Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1868)
- Date
- 1868-07-07
- Page
- Seite 569 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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einen Auszug aus dem Göttinger Reallexikon der Bibliothek über die Juden betreffende Literatur, im Falle dieser Artikel der Mühe werth ist abzuschreiben," Die Zeitschrift hatte aber um diese Zeit schon aufgehört zu erscheinen und der Verein selber lag in den letzten Zügen. Von Seiten der Regierung Friedrich Wilhelm III-, desselben Königs, der mit allen Mitteln die Union der beiden protestantischen Kirchen durchsetzte, wurde jedem Reformbestreben innerhalb des Judenthums polizeilicher Zwang entgegengestellt, und die Proselytenmacherei in negativer und positiver Weise mit aller Macht befördert. Jeder Proselyt erhielt sogar ein bedeutendes Taufgeschenk in Geld. Hand in Hand mit diesen äußerlichen Hemmniffen ging die innere Schlaffheit und Gleichgiltigkeit der sogenannten gebildeten, besonders der Berliner Juden. Die oberflächliche Aufklärung flößte ihnen, wie Strodtmann bemerkt, „einen Sinn der Indifferenz in religiösen Dingen ein, der ihnen den Uebertritt zur Staatskirche lediglich als eine Zweckmäßigkeitsfrage erscheinen ließ — so Abraham Mendelssohn, den das Andenken und Beispiel seines edlen Vaters nicht abhielt, sich mit seiner ganzen Familie taufen zu lassen, um seinem musikbegabten Sohne die Künstlerkarriere zu erleichtern. Von Meyerbeer ist wenigstens bekannt, daß er, als im Herbst 1820 in Leipzig während der dortigen Meßzeit ein jüdischer Gottesdienst nach dem Ritus des Hamburger Tempels eingerichtet ward, die bei der Eröffnungsfeier am 29. September vorgetragenen Gesänge komponirte, während Zunz, und nach ihm Wohlwill, das Amt des Predigers übernahmen. Aber dem wollte ja eben der Verein entgegentreten. So natürlich es erscheinen muß, daß ob dieses Fehlschlagens sich dieser jungen Geister eine große Enttäuschung bemächtigen mußte, so sehr überschritt doch die Erbitterung, die sich durch ihre Aeußerungen kundgab, alles Maß. Der Verfasser führt aus Briefen der Führer des Vereins Aeußerungen an über die Juden, die wir hier nicht wiedergeben mögen; wer danach begierig ist, mag sie in dem Buche Nachlesen. Wir hätten sie als Aeußerungen des Momentes mit Stillschweigen übergangen, wenn sic nicht eben Strodtmann an's Licht gezogen hätte. Sie sormuliren sich so zu einer schweren Aufgabe für unsere Glaubensgenossen, die wir deshalb um so mehr beleuchten und zurückweisen müssen, als kaum ein Jahrzehend später sich ganz andere Erscheinungen kundthaten. Um hierzu um so berechtigter zu sein, wollen wir hier gleich anerkennen, daß der Verein und die Zeitschrift durchaus nicht so wirkungslos waren, wie die Leiter im Schmerze ihrer Täuschungen sich einbildeten. Denn sie sind dennoch der erste Anstoß zu einer wissenschaftlichen Entwickelung und Bearbeitung geworden, welche an In- und Extensivität noch heute 'anwächst und zur Grundlage des jetzigen Judenthums geworden. Allerdings sind die Arbeiten jener Zeitschrift durchaus von keinem bleibenden Werthe gewesen; aber sie haben zur rechten Zeit den Weg und die Methode für die wissenschaftliche Bearbeitung des Judenthums gezeigt, Beispiel und Muster gegeben. Und dies war genug. Vereine bieten niemals mehr als solches dar. Dann muß der freie Geist sich dessen bemächtigen, und mündig geworden, seine Bahnen selbstständig verfolgen. Zunz wie Gans, Moser wie Wohlwill geben ihrem Zorne einen maßlosen Ausdruck und brandmarken die Juden, wie es echte Judenfeinde kaum mehr thun. Sie ließen zunächst, wie Heine auch, ihren Grimm über die Hamburger Tempelgemeinde, deren Beschränkung auf etwas Kultusreform, deren Einseitigkeit und Selbstüberschätzung aus, und verfolgen dieselbe mit dem bittersten Spott und Hohn. Es floß dies sicherlich aus dem Verdruß, daß diese sammt den Männern, die an ihr thätig waren, für den Verein und dessen höhere Zwecke garnichts thaten. Und sie waren nicht unberechtigt dazu. Aber sie vergaßen, daß, um auf die Masse zu wirken, man zunächst nach der volksthümlichen Seite hin arbeiten muß. Man ist ungerecht, von der Menge zu verlangen, daß sie sich für Etwas begeistere, was ihr noch nicht verständlich ist und nicht verständlich gemacht wird. Darum blieb die Hamburger Tempelgemeinde ebenso isolirt, wie der Berliner Verein, hatte aber dennoch nach der eigentlich religiösen Seite hin eine anknüpfende Wirkung, wie der Verein nach der wissenschaftlichen Seite. Denn, um es kurz zu sagen, dieser Verein mit den leitenden Männern, litt ebenso an einer Einseitigkeit wie jene, und dies ist der Schlüssel zu dem Fiasco, das er machte. Zunächst fehlte allen seinen Auslassungen und Erzeugnissen die Form. Bringen wir ein Zeugniß Heine's selbst heran. Er spöttelt in einem Briefe an Zunz mit Recht über die stylistische Unbeholfenheit der meisten Aufsätze. „Ich habe," schreibt er, „die Zeitschrift erhalten, und selbige bereits ausgeschnitten, durchblättert, und theilweise mit Aerger gelesen. Ich will gar nicht in Abrede stellen, daß die Sachen darin gut sind, aber ich muß freimüthig gestehen — und erführe es auch der Redakteur: — der größte Theil, ja drei Viertel, des dritten Heftes ist ungenießbar wegen der verwahrlosten Form. Ich will keine gothische Sprache, aber eine verständliche, und ich bin fest überzeugt: was ich nicht verstehe, versteht auch nicht David Levy, Israel Moses, Nathan Jtzig, ja vielleicht nicht einmal Auerbach II. Ich habe alle Sorten Deutsch studirt, Sächsischdeutsch, Schwäbischdeutsch, Fränkischdeutsch — aber unser Zeitschriftdeutsch macht mir die meisten Schwierigkeiten. Wüßte ich zufällig nicht, was Ludwig Markus und Doktor Gans wollen, so würde ich gar nichts von ihnen verstehen. Aber wer es in der Korruptheit des Styls am weitesten gebracht hat in Europa, das ist L. Bernhardt. Bendavio ist klar, aber was er schreibt, paßt weder für die Zeit, noch für die Zeitschrift. Das sind Aufsätze, die Anno 1786 im theologischen Journal paffend gewesen wären. Ich weiß sehr gut, daß ich Ihnen diese Klagen nicht Vorbringen soll, ohne anzugeben, wo bessere Aufsätze zu haben sind; ich weiß sehr gut, daß ich, der noch Nichts geliefert und noch Nichts zu liefern bereit hat,