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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-07-21 · Heft 30 (21.7.1868) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 30 (21.7.1868)
Date
1868-07-21
Page
Seite 594 (sequence 4)
Language
German
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Die päpstliche Dulle. Wie es in der Regel denen zu gehen Pflegt, welche sich einer, früher eifrig getheilten Ansicht abwenden, daß sie sich dem Gegensatz völlig in die Arme werfen, theils, um zu zeigen, daß dieser Uebertritt kein Schwanken, sondern ganz und vollständig sei, theils um sich und Andere an die früheren Handlungen vergeffen zu machen, was übrigens nicht gelingt — das ist auch dem Papste Pius IX. geschehen. Er, der nach dem Antritt seiner Regierung die Fackel in den Zündstoff der italienischen Revolution gesteckt, und dadurch einer der Urheber der Revolution von 1848 wurde — er marschirt jetzt an der Spitze der Reaktion, und zwar einer so weit gehenden, bis ins tiefste Mittelalter zurückgreifenden Reaktion, daß ihm selbst seine Anhänger kaum Nachfolgen können. Wir sprechen hier lediglich von der politisch-socialen Reaktion; von kirchlicher durchaus nicht. Die inneren Angelegenheiten des Katholicismus gehen uns nichts an, und an der äußersten Orthodoxie Pius IX. hat noch Niemand gezweifelt, und Thatsachen, wie das neue unter seinem Pontificat festgesetzte, bekannte Dogma, ferner die Mvrtarageschichte u. s. w. beweisen, daß er sich hierin gleich geblieben. Aber wohl geht uns, um es mit einem Male zu sagen, der Krieg an, welchen dieser Papst seit längerer Zeit gegen die Grundsätze der Gewissensfreiheit, der Gleichberechtigung und alle anderen höchsten Prinzipien der gegenwärtigen staatlichen Gesellschaft begonnen hat, und mit aller Macht weiter führt. Hier handelt es sich nicht um Fragen kirchlicher Natur, von denen fern zu bleiben das Rechtsgefühl uns vorschriebe, da auch wir die Selbständigkeit der Synagoge beanspruchen. Es gilt die ganze Gesellschaft, deren Entwickelung, deren Bestand. Denn wer kann verkennen, daß, wenn der Papst für seine Ansichten auch nur einen Theil der Angehörigen eines Staates gewönne und dieser Theil zur Verwirklichung seiner Ansichten sich erhöbe, dieser Staat in eine Verwirrung, in einen Kampf, in einen Bürgerkrieg gestürzt würde, aus dem er schwerlich sich wieder aufrichten könnte. Wenn ein Schiff in Gefahr ist, muß Jedermann in die Anstrengung, in die Selbstaufopferung eintreten, um die Gefahr abzuwenden, und hinter keinerlei Bedenken darf er sich verschanzen, ob und wie weit es ihm zustehe, für die Rettung des Ganzen mit thätig zu sein. Also nicht allein um die Stellung unserer Glaubensgenossenschaft, welche nach so langem Ringen und Kämpfen eben erreicht worden uni wird, sondern um die Wohlfahrt der ganzen menschliche« Gesellschaft wird hier gestritten, und so geringfügig uni sere Kräfte sein mögen, wir dürfen auf den Wachtthürs men und Kampfplätzen nicht fehlen.! Papst Pius IX hat, seitdem er in der Mortaraget schichte den Unwillen von ganz Europa erfahren un» bald darauf gegen die Einheit der italienischen Nation den Kürzeren gezogen, den tiefsten Unmuth gegen die ganze Richtung und Gestaltung der civilisirten Welt gefaßt. Es versteht sich, daß hinter diesem Greise eine allbekannte Gesellschaft und eine überall verbreitete Partei steht. Fast der gesammte katholische Klerus hat in der letzten Zeit eine vorherrschend ultramontane Tendenz in sich großgezogen, und findet einen Anhang unter den Laien in alten und neuen Elementen. Auch frii-! Here Päpste hegten die Ansichten, von denen Pius IX. seit 1849 beherrscht ist. Ihnen aber fehlte das Bewußtsein, den ganzen Klerus mit einem beträchtlichen Anhänge hinter sich zu haben, und dieses Bewußtsein giebt dem gegenwärtigen Papste den Muth, die seit Jahrhunderten festgezeichneten Grenzen der Kirche wieder zu überschreiten, die Autorität, in die politischen und staatlichen Angelegenheiten einzugreifen, ja sie zu entscheiden, in Anspruch zu nehmen, und faktisch alle die Mittel anzuwenden, die ihm zu Gebote stehen, um alle freiheitlichen Grundsätze der gegenwärtigen Staaten umzustürzen. Er hat den Feldzug begonnen. Die Encyclica und der Syllabus erschienen. Die Welt nahm nur eine kurze Notiz davon, sie sah diese Schriftstücke als eine theoretische Erörterung vom päpstlichen Standpunkte aus an, und ging daran vorüber. Die zum Centenarium versammelten Bischöfe und Prälaten traten durch feierliche Erklärung dem Syllabus bei. Jene Erörterung wurde dadurch vom päpstlichen zum allgemein kirchlichen Standpunkt seitens des Katholicismus erhoben. Die Welt wurde aufmerksamer, war aber nicht überrascht, da die einzelnen Wortführer der katholischen Kirche sich längst in ähnlichem Sinne ausgesprochen. Da kam die, die österreichischen confessionellen Gesetze betreffende Allocution des Papstes. Dies war der kühne Schritt aus der Theorie in die Praxis. Es war ein konkreter Fall, ein konkreter Staat, eine konkrete Beanspruchung der höchsten Autorität über die Staatsgewalt und Staatsgesetze, es war eine konkrete Aufforderung zum Ungehorsam der Bürger gegen bestimmte, von allen gesetzgeberischen Faktoren sanktionirte Gesetze; es war eine konkrete Anordnung von geist-

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