Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1868)
- Date
- 1868-06-30
- Page
- Seite 549 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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549 Aus jeder Nische blickte mir entgegen Dasselbe Bild, das ich hier wiedersehe. Doch überall sah schmerzensbleich und traurig Des Mannes Antlitz, den dies Bildniß darstellt. Hier schlug man ihn mit harten Geißelhieben, Dort sank er nieder unter Kreuzeslast, Hier spie man ihm verachtungsvoll in's Antlitz, Dort krönte man mit Dornen seine Schläfe, Hier schlug man ihn ans Kreuz, mit scharfem Speer Durchstieß man seine Seite — Blut, Blut, Blut Entquoll jedwedem Bild. Ich schaute gar Ein traurig Weib, die hielt auf ihrem Schoß Des Martermannes abgezehrten Leichnam, Ganz gelb und nackt, von schwarzem Blut umronnen — Da hört' ich eine gellend scharfe Stimme: „Dies ist sein Blut," und wie ich hinsah, schaut' ich (schaudernd) Den Mann, der eben einen Becher austrank. Aber traumhaft süß weiß ihn Zuleima-Clara in das Christenthum als in ein „Haus der Liebe" hineinzusingen, das ernster und besser als die heitere Pracht der alten Heidentempel und als die Werkeltagsbequemlichkeit der dumpfen Betstube des Moslems sei. Almansor bezieht diese Liebe aus seine eigene, und von diesem Sirenenlied gefangen, will er schon, seinen alten Glauben verschwörend, sich ganz dieser Religion der Liebe hingeben. — Da tönen in der Ferne Glockengeläute und Kirchengesang, und auf Almansor's erschreckte Frage erklärt ihm Zuleima: Hörst Du, Almansor, was die Glocken murmeln? Sie murmeln dumpf: „Zuleima wird vermählt heut Mit einem Mann, der nicht Almansor heißt." Die Religion der Liebe verwandelt sich plötzlich in eine Religion der natürlichsten Entsagung, Zuleima hält sich gebunden durch ihr vor dem Priester abgelegtes Versprechen, den ungeliebten Don Enrique zu heirathen und Almansor's Geist bricht zusammen unter der Qual einer so grausamen Enttäuschung, — Wahnsinn umnachtet sein Hirn. Hassan fordert Almansor auf, Zuleima am Hochzeitstage zu rauben. Nach blutigem Kampfe trägt Almansor die Geliebte von dannen, die sich beim Erwachen in den Himmel versetzt glaubt und sich nicht genug wundern kann, auch Almansor dort zu finden, der nach dem Ausspruch ihres Beichtvaters zur ewigen Hölle verdammt sei. Aber schon tönt das Waffengeklirr der Verfolger und Almansor stürzt sich mit seiner süßen Last vom Felsen hinab. Aly der Christ aber, welcher erst eben von dem im Kampfe verwundeten, sterbenden Hassan erfahren hat, daß sein Sohn noch lebe, schließt, indem er all' seine Hoffnungen jählings zerschmettert sieht, mit der furchtbaren Anklage gegen das Christenthum: Jetzt, Jesu Christ, bedarf ich deines Wortes, Und deines Gnadentrosts und deines Beispiels. Der Allmacht Willen kann ich nicht begreifen, Doch Ahnung sagt mir: ausgereutet wird Die Lilie und die Myrte auf dem Weg, Worüber Gottes goldner Siegeswagen Hinrollen soll in stolzer Majestät. Dies war freilich etwas Anderes als der schwächliche Paria Michael Beer's. Es war ein herausfordernder Angriff auf das Christenthum. Dieser Angriff gewann eine erhöhte Bedeutung durch die zwar verdeckte, aber doch leicht erkennbare Bezugnahme auf modernste Verhältnisse. Durch das ganze Stück zieht sich eine geheime Satyre gegen die unter der Regierung Friedrich Wilhelm's IH. immer häufiger werdenden Fälle des Uebertrittes vermögender Judenfamilien zum Christenthume. Das Verlobungsfest im Schlosse des getauften Mauren erinnert deutlich genug an das Gastmahl irgend eines getauften Banquiers der Gegenwart, der sich in seiner neuen gesellschaftlichen Stellung zu befestigen glaubt, indem er einen geldarmen Avanturier aus hochadaligem Geschlechte zu seinem Eidam erwählt. Die polemische Absicht tritt noch schärfer dadurch hervor, daß dieser Repräsentant der Aristrokratie ein dem Zuchthaus entsprungener Dummkopf ist, der durch seine Spießgesellen wie eine Marionette gelenkt wird. Eben so drastisch wirkt der Umstand, daß Alh's gleichfalls getaufte Dienerschaft im Eifer des Gesprächs noch oftmals die Namen der christlichen Heiligen mit dem Namen Allah's oder Muhammed's verwechselt, und beim Barte des Propheten statt bei der heiligen Elisabeth oder St. Jago von Compostella schwört. Am eindringlichsten aber klingt die ernste Mahnung des alten Hassan: —-- — — Pest-Oertern gleich Flieh jenes Haus, wo neuer Glaube keimt! Dort zieht man dir mit süßen Zangentönen Aus tiefer Brust hervor das alte Herz, Und legt dir eine Schlang' dafür hinein. Dort gießt man dir Bleitropfen, hell und heiß, Aufs arme Haupt, daß nimmermehr dein Hirn Gesunden kann vom wilden Wahnsinnschmerz. Dorten vertauscht man dir den alten Namen, Und giebt dir einen neu'n, damit dein Engel, Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, Vergeblich rufe. — Wir haben uns bis auf Weniges der Worte Strodtmanns bedient, und fügen nur hinzu, daß uns diese ganze, hier geschilderte Richtung, den Boden giebt, auf welchem Heine in seiner nächsten Lebenszeit zu beurtheilen ist. Er hegt keine Vorliebe für den Inhalt des Judenthums, den er wenig kennt; in ihm aberlebt ein sich aufbäumender Widerwille gegen die Unterdrückung seiner Stammesgenossen und eine heftige Antipathie gegen die Lehren des Christenthums. Fügen wir daher nur noch eine sehr bezeichnende Anekdote aus Strodtmann hinzu. Der Direktor des Nationaltheaters in Braunschweig Klingemann hatte trotz dieser polemischen Tendenz und trotz des undramatischen Charakters der ganzen Tragödie dew Muth, eine Aufführung des Stückes zu unternehmen. Die Besetzung aller Stellen war in vorzüglichen Händen und der Erfolg des Stückes bis gegen den Schluß hin ein keineswegs ungünstiger: die poesievollsten Stellen wurden von dem gebildeten Theile des Publikums sogar lebhaft applaudirt. Ein wunderlicher Zufall führte jedoch in der letzten Scene eine tnmultuarische