Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1868)
- Date
- 1868-07-14
- Page
- Seite 573 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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573 getäuscht werden konnte, denn in der tiefen Niedergeschlagenheit hatte er den Tag und die Nacht hindurch keine Speise zu sich genommen. Eine so beschaffene Schriftstelle zeigt uns, außer dem berichteten Vorfälle selbst, nichts, als daß selbst der, welcher den Aberglauben verfolgt, in gewissen Seelenzuständen ihm leicht in die Arme fallen kann. — Nachdrücklicher könnten noch die Stellen im 2. B. Mos. angeführt werden, in welchen die eghptischen Zauberkundigen „durch ihre geheimen Künste" einige der Wunder nachzumachen verstehen (z. B. 2. Mos. 7, 11.). Aber was sie vermögen, ist nur im Kleinen, was Moses im Großen thut, und sie gestehen bald zu, daß sie nicht weiter könnten. Daß die alten und die neuen Magier durch Taschenspielerei, ihnen bekannte chemische Prozesse u. s. w. Dinge zu vollbringen vermögen, welche den Abergläubigen eine Bestätigung ihres Wahnes gewähren, aber auch oft den Aufgeklärtesten unerklärlich und unslösbar erscheinen, weil ihnen die Manipulation unbekannt ist, weiß Jedermann. Und dies ist es, was die gedachte Stelle den egyptischen Chartumim zuschreibt, ohne ihnen nur mit einer Sylbe mehr als solche, der Menge unbekannte und imponirende Taschenspielerkünste zuzuertheilcn. — Anders verhält es sich mit dem sg. Neuen Testamente. In diesem wird allerdings in bestimmtester Weise die Persönlichkeit des Satans, der Teufel und bösen Geister gelehrt. So wie Satan es ist, der Jesus in der Wüste, auf den Tempelzinnen und steiler Höhe zum Abfalle von Gott verleiten will (Matth. 4, 1. Mark. 1, 13. Luk. 4, 33.), so sind es die Teufel und bösen Gei- . ster, welche in die Menschen fahren, ohne ihnen integrirend anzugehören, da sie wieder hinausfahren können, und jene zu Besessenen machen. Jesus treibt diese Teufel durch sein Machtwort heraus (Matth. 4, 24. 17, 18. Mark. 1, 23. 9, 25. Luk. 9, 42); ja einmal treibt er eine Menge dieser Teufel aus einer Anzahl Menschen und in eine eben vorübergehende Heerde Schweine hinein, die sich vom Abhange herab in das Wasser stürzt (Matth. 8, 28. Mark. 5, I.). Schon in der Bergpredigt weist Jesus selbst darauf hin, daß man später in seinem Namen solche Teufelsbeschwörungen vornehmen werde. (Matth. 7,22.) Von hier war es ein leichter Schritt, alle gangbaren Zaubereien und Hexereien als Werke der Teufel anzusehen, zu denen sie die Menschen theils durch Ueberredung verleiten, theils indem sie von ihnen Besitz nehmen. Obschon Mark. 1, 27 dieses Austreiben der bösen Geister „eine neue Lehre" unter den Juden nennt, so fetzt doch die ganze Erzählung voraus, baß damals im jüdischen. Volke Aberglaube genug verbreitet war, und in der That bestätigt sich dies selbst bei Josephus, und im Talmud heißt es sogar, daß die Verbreitung der Zauberei unter den Israeliten den Sturz ihres Reiches herbeigeführt habe (Sota 48, 1.). Wie sollte es auch anders sein? Je mehr die Juden aus ihrer palästinensischen Abgesondertheit herausgetreten, mit den Völkern in Berührung gekommen und unter ihnen zerstreut lebten, desto mehr nahmen sie auch von dem Geiste derselben an, und es konnte nicht ausbleiben, daß das Gift des Aberglaubens auch bei ihnen eindrang. Jahrhunderte der Dunkelheit folgten, und die jüdische Masse nahm ihren Theil von den allgemein verbreiteten Ansichten entgegen. Der Talmud enthält daher eine Masse abergläubischer Ansichten. Von Babylon und Persien hatte man die Lehre von den guten und bösen Geistern, von deren schützenden und schädlichen Einflüssen auf den Menschen, von Magie und Zauberei, von schädlichen und Heilmitteln aller Art, von Amuleten, Kameen und Talismanen mitgebracht, und alles dies kam auch im Talmud häufig zum Ausspruch, und nicht im ungläubigen Sinne.*) Je entschiedener und übereinstimmender alle Lehrer des Talmuds jede Uebung irgend einer Zauberei verurtheilten und mit Götzendienst als identisch betrachteten, desto weniger waren viele von ihnen vom Glauben an die Wirklichkeit der Zauberei entfernt. Wohl aber ist zu bemerken, daß Alles, was von Gei'stern, Gespenstern Magie u. s. w. im Talmud vorkommt, nur in den agadischen Theil gehört, und lediglich anekdotisch erzählt wird, durchaus aber in keiner Weise in die Halacha eindrang und auf sie influirte. Dies ist entscheidend. Denn so bekam all' das abergläubische Zeug niemals den Charakter eines Dogma oder einer kirch lichen Satzung im Judenthume. Auch als die Kabbala entstand, und außer ihrem mystischen Philosophem auch geheime Künste zu üben vorgab, blieb dies, auf der Stufe der Volksmeinung, mochten auch Rabbinen und Lehrer genug sich mit abergläubischem Sinne davor beugen. Wie also alles dies nur agadisch blieb, so wußte sich auch die Agada davor zu schützen, indem sie den Grundsatz aufstellte: daß in Israel überhaupt *) Eine Zusammenstellung versuchte Dr. Gideon Brecher : „Das Transcendentale, Magie und magische Heilarten im Talmud" (Wien, 1850.) 29*