Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1868)
- Date
- 1868-07-07
- Page
- Seite 568 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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geselligen Verhältnisse, allmälig jede dem Ganzen widerstrebende Eigenthümlichkeit bezwungen werden." Jndeß stellte sich bald heraus, daß der Verein hiermit für seine Thätigkeit zu weit gegriffen habe und er beschränkte sich auf das rein Wiffenschaftliche seines Gegenstandes und die sich unmittelbar daran knüpfenden praktischen Zwecke. Er stiftete zu diesem Ende ein „wiffenschastliches Institut", d. h. es wurden Sitzungen abgehalten, denen jedes Vereinsmitglied als Zuhörer beiwohnen konnte (und warum auch nicht Andere?), in den Sitzungen wurden Arbeiten vorgetragen und darüber in freier Diskussion verhandelt. Die genannten Stifter des Vereins gaben auch hier das Vorbild eines unermüdlichen Eifers und Fleißes. Gans erörterte in einem Cyklus von acht Borträgen die Gesetzgebung über Juden in Rom; außerdemlieferte er Abhandlungen über die Geschichte der Juden in England und über das mosaisch-talmudische Erbrecht, sowie einen Aufsatz über die am i. Januar 1822 durch kaiserlichen Ukas erfolgte Aufhebung der Kahals «Äudenältesten) in Polen, welche sich Jahrhunderte lang die schmählichste Unterdrückung ihrer ärmeren Glaubensgenossen erlaubt hatten. Der größere Theil dieser Abhandlungen wurde bald nachher in der Zeitschrift des Vereins abgedruckt, und zeigt, neben dem emsigsten Quellenstudium, schon dieselbe geistvoll philosophische Auffaffung rechtswiffenschaftlicher Fragen, durch welche sich Gans einige Jahre später einen so glänzenden Ruhm erwarb. Zunz führte in einer Reihe anziehender Vorträge jene Grundlinien einer künftigen Statistik der Juden aus, welche im dritten Hefte der Zeitschrift kurz angedeutet sind, legte eine Abhandlung über die liierae liquidae der hebräischen Sprache vor, und gab ein Beispiel scharfsinnigster Kritik in dem von ihm verfaßten, gleichfalls in der Zeitschrift abgedruckten Aufsatze über die spanischen Ortsnamen in hebräisch-jüdischen Schriften. Neben diesen gelehrten Facharbeiten brillirte Moser durch seine gemeinverständlichen, aber von einer großartig tiefen Weltanschauung getragenen Vorlesungen über das Princip der jüdischen Geschichte, über den Einfluß des Christenthums auf die Juden, und über die äußere Geschichte derselben in den occidentalischen Ländern. Während Ludwig Markus seine antiquarischen Forschungen über den Feldbau der Juden in Palästina zum Besten gab, und die Berechtigung der jüdischen Consirmationen aus dem Geiste des Judenthums nachwies, sprach der Jurist Julius Rubo über jüdische Gemeindeverfaffungen, und Immanuel Wolf (später Wohlwill) entwickelte als Programm für die Zeitschrift den Begriff einer Wiffenschaft des Judenthums, woran sich ein zweiter Vortrag über das Judenthum in der Gegenwart schloß. Von auswärts sandte Maimon Fränkel in Hamburg dem Institut einen Aufsatz über neuere jüdische Geschichte ein, und Dr. med. Kirschbaum überreichte eine in hebräischer Sprache geschriebene Abhandlung über „die Gebräuche der messianischen Zeit." Fügen wir noch hinzu, daß das wiffenschaftliche Institut 1821 auch eine deutsche Bibelübersetzung beabsichtigte, und dem Verein im folgenden Jahre einen Bericht über die Herausgabe der Werke MoseS Mendelssohn's erstattete, so haben wir die äußeren Unmffe der Thätigkeit jener Anstalt ziemlich deutlich skizzirt. Man mußte aber bald einsehen, daß solche Vorträge, in einem kleinen Kreise gehalten, eine weiter reichende Wirksamkeit zu haben nicht vermochten, und am Ende den wissenschaftlichen Geist nur bei denen förderten, die ihn bereits besaßen. Man beschloß daher eine „Zeitschrift für die Wiffenschaft des Judenthums" unter Redaktion von Zunz seit dem Frühjahr 1822 herauszugeben. In dieser Zeitschrift fanden die meisten der oben aufgeführten Borträge den Abdruck — aber z. B. gerade die „allgemein verständliche.," Moser's ließ man zurück. Dennoch war die Aufnahme des Vereins und der Zeitschrift eine sehr kühle, ja fast ablehnende seitens der jüdischen Kreise. Der Verein bestand nur vier Jahre, die Zeitschrift erschien nur in drei Heften und der Absatz deckte nicht einmal die Druckkosten. Neben diesen suchte der Verein auch eine Zeit lang auf die Jugend zu wirken, indem er eine Schule für junge Leute errichtete, welche aus den Provinzen und aus Polen nach Berlin kamen, um sich der Unwiffenheit und Unbildung zu entringen, und dazu keine Mittel besaßen; die Mitglieder des Vereins unterrichteten wöchentlich einige Stunden selbst. Man versuchte auch, ein Correspondenzarchiv mit auswärtigen Mitgliedern anzulegen. Aber die Geldmittel fehlten. Die Zahl der meist wenig bemittelten ordentlichen Mitglieder erhob sich im Jahre 1822 erst auf 50; Gaben und Geschenke von reichen Juden blieben gänzlich aus. — Heine wurde durch Gans dem Vereine zugeführt und am 4. August 1822 als ordentliches Mitglied ausgenommen. Er wohnte den Sitzungen regelmäßig bei, führte zum Theil die Protokolle, schlug die Stiftung eines Frauenvereins vor, gab einige Monate in jener Unterrichtsanstalt des Vereins wöchentlich drei Geschichtsstunden, und trug sich immer mit der Absicht, Beiträge für die Zeitung zu schreiben. Noch im Januar 1824, als er auf die Göttinger Universität zurückgekehrt war, beschäftigte ihn auf's lebhafteste der Wunsch, die Vereinszwecke zu fördern. „Vom Vereine schreibst Du mir Wenig," heißt es in einem Briefe an Moser unter jenem Datum. „Denkst Du etwa, daß die Sache unserer Brüder mir nicht mehx so am Herzen liege wie sonst? Du irrst Dich dann gewaltig. Wenn mich auch mein Kopfübel jetzt niederdrückt, so Hab' ich es doch nicht aufgegeben, zu wirken. „Verwelke meine Rechte, wenn ich deiner vergesse, Jerusalem!" sind ungefähr die Worte des Psalmisten, und es sind auch noch immer die meinigen. Ich wollte, ich könnte mich eine einzige Stunde mit Dir unterhalten über Das, was ich, meist durch die eigene Lage angeregt, über Israel gedacht, und Du würdest sehen, wie — die Eselszucht auf dem Steiuweg gedeiht, und wie Heine immer Heine sein wird und muß. Wenn es mir möglich ist, will ich gewiß einen guten Aufsatz für die Zeitschrift liefern. Wenigstens liefere ich bald