Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1868)
- Date
- 1868-07-21
- Page
- Seite 592 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226666--26271-3261805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und die ganze Geschichte der Könige schon bietet nur wenige Beispiele von Wundern dar. Damit war zwar der Wunderglaube nicht gänzlich aus dem jüdischen Volke gewichen, und scheint sich derselbe in der Zeit vor der zweiten Zerstörung Jerusalems, wie wir z. B. aus dem Josephus erseh r,, wieder belebt zu haben. Aber es war dies Alles nur legcndenartig; es war Sage und Anekdote, die keinen öffentlichen und kirchlichen Charakter hatten. Die Berichte über die makkabäischen Kämpfe und den Fall des Tempels durch die Römer blieben fast ganz davon frei. Anders war es in den Schriften des Neuen Testamentes. Von Jesus und den Aposteln wird eine Menge von Wundern erzählt, die aber im Unterschiede von den Wundern des Alten Testaments von privater Natur waren. Die Austreibung böser Geister aus den Besesienen, die Heilung von Kranken, die Erweckung von Todten, die Verwandlung von Wasser in Wein bei einer Hochzeit, die Speisung vieler Menschen mit wenigen Broden sind Wunder, deren Zweck es ist, einzelne Menschen zu bekehren, influiren aber nicht auf das Geschick ganzer Völker und geschehen nur in Anwesenheit weniger Personen. Sie gehörten aber integrirend zur Begründung des Christenthums und wurden so zum Dogma des letzteren. Diese Wundergabe ging nun im Christenthume von den Aposteln auf eine Anzahl heiliger Personen, ja auf die ganze Kirche über. Lecky sagt: „In den Schriften der Kirchenväter, besonders denen des vierten und fünften Jahrhunderts, wird von den Wundern nicht blos als in Ueberfülle vorhanden, sondern als auf die verschiedensten Zwecke gerichtet, gesprochen. Sie waren eine Art himmlische Gnade, welche die Sorgen milderte, die Krankheiten heilte und die Bedürfnisse der Gläubigen befriedigte. Sie waren häufig Anregung zur Frömmigkeit, welche die Gottesfurcht der Schlaffen aneiferten, und die Geduld der Eifrigen belohnten. Sie waren die Zeichen großer und heiliger Tugend, und sicherten denen die allgemeine Achtung, die einen hohen Grad von Heiligkeit erlangt hatten, oder förderten sie in der Vollziehung ihrer rauheren Frömmigkeit. So brachten Vögel einem Heiligen, der sich in die Wüste zurückgezogen hatte, um ein Leben voll Selbstertödtung zu führen, täglich seinen Bedarf an Nahrung, und als ein verwandter Geist ihn in der Einsiedelei besuchte, verdoppelten sie die Portion; und als er starb, da brachen zwei Löwen aus der Wüstehervor, um sein Grab zu graben, stießen ein langes Trauergeheul über seine Leiche aus, und knieten nieder, um sich von dem Ueberlebenden seines Segen zu erbitten. Wieder ein anderer Heiliger, wel» cher der Meinung war, ein Mönch dürfe. sich niemal» nackt sehen, und der daher auch seit seiner Bekehrung sich! gewissenhaft des Badens enthalten hatte, stand, eine» Tages an dem Ufer eines brückenlosen Stromes in Ber-I "zweiflung, als ein Engel zu seinem Beistand niederstiegZ und ihn wohlbehalten über das gefürchtete Element hin» wegtrug. Außerdem war, wie wir gesehen haben, d» Macht der Magie von Christen sowohl, als von Hei» den vollständig anerkannt, und Jeder gab die Wirklich» keit der Wunder des Andern zu, obgleich er sie der Ver-I Mittelung der Dämonen zuschrieb. I Wenden wir uns von den Kirchenvätern zu dem! Mittelalter, so befinden wir uns in einer vom Ueber-i natürlichen stark geschwängerten Atmosphäre. Di» Nachfrage nach Wundern war beinahe grenzenlos, und! das Angebot entsprach der Nachfrage. Männer von! außergewöhnlicher Heiligkeit schienen durch Natur undl Gewohnheit die Kraft dazu zu besitzen, und ihr LebenI war der Wunderthaten voll, die durch die höchste Sanc-! tion der Kirche bezeugt wurden. Nichts konnte für einen Heiligen gewöhnlicher sein, als mitten in der Andacht von dem Boden erhoben, oder von der Jungfrau, oder einem Engel besucht zu werden. Es gab kaum eine Stadt, die nicht eine Reliquie aufzuweisen hatte, welche Kranke geheilt, oder ein Bild, welches die Augen geöffnet und geschloffen, oder sein Haupt vor einem aufrichtigen Verehrer geneigt hätte. Schon etwas Außergewöhnlicheres, aber nicht im geringsten Unglaubliches war es, daß die Fische sich an das Ufer gedrängt hatten, um den heiligen Antonius predigen zu hören, oder daß es nochwendig war, dem Crucifix in Burgos jeden Monat einmal die Haare zu beschneiden, oder, daß die Säulenjungfrau zu Saragossa auf das Gebet eines ihrer Verehrer ihm das abgeschnittene Bein wieder ersetzte. Men-! schen, die von augenfällig hoffnungsloser Krankheit geplagt waren, erlangten in einem Augenblick vollständige Gesundheit, sobald sie mit einer Reliquie Christi oder der Jungfrau in Berührung gebracht wurden. Die Kraft derartiger Reliquien strahlte in Segnungen rund um sie her. Herrliche Visionen gingen ihrer Entdeckung voraus und Engel trugen sie duikch die Luft. Wenn ein Missionär zu den Heiden ging, verwirrten übernatürliche Zeichen seine Widersacher und trieben die Mächte der Finsterniß vor seinen Schritten in die Flucht. Wenn ein christlicher Fürst das Schwert für eine Kirchensache zog, so