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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-07-21 · Heft 30 (21.7.1868) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 30 (21.7.1868)
Date
1868-07-21
Page
Seite 597 (sequence 7)
Language
German
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fügen sich lieber der kleinen Partei, die sich entschlossen stellt, das Aeußerste zu wagen. Offen gestanden, dieses Spiel ist an vielen Orten nicht ohne Erfolg geblieben, und während diese Menschen nur an zwei oder drei Orten eine Sondergemeinde wirklich zu Stande gebracht, haben sie an zahlreichen Plätzen durch diese Drohung den Fortschritt und das Aufblühen der Gemeinden verhindert und in dem Bann des Stillstandes und des Absterbens aufgehalten. Hiermit ist Alles erklärt. Freilich ist dieser Triumph nur ein zeitweiser, und was sie heute dadurch erlangten, wird ihnen nach einem Jahrzehend wieder streitig gemacht. Allein diese Herren, die so schlau für den Augenblick sind, sehen ja nicht weit, und es ist ihnen um die Zukunft auch nicht zu thun, wenn sie nur in der Gegenwart dominiren. — Allein ich muß doch eine Bemerkung aussprechen, die sich mir auf meinen mannigfachen Reisen aufgedrängt hat. Es will mir nämlich scheinen, als ob sich in der Masse unserer Glaubensgenossen eine Verschiedenheit herausbilde, die nicht zu den erfreulichsten Erscheinungen gehört. Wer in Hessen, Bayern, in der Rheinprovinz, im Elsaß, in Böhmen und Ungarn reist, der hat Gelegenheit die große Verschiedenheit zu bemerken, welche unter den Juden zwischen den Städtern und dem Landvolke immer mehr hervortritt. In den Städten wirkt die Schule wie das Leben rasch auf die Juden ein, sie nehmen eine ganz andere Stufe ein, und ihre Anschauungen sind dem Geiste und den Bedürfnissen der Zeit zugewandt. Freilich schädigt sie dies oft in ihrem religiösen Verhalten, aber sie erfassen doch auch das Judenthum von einer höheren Seite, und bilden sich dies zu einem höheren Verständnisse äu^ Auf dem Lande bleiben die Juden zurück; der mangelhafte Unterricht, die Gewohnheit, die Beschäftigung und Umgebung halten sie in ihren alten Kreisen fest. Allerdings üben sie die Religion in gewohnter Weise mit größerer Treue aus, aber sie bleiben in den Formen stecken, und ihr Gesichtskreis und ihre Anschauungen haben unverändert den alten Typus. Sie sind bornirt und fanatisch, während die Städter gleichgültig und leichtfertig werden. Ich brauche nicht zu bemerken, daß, wenn die Juden in den Städten jetzt wenig jüdisches Wissen haben, was sie früher besaßen, die Landleute, ich spreche natürlich von der großen Masse, es nie besessen haben. Da aber die Städter doch immer mitten in der lebendigen Strömung bleiben, in ihrer Mitte auch Männer der jüdischen Wiffenschaft leben und so Synagoge, Schule und Literatur auf sie wirken, stellt sich immer mehr eine große und trennende Verschiedenheit zwischen beiden Theilcn der jüdischen Glaubensgenossenschaft ein. Diese Erscheinung ist bekanntlich nicht ganz neu. Sie war es, die einst das Wort y-iNri a? „Landvolk" auf den Unwissenden übertragen ließ, so daß die eigentliche Bedeutung des Wortes vor der letzteren verschwand. Sie war in schwächerem Maße immer vorhanden, aber jetzt erst droht sie, in greller Weise wieder hervorzutreten und ihre Wirkung in nicht zu unterschätzenden Maßen fühlbar zu machen. Hamburg, im Juli. (Privatmitth.) Um nicht diese - Zeitung völlig ohne Notizen aus dieser großen und gegenwärtig auch unruhigen Gemeinde zu lassen, will ich berichten, daß das Schulgesetz, wegen dessen einiger ganz unmotivirter Streit erhoben war, einekleine Redactionsveränderung erlitten hat, mit welcher diejenigen, welche den Streit erhoben, sich eben so unmotivirt zufrieden erklärt haben, und nach wie vor wird kein Schüler, der sonst nicht Lust dazu hat, gezwungen werden, am Sabbathe die Volksschule zu besuchen. Die Reorganisation der deutsch-israelitischen Gemeinde ist soweit durchgeführt, daß die Passiva, nämlich die ewigen Reuten auf Capitalfuß gesichert stehen, mit den Beamten theils ein provisorisches theils ein definitives Abkommen getroffen ich und daß die beiden gleichberechtigten Cultusverbände, nämlich der der Synagoge und ver des Tempels in Thätigkeit sind. Ersterer wird, wie es scheint, sich wieder in 2 Verbände spalten, von denen der eine einige Prozent aufgeklärter, wenigstens einer Reform zugänglicher als der andere. Dies ist indessen mehr ein Personenstreit; denn die Omnipotenz des Rabbinats, wonach zuerst von einer Seite getrachtet wurde, ist jetzt von allen Seiten abgelehnt. Der Tempel, — dessen materielle Existenz zwar gesichert ist und der das von den beiden extremen Seiten — sog. Orthodoxen und Nihilisten geläugnete Princip der Perfectibilität der jüdischen Symbole mit mehr und weniger Geschick zu vertheidigen hat, glaubt sich sehr consolidirt zu haben, weil er eine Religionsschule eröffnet hat, die circa 50 Schüler und Schülerinnen auf zehn Stunden (!) wöchentlich zählt und well er eine neue wenig veränderte Edition seines Ge-

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