Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1868)
- Date
- 1868-07-07
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Ällocution des Papstes. Am 21. December v. I. wurde das österreichisch. SLaatsgrundgesetz promulgirt, durch welches die Gleichberechtigung ohne Berücksichtigung der Confession ausgesprochen wurde. Am 25. Mai d. I. erschienen die drei Gesetze über Ehe, Schule und interkonfessionelle Verhältnisse, welche eine logische Folge jenes waren. Am 22. Juni hielt der Papst in einem geheimen Constistorium eine desfallsige Allocution, in welcher er jenes Staatsgrniidgesetz ein wahrhaft unseliges nennt, da durch dasselbe eine unbedingte Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Lehre festgestellt und alle Religionsgenossenschaften einander gleichgestellt werden. Dann charakterisirt der Papst die drei Gesetze und hebt aus ihnen u. A. hervor, daß nach ihnen der Abfall von der katholischen wie von der christlichen Religion erlaubt wäre, die oberste Leitung des Unterrichts und des Erziehungswesens dem Staate zustehe, jede Religionsgenossenschaft ohne Unterschied eigene Schulen für die Kinder ihres Glaubensbekenntnisses errichten könne u. s. w. Er bezeichnediese Gesetze als abscheulich (abominabiles), welche die Gewalt des apostolischen Stuhles, „ja das Naturrecht <!!!) selbst aufs Höchste verletzen"; er verdammt diese Gesetze, er erklärt sie für durchaus nichtig und immerdar ungiltig, und bedroht „Alle, die besagte Gesetze vorzuschlagen, zu beschließen, zu approbiren (also auch den Kaiser) und auszuführen sich unterfingen" mit allen geistlichen Strafen. Es ist nicht unsere Sache, den großen Kampf von mehr als 12 Jahrhunderten — denn schon unter dem Nachfolger Constantins begann er — hier zu besprechen; zu untersuchen, mit welchem Rechte der römische Bischof eine Autorität über die staatlichen Gesetze auszuüben beansprucht; die Art zu charakterisiren, mit welcher er die von allen Instanzen der staatlichen Gesetzgebung sanktionirten Gesetze nicht blos für abscheulich, es sich nicht um die Entscheidung der Schlacht, sondern um die Verfolgung und völlige Niederlage des Feindes handelte. Was will aber auch Herr B. mit den weiteren Ausdrücken und *mb ys «bi lV. 13.) anfangen? Jndeß die Hauptsache ist, daß Herr B. das ganze Faktum als eine Sonnenfin sterniß verstehen will, welche Josua vorhergesehen und vor der er dem Volke die Furcht nehmen wollte. Es bedarf in der That diese Hypothese keiner weiteren Ueberlegung. sondern auch für ungiltig erklärt, sich also zum höchsten Richter über Parlamente und Kaiser einsetzt. Der Staat selbst hat dies mit dem römischen Stuhle abzumachen. Wir unsererseits haben nur die Pflicht, die Stellung immer wieder zu bezeichnen, welche die Autoritäten der katholischen Kirche Dem gegenüber einnehmen, was für uns zur Lebenslust, zur Lebensbedingung geworden. Wenn der Wille der römischen Kirche durchginge, so würden wir Juden morgen wieder aller staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte beraubt, unter den alten Judenschutz gestellt, in die Ghettis verbannt werden, mit einem Worte, wir würden allesammt das Joch auf uns nehmen müssen, unter welchem die jüdischen Bewohner des Kirchenstaates noch heute schmachten, und das sie den Augenblick herbeisehnen läßt, wo die weltliche Herrschaft des Papstes aufhören werde. Damit wäre selbstverständlich die Sache auch für uns noch nicht erschöpft. Diese Allocution ist .für einen konkreten Fall nichts Anderes als der bekannte Syllabus Pius IX für das Allgemeine. Nach den Aussprüchen desselben müßte die ganze europäische Bildung und Cultur in das Mittelalter zurückgeschraubt, die Philosophie und Naturwissenschaften wieder unter die Scholastik, diese Magd der Theologie, gebracht, die gesellschaftlichen Zustände völlig wieder feudal gestaltet, die Schulen und Lehrstühle den Jesuiten und Mönchen zurückgegeben werden, und die Inquisition mit allen ihren Folgen würde ihr Richtschwert wieder über die Welt ausstrecken. Daß dies nicht möglich, wissen auch wir aber von geringer Bedeutung ist diese Opposition der Kirche doch auch heute noch nicht. Auch eine schwache Partei, wenn sie mit ganzer Entschiedenheit, mit nichtsscheuender Offenheit und Thatkraft auftritt, hat wenigstens die Chancen für sich, viele Geister zu verwirren und zu überraschen, und dadurch die Welt aufzuhalten; ist sie dabei klug und wohlbedient, so kann sie jede Veränderung, die eintritt, jede Complication, jede schwache Seite, die sich im Lauf der Zeit ergiebt, benutzen, um bald diesen, bald jenen Theil ihres Systems wieder, wenn auch nur zeitweise zur Herrschaft zu bringen. Aus diesem Gesichtspunkte ist der Kampf noch lange nicht zu Ende und wird noch mannigfache Schwankungen hervorbringen. Aber Eines wollen wir noch hervorheben. Als Haman die Juden im medo-persischen Reiche vernichten wollte, sagte er seinem Herrn, daß die Juden ein Volk seien, welches die Staatsgesetze verabscheue und übertrete, die Autorität der Obrigkeiten nicht anerkenne und nach seinen eigenen staatsfeindlichen Satzungen-leben