Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1868)
- Date
- 1868-07-21
- Page
- Seite 609 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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April, heute, wo die Hamburger schon mit Frühlingsgefühlen herumlaufen, mit Veilchensträußern u. s. w. u. s. w. Es ist damals viel warmer gewesen. Wenn ich nicht irre, war Gans damals noch nicht getauft und schrieb lange Vereinsreden, und trug sich mit dem Wahlspruch: „Victrix causa Diis placuit, sed victa Caloni.“ Ich erinnere mich, der Psalm: „Wir saßen an den Nüssen Babels" war damals Deine Force, und Du recitirtest ihn so schön, so herrlich, so rührend, daß ich jetzt noch weinen möchte, und nicht blos über den Psalm. Du hattest damals auch einige sehr gute Gedanken über Judenthum, christliche Niederträchtigkeit der Proselytenmacherei, Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten fortzuräumen, sondern durch die Taufe Etwas erlangen, Et- 'was erhaschen wollen, und dergleichen gute Gedanken mehr, die Du gelegentlich mal aufschreiben solltest. Du bist ja selbstständig genug, als daß Du es wegen Gans nicht wagen dürftest, und was mich betrifft, so brauchst Du dich wegen meiner gar nicht zu geniren. Wie Solon sagte, daß man Niemanden vor seinem Tode glücklich nennen könne, so kann man auch sagen, daß Niemand vor seinem Tode ein braver Mann genannt werden sollte. Ich bin froh, der alte Friedländer und Bendavid sind alt, und werden bald sterben, und diese haben wir dann sicher, und man kann unserer Zeit nicht den Vorwurf machen, daß sie keinen einzigen Untadelhaften aufzeigen kann. Verzeih mir den Ünmuth, er ist zumeist gegen mich selbst gerichtet. Ich stehe oft aus des Nachts und stelle mich vor den Spiegel und schimpfe mich aus. Vielleicht seh ich des Freundes Seele jetzt für einen solchen Spiegel an . . . Grüß mir unfern „außerordentlichen" Freund, und sag ihm, daß ich ihn liebe. Und Dieses ist mein seelenvollster Ernst. Er ist mir noch immer ein liebes Bild, obschon kein Heiligenbild, noch viel.weniger ein verehrliches, ein wuvderthätiges. Ich denke oft an ihn, weil ich an mich selbst nicht denken will. So dachte ich diese Nacht: mit welchem Gesicht würde wohl Gans vor Moses treten, wenn dieser plötzlich auf Erden wieder erschien? Und Moses ist doch der größte Jurist, der je gelebt hat, denn seine Gesetzgebung dauert noch bis auf den heutigen Tag. Ich träumte auch, Gans und Mordechai Noah kamen in Stralau zusammen, und Gans war, o Wunder, stumm wie ein Fisch. Zunz stand sarkastisch lächelnd dabei und sagte zu seiner Frau: „Siehst Du, Mäuschen?" Ich glaube, Lehmann hielt eine lange Rede, im vollen Tone, und gespickt mit „Aufklärung", '„Wechsel der Zeitverhältnisse", „Fortschritte des Weltgeistes" eine lange Rede, worüber rch nicht einschlief, sondern im Gegentheil, worüber ich erwachte." — „Wie tief begründet ist doch der Mythos des ewigen Juden!" heißt es in einem andern Briefe. „Im stillen Waldthal erzählt die Mutter ihren Kindern das schaurige Märchen, die Kleinen drücken sich ängstlicher an den Herd, draußen ist Nacht — das Posthorn tönt — Schacherjuden fahren nach Leipzig zur Messe. — Wir, die wir die Helden des Märchens sind, wir wissen es selbst nicht. Den weißen Bart, dessen Saum die Zeit wieder verjüngend geschwärzt, kann kein Barbier abrasiren." — 3m Herbst 1825 erschien in den „Wiener Jahrbüchern" eine Recension der Heinischen „Tragödien" von Wilhelm Häring, worin die christenthumsfeindliche Tendenz des „Almansor" ziemlich deutlich auf die jüdische Abstammung des Dichters zurückgeführt wurde. Dies Hineinziehen konfessioneller Erörterungen mußte für Heine um so peinlicher sein, je mehr er zur Klarheit darüber gelangte, daß er sich durch den im Widerspruch mit seiner innern Ueberzeugung unternommenen Religionswechsel in die zweideutigste Lage gebracht. „Ich sehe noch schlimmeren Ausfällen entgegen," schrieb er an Moser. „Daß man den Dichter herunterreißt, kann mich wenig rühren: daß man aber auf meine Privatverhältnisse so derb anspielt, oder, besser gesagt, anprügelt, das ist mir sehr verdrießlich. Ich habe christliche Glücksritter in meiner eigenen Familie u. s. w. . . . Ist es nicht närrisch? kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrieen ... Ich bin jetzt bei Christ und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft habe; ich seh' noch garnicht ein, daß es mir seitdem besser ergangen sei — im Gegentheil, ich habe seit-' dem ni^ts als Widerwärtigkeiten und Unglück." In der That sollte Heine, wie ihn die Erfahrung bald genug belehrte, durch seinen formellen liebertritt zum christlichen Glauben Nichts von Allem, was er gehofft hatte, erreichen : keine Staatsanstellung und keine Unabhängigkeit von den Geldzuschüssen des reichen Oheims. Bor dem Kampfe noch war er abgefallen von der Idee, die ihn zu ihrem Streiter erkoren; die Taufe hatte ihn im innersten Gewissen mit sich selbst entzweit, von Herzen wurde er niemals Christ, und. bei seinen Feinden hieß er: „der Jude." Aegyptisches. Aegypten und die heilige Schrift sind unzertrennbar, werden von einem starken Interesse mit einander verbunden. Die unstreitig wichtigste Periode im Leben des israelitischen Volkes spielt in Aegypten und in dessen Nachbarschaft. Aber auch in die späteren Geschicke Israels griff Aegyten verhängnißvoll ein. Das Bündniß mit ihm, so sehr die Propheten davor warnten und insonders Jirmejah sein Leben dagegen einsetzte, kostete den