Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1868)
- Date
- 1868-06-30
- Page
- Seite 550 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Störung herbei. Während der Vorhang über der Schluß- Verhandlung aufrollte, und Almansor sich mit der ohnmächtigen, auf seinem Schoße ruhenden Zuleima auf einem Felsen niederließ, trat ein roher Geselle, ein Stallmeister H., in^s Parterre, machte spöttische Bemerkungen über die Situation, und erkundigte sich, wer der Verfasser des Stückes sei. „Der Jude Heine," flüsterte man ihm zu. In der irrigen Meinung, ein am Orte lebender Geldwechsler dieses Namens habe die Tragödie geschrieben, rief er entrüstet aus: „Was? den Unsinn des albernen Juden sollen wir anhören? Das wollen wir nicht länger dulden! Laßt uns das Stück auspochen!" Und damit begann er zu trampeln und zu pfeifen, der große Haufen stimmte ein, und jeder Versuch der Gebildeten, die Ruhe herzustellen, wurde durch den rohen Lärm übertäubt. Herr Schütz machte Durch raschen Entschluß der unwürdigen Scene ein Ende, indem er sich mit Zuleima noch vor Beendigung des letzten Zwiegesprächs vom Felsen herabstürzte und das Zeichen zum Niederlaffen des Vorhangs gab. Man kann sich denken, wie tief Heine durch diesen Ausgang sich gekrankt fühlte, l Fortsetzung folgt.) „Esther." Unter diesem Titel hat im Pult des ehrwürdigen Dichtergreises Franz Grillparzer viele Jahre lang ein Manuscript aufbewahrt gelegen, enthaltend ein zweiaktiges Drama, welches —wenn auch noch nicht durch den Druck, so doch — durch seine Ausführung am Wiener Hofburgtheater endlich an die Oeffentlichkeit getreten. — Wie die Heldin des Stücks keine andere als die biblische Esther ist, so geht die Handlung natürlich nirgends anders als am Hofe von Susa vor. Hier existiren und agiren, — wie ja fast an allen andern morgenländischen und abendländischen Höfen der alten und der neuen Zeit — verschiedene Parteien, deren Schritte und Handlungen von ganz verschiedenen, oft einander ganz entgegengesetzten Interessen und Motiven geleitet werden.—Wenn aber diese Differenz inThat und bewegenden Gedanken schon bei gewöhnlichen, d. h. bei stillen und ruhigen Zeiten entschieden genug sich geltend macht, um wie viel mehr muß Solches erst der Fall sein, wenn etwas Außerordentliches geschehen, wenn ein Ereigniß von ganz besonderer Wichtigkeit sich zugetragen? — Und gerade ein derartiges war's, das eben in der Susa-Burg stattgefunden und von dessen ersten Eindrücken noch alle Diejenigen mächtig beherrscht waren, welche alldort den Hof und seinen nächsten Abglanz bildeten. — Die Königin hatte durch ihren Eigensinn den König gereizt und dieser — in der Aufwallung seines Zornes — jene verstoßen.— Mit der verwirrenden Auflegung nun, welche durch dieses Factum unter den Hofparteien hervvrgerufen worden, läßt der Dichter das Drama beginnen, indem er uns ohne Weiteres in diese unruhige Situation geradezu mitten hineinführt. — Da aber die (Medo-Perser, die wir hier vor uns haben, sich sicherlich — wie die Orientalen überhaupt bei Allem, was hinter ihnen liegt — mit dem Gedanken trösten und beruhigen: „Was einmal vorüber, das ist abgethan!" — so kann's natürlich nicht so wohl das Geschehene an sich sein, was an Ahasver's Hofe die Köpfe der Parteiführer so sehr erhitzt und in Verwirrung bringt, als vielmehr die Frage, „was nun zu thun?" und wie das, wozu man dem schwachen Könige riethe, am besten dem eigenenJnteresse dienstbarzu machen wäre? — Unbeweibt — sagt Jeder sich — kann der König durchaus nicht bleiben; eine neue Königin muß unter allen Umständen gewählt werden. Aber wie ist diese Wahl zu lenken, daß man durch sie an nutzentragendcm Einflüsse ans Staatsoberhaupt und Staatsmaschine nicht nur Nichts verlieren, sondern wo möglich, noch recht viel gewinnen könnte? — Vor allen Andern aber ist es Haman, der kluge Diplomat, den dieser Gedanke unablässig beschäftigt, der über einen Plan sinnt, denkt und grübelt, so 8 lange und so ausdauernd, bis er ihn endlich gefunden. Seine Maxime ist, so zu rathen resp.so zu handeln,"daß er, falls die Sache mißlänge, als Staatsminister Nichts zu „verantworten" hätte,—wenn sie aber gelänge, für sich selber den besten Nutzen daraus zöge.—Und was ist's nun, das der - Dichter den weisen und gewiegten Staatsmann rathen, was er ihn veranstalten läßt? Nichts Anderes als das, was uns . im Bibeltext selber—Buch Esther, Cap. 2,2 u. ff.—berichtet “ wird. Die Schönsten des Reichs sammeln sich in der Susa- Burg, werden von Hege ausgenommen, nach Belieben aus- < gestattet und (einzeln) vor den König gelassen. Dieser jedoch c ist von der „Revue," die er die Jungfrauen passiren läßt, ' so wenig entzückt, daß er eine nach der andern wieder fortschickt und nunmehr im Begriff steht, auch die „allerletzte" zu verabschieden. Es ist dies die Jüdin Esther, welche der Dichter als „von Natur klug" und als „durch den langen Verkehr mit Mardochai fast weise geworden" uns vorführt, während er uns in Mardochai selber den hochbegabten „spekulativen Philosophen" erkennen und bewundern läßt. — Als aber der König die Jüdin wegschicken will, gewahrt er zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß sie selber nichts Anderes und Befferes wünscht, als eben „weggeschickt zu werden." Dies reizt den König, und—die Jüdin bleibt. Die Weisheit, die sie von ihrem Erzieher in sich ausgenommen, lehrt sie weise genug sein, in ihrer jetzigen Situation eben nicht als „weise," sondern höchstens nur als „klug und verständig" sich zu zeigen. Das aber ist es gerade, woraus der Dichter den „Sieg" für Esther hervorgehen läßt. Der Preis dieses Sieges ist—eine Königskrone. Die Jüdin erwirbt sie, und damit endigt dieHandlung.—Heinrich Laube, der auch dies Drama recensirt, läßt Esther „Logik ein gesogen haben ohne Absicht," läßt sie vor dem Könige „verständig, aber ohne Altklngheit" erscheinen und findet— da sie „gut und liebenswürdig" und dem König dieselben Vorzüge eigen — es ganz natürlich, daß die Beiden in einander sich finden und von einander nicht mehr lassen. Frankfurt a. O. L. Weyl. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck'von I, B.s Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Di-. H. Lvtze.