Wirksamkeit ausdehnen, und es fehlt wahrlich an armen Waisen nicht, deren Aufnahme nur davon abhängt, ob die Mittel ausreichen. Aus Thüringen und Sachsen, im Juli. (Privatmitth.) Wir sehen hier in der Umgegend eigen* thümliche Verhältnisse sich entwickeln. Vermöge des freien Heimathsrechtes, das uns der Norddeutsche Bund geschaffen, unterstützt von der Beseitigung aller Gewerbedruckverhältnisse, sehen wir überall in Städten, wo früher keine Juden wohnten, dieselben sich ansiedeln. Es wird nicht lange dauern, so wird dies auch im Königreiche Sachsen der Fall sein, wo bisher nur in Dresden und Leipzig unsere Glaubensgenossen wohnen dursten. Was soll aber geschehen, um in denselben das Gefühl für das Judenth. rege zu erhalten? Wenn auch die Väter noch das Andenken an ihre Jugendzeit mit sich bringen, die ihnen das Ceremonielle als die Religion vorführte, so haben sie dies Ceremonielle durch das Leben selbst und durch die Unmöglichkeit es festzuhalten, längst zum größten Theil beseitigt, und in ihren Kindern muß also ein ganz andres Element vorwalten, wenn sie dem Judenthume treu bleiben sollen. Es erwächst also daraus im Laufe der Zeit eine schwierige Aufgabe, die wir streng im Auge'halten müssen. Das Ceremonielle hat keine Bedeutung mehr für die Jugend, und diese entbehrt alles Sinnes für das Cermonielle; es muß daher ein Gottesdienst und ein Wesen geschaffen werden, um von den großen Städten aus die kleineren Gemeinden, welche sich neu zu bilden beginnen, für das Judenthum zu erhalten. Nur derjenige, der nicht vom orthodoxen Schwindel erfüllt ist, sondern es ehrlich mit dem Ganzen meint, kann Aug' und Ohr diesen Verhältnissen verschließen, die jetzt noch in der Entwickelung begriffen sind, und die zukünftigen „Stützen des Judenthums," welche man jetzt bettelnd aus Rußland überall umherziehen sieht, können wahrlich keine Gewähr leisten, daß diesem Uebelstande durch sie dereinst abgeholfen werden könnte. — Freilich ist eS ein Unglück, wenn die schlechtbcfoldeten Geistlichen zu Hause sitzen, froh sind ihre Paar Stunden Unterricht zu ertheilen, oder eine halbe Stunde Sonnabends auf der Kanzel sich zu zeigen, oder wenn gar der „frumme" Rebbe durch sein Richtsthun nicht einmal merken läßt, daß er überhaupt zu Nutz und Frommen des Allgemeinen etwas thun wolle: da haben sie freilich keine Lust, um die Gemeinden der Umgegend sich zu bemühen und durch öftere Besuche dieselben an sich und an die Lehre zu fesseln. Wenn dies Alles uns beweist, daß ein straffes Zusammenhalten allein es verhindern kann, daß der Glaube an das Judenthum allüberall erhalten werde, so erklingt es fast selbstmörderisch, wenn die orthodoxen Knakianer und Hanswürste des Judenthums in ihrem Blatte als Grundsatz hinstellen: kein Frieden Mit den abtrünnigen Reformern, die nur den historischen Beruf und nicht die (verlebten, selbstgeschaffnen) Ceremonien als einzigen Hort anerkennen; lieber Trennung innerhalb der Gemeinden, Scheidung der Glaubensparteien, als gegenseitige Dnldung. Wie "wenig kennen diese Scheidekünstler die wahren Verhältnisse in den Gemeinden! Das meiste Geld zu den Budgets tragen in fast allen Gemeinden die indifferenten Mitglieder bei, während die orthodoxen den Genuß haben, und aus Convenienz viel zu viel ihnen nachgesehen wird. Was würde aus diesen Leutchen werden, wenn man ihnen Trennung gewährte! Schreiber dieses kann eine große Gemeinde nennen, wo vor Jahren sich die Orthodoxen trennen wollten; an ihrer Spitze ein Mann, der zuletzt wegen Meineides auf dem Wege nach dem Zuchthause entsprungen, dem Geistlichen aber feind war, weil er ihn bei Abnahme früherer Eide scharf ermahnt hatte, nicht meineidig zu sein, und was geschah? die Leutchen bezahlten nicht einmal die Miethe für den Betsaal, den sie gottselig mit ihrem Bußgeschrei allein erfüllen wollten, und waren nachher froh in den Gemeindeverband zurück kehren zu dürfen, ja sie prozessirten noch lange — um ihre Thorarolle! Ich bitte Sie, Herr Redakteur, diese skizzenhafte Mittheilung Ihrer Obacht zu unterziehen. Wie gut wäre es, wenn Reiseprediger im wahren Sinne des Wortes, voll Liebe und Einsicht zum Glauben, eine einfache Gebetordnung zur Seite die Gemüther rege und wach erhalten könnten! Das Ceremonielle thut es nicht mehr, denn dies ist durch die Wirklichkeit