Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1868)
- Date
- 1868-07-21
- Page
- Seite 593 (sequence 3)
- Language
- German
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Wer da weiß, wie das Element des Uebernalürlichen das Leben der alten Heiligen durchdringt, der kann sich eine Vorstellung bilden von der Menge der Wunder, die erzählt und allgemein geglaubt wurden, von der Thatsache, daß Guizot die Anzahl der in der Bolland'schen Sammlung zusammengehäuften Leben auf beinahe 26,000 schätzt. Doch dies war nur ein Gebiet der Wunder. Es umfaßte nicht die Tausende von wunderthätigen Bildern und Gemälden, welche durch die ganze Christenheit in Wirksamkeit waren, und die zahllosen Erscheinungen und mannigfachen Wunder, welche in jedem Lande und bei jeder Gelegenheit vorkamen. So oft ein Heiliger canonisirt wurde, war es nothwendig, den Beweis zu führen, daß er Wunder gethan hatte; aber diese Fälle ausgenommen, scheinen die Wundergeschichten niemals in Frage gestellt worden zu sein. Die Gebildetsten sowohl, als die Unwissendsten nahmen zum Uebernatürlichen, als der einfachsten Erklärung jeder Schwierigkeit, ihre Zuflucht." Die Reformation machte diesem Kirchen glauben in den protestantischen Ländern ein Ende. Jndeß floß dieses nicht aus wirklicher Geistesaufklärung, denn sonst hätte sie ebenso den Hexenglauben beseitigen müssen, wie sie dies nicht gethan, sondern da die Reformation den ganzen Gottesdienst der katholischen Kirche abschaffte, ja als „gotteslästerlich, götzendienerisch und abergläubisch" bezeichnet, so verlangte es die Consequenz, zu leugnen, „daß der Allmächtige äußere Andachtsübungen als besondere Canäle seiner Gnade ausersehen und durch zahllose Wunder verherrlicht habe." Die deutschen Protestanten beschränkten daher den Wunderglauben auf das Alte und Neue Testament, weil hier der Glaube durch Wunder bekräftigt werden sollte, da er es auf andere Weise nicht konnte. Anders in England, wo die reformirte Kirche sich ängstlicher an die katholische Kirche unmittelbar anzuschließen suchte. Dort behauptete man, daß die von den Kirchenvätern erzählten Wunder auch zu glauben seien, denn, sagte man in Oxford, „es wäre unter den gewöhnlichen Umständen für die Wohlfahrt des Christenthums nothwendig, es durch Verfolgung zu unterstützen , das heißt, die weltliche Macht müßte seine Gegner unterdrücken. Als das Christenthum noch der Anerkennung des Staates ermangelte, war es nicht in der gehörigen Lage, daher wurden die Naturgesetze zu seinen Gunsten unterbrochen und fortwährende Wunder sicherten seinen Sieg. Als ihm aber die Bekehrung Constantins die weltliche Macht zur Verfügung stellte, war die Aera des Uebernatürlichen geschlossen. Die Macht zur Verfolgung war erlangt, und daher wurde die Macht, Wunder zu thun, zurückgenommen. Durch die Verbindung von Kirche und Staat hatte das Christenthum seine regelrechte und schließliche Stelle erlangt, und außergewöhnlicher Beistand war unnöthig geworden." Hiergegen traten Locke und Middleton in den Kampf. Besonders Letzterer bekämpfte die Glaubwürdigkeit der Kirchenväter aufs Heftigste, zeigte, daß sie Grundsätze gehabt, nach welchen die Erfindung der Wundergeschichten, um die kirchliche Frömmigkeit des Volkes zu nähren, allgemein ward, und daß sie Dinge erzählen, von denen sie selbst wissen mußten, daß sie auf Erfindung beruhen. Daraus entsprang in England ein heftiger Streit, der jedoch damit endigte, daß auch dort der Wunderglaube sich bis auf die Apostel beschränkte. Wir brauchen nun hier die Geschichte der christlichen Theologie, namentlich des Rationalismus, wie es Lecky thut, nicht zu verfolgen. Unterdessen aber ging die Aufklärung ihren Weg bei den europäischen Völkern, und brachte es dahin, daß auch in den katholischen Ländern Wundergeschichten nur noch bei dem niedrigsten und unwissendsten Theile des Volkes Glauben finden, daß zwar die katholische Kirche den Wunderglauben dogmatisch festhält, wie z. B. die französischen Geistlichen solche Geschichten unter den Bauern noch gern befördern, die Gebildeten aber allesammt nichts davon wissen wollen und die ganze Erscheinung dieses kirchlichen Wunderglaubens als ein geschichtliches Faktum bestehen lassen und sie möglichst ignoriren. Wir brauchen es nicht hervorzuheben, daß im Judenthume niemals der Versuch gemacht worden ist, den Glauben an Wunder über die Berichte der heil. Schrift hinaus zu einer Glaubenslehre des Judenthums zu machen und den Volkssagen, wie sie im hagadischen Theile des Talmuds anekdotisch Vorkommen, und später in mancherlei Gestalt im Munde des Volkes in harmloser Weise lebten, eine höhere Autorität allgemeiner Anerkennung zu verschaffen, und sie zum Hebel des religiösen Lebens zu machen._ 30*