Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1868)
- Date
- 1868-07-14
- Page
- Seite 589 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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niten und Quellenschriftsteller. Ich bin, ehe ich mich dessen versah, in die Reformationsgeschichte gerathen, und in diesem Augenblick liegt der zweite Folioband von v. der Hardt's Hist, liter. reformaiionis auf meinem Tische; ich habe gestern Abend darin die Reuchlin'sche Schrift gegen das Verbrennen der hebräischen Bücher mit großem Interesse gelesen. Für Dein Studium der Religionsgesckichte kann ich Schröckh's Kirchengeschichte mit Enthusiasmus, wegen der gründlichen Zusammenstellung, Dir empfehlen. Seit den Ferien habe ich schon zwei Dutzend Bände davon verknopert. An die Fortsetzung meines armen „Rabbi" darf ich in diesem Augenblick nicht gehen." Die nöthige Vorbereitung zum Examen hinderte allerdings den Dichter, ununterbrochen an diesem Lieblingswerke zu arbeiten. Ein drei Wochen vor der Doktorpromotion geschriebener Brief zeigt uns jedoch, daß er mittlerweile fortsuhr, die eifrigsten Studien für dasselbe zu machen und es mit ungeschwächter Liebe im Herzen zu tragen: „Der „Rabbi" schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängt's mich unverdrossen weiter, indem ich das Bewußtsein in mir trage, daß nur ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche, gottgefällige Handlung ist. Doch ich breche hiervon ab, indem dieses Thema mich leicht dazu bringen kann, von der eigenen Seelengröße selbstbespiegelnd zu renommiren. Zunz hat mir zwar schon mal geschrieben, wo im fünfzehnten Jahrhundert die vornehmste Schule der spanischen Juden war, nämlich in Toledo, aber ich möchte wissen, ob dieses auch vom Ende des fünfzehnten Jahrhunders zu verstehen ist? Er nannte mir auch Sevilla und Granada, aber ich glaube im Basnage gelesen zu haben, daß sie früher schon mal ans Granada vertrieben worden. Auch, wie ich Dir notirt, möchte ich über die Abarbanels etwas erfahren, was ich nicht aus christlichen Quellen schöpfen kann. Bagl ist dürftig. Schudt hat ebenfalls Etwas zusammengerafft. Bartolocci Hab' ich noch nicht gelesen. Wenig, unbegreiflich wenig enthalten die spanischen Historiker von den Juden. Ueberhaupt ist hier ägyptische Finsterniß. Ende dieses Jahres denke ich den „Rabbi" fertig zu haben. Es wird ein Buch sein, das von den Zungen aller Jahrhunderte als Quelle genannt werden wird." Sofort nach der Promotion wurde der „Rabbi" wieder ausgenommen. „Grüße mir Zunz recht herzlich," heißt es in einem Briefe vom 22. Juli 1825, „sage ihm, daß ich ihm recht sehr danke für seine Notizen. In Granada haben 1492 wirklich Juden gewohnt, denn sie werden in der Kapitulation dieser Stadt ausdrücklich erwähnt. Ueber Abarbanel habe ich die Dissertation von Majus (vita Abarbanelis) über ihn aufgetrieben , alle christlichen Quellen zusammengestellt, aber sehr dürftig." Obschon Heine ün Frühling und Sommer 1826 wiederholentlich die bestimmte Absicht aussprach, den „Rabbi" für den zweiten Theil der „Reisebilder" zu vollenden, scheint es doch, daß er auf Anrathen Moser's diesen Plan fallen ließ, um nicht durch ein .leidenschaMches Parteinehmen für die zu jener Zeit höchst unpopuläre Judensache seinem rasch aufgeblühtem Dichterruhme zu schaden. Anfangs murrt er zwar über die „engherzige Mahnung" des Freundes, will von solchen praktischen Bedenken Nichts hören, und citirt mit trotzigem Stolze seinen eigenen Vers: „Und dich hat niemals rathend beschützt die Göttin der Klugheit, Pallas Athene!" — aber der „Rabbi" blieb unvollendet, und das fertige Bruchstück wurde erst 1840 im vierten Bande des „Salon" gedruckt. Strodtmann fügt hier hinzu: Der uns vorliegende Anfang gestattet keine sichere Muthmaßung über den vom Verfasser beabsichtigten Gang der Erzählung; nur so Viel läßt sich annehmen, daß die im dritten Kapitel eingeführte Figur des Don Juda Abarbanel dazu bestimmt war, dem treu am Judenthume festhaltenden Rabbi einen Konvertiten gegenüber zu stellen, der sich mit leichtfertigem Witz über das Gewissenlose eines aus Nützlichkeitsgründen unternommenen Glaubenswechsels zu täuschen sucht, und sich mit seinem genußsüchtigen Streben in der neuen Religion ebenso unbehaglich wie einst in der alten fühlt. Dem jüdischen Glauben hat er entsagt, aber die jüdische Küche lockt den frivolen Sausewind Tag für Tag in die Judengasse zurück. „Ich bin ein Heide," lästert er, „und ebenso zuwider wie die dürren, freudlosen Hebräer sind mir die trüben, qualsüchtigen Nazarener. Unsere liebe Frau von Sidon, die heilige Astarte, mag es mir verzeihen, daß ich vor der schmerzensreichen Mutter des Gekreuzigten kniee und bete . . . Nur mein Knie und meine Zunge huldigt dem Tode, mein Herz blieb treu dem Leben!" — Es ist wahrscheinlich, daß Heine, den es von jeher ärgerte, seine jüdische Abstammung ihm von Seiten einer bornirten Kritik zum beständigen Vorwurfe gemacht zu sehen, in späterer Zeit, nachdem er sich selbst hatte taufen lassen, die Lust zur Fortsetzung des „Rabbi" um so mehr verlor, als die Befürchtung nahe lag, das ihm so äußerst fatale Thema seines eigenen Uebertritts zum Christenthume werde durch die Veröffentlichung jenes Romans auf's Neue in allen Tagesblättern zu unliebsamer Besprechung gelangen. In diesem Sinne mochte sein Freund Moser Recht haben, als er ihn mahnte, die Folgen einer solchen Publikation wohl zu überlegen. Heine gerieth durch seinen Religionswechsel mit Nothwendigkeit in eine schiefe Stellung zu seinen früheren Glaubensgenossen und zu dem dichterischen Werke, das ihre Interessen vertreten, ihre Leiden und ihren hartnäckigen Kampf gegen die christlichen Unterdrücker verherrlichen sollte. Was früher unzweifelhaft als eine That uneigennütziger Liebe erschienen wäre, konnte leicht eine sehr zweideutige Beleuchtung erhalten, nachdem der Vorkämpfer der Judensache wenigstens äußerlich die Glaubensuniform gewechselt hatte. Wir glauben daher nicht zu irren, wenn wir das schließliche Aufgeben der Vollendung eines mit so vielem Eifer begonnenen Werkes hauptsächlich diesem unseligen Schritte zuschreiben, der weder für Heine, noch für die kirchliche Gemeinschaft,