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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-30 · Heft 27 (30.6.1868) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 27 (30.6.1868)
Date
1868-06-30
Page
Seite 533 (sequence 3)
Language
German
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drei internationalen Streitfragen durchaus vertagt werden müssen. Ich würde indeß meine Aufgabe nur theilweise gelöst zu haben glauben, wenn ich nicht auch auf die inneren Zustände einen Blick würfe, die seit acht Jahrzehenden so oft das Signal zu großen und langen Kämpfen gegeben. Wir können sie in der Durchführung des constitutionellen Systems und in der sg. socialen Frage aufsuchen. Niemand kann sagen, daß außer England irgend ein europäischer Staat seine Verfassung bereits dermaßen consolidirt hat, daß er auf ihrem Grunde einer ruhigen Fortentwickelung entgegensehen darf. Vielmehr sind sie fast alle noch einer mehr oder weniger starken Bewegung ausgesetzt. Aber man kann doch mit einer gewissen Sicherheit annehmen, daß gegenwärtig der revolutionäre Geist sich sehr abgeschwächt hat, und folglich die Gefahr einergewaltigen Erschütterung fern liegt. Am nächsten könnte diese noch in Frankreich vorausgesetzt werden. Daß hier Gährungsstoffe vorhanden, kann man nicht leugnen, und die französische Nation hätte Ursache dazu. Aber was man auch sagen möge, in der großen Mehrheit neigt das französische Volk dem Cäsarismus zu. Dies beweisen — welches auch die Motive und Einflüsse seien — die Erfolge des allgemeinen Stimmreckts außerhalb der großen Städje; so wie der immense Widerstand, welchen die allgemeine Wehrpflicht und der Unterrichtszwang finden, wenig von wahrer Demokratie zeugt. Andererseits hat Paris seine entscheidende Obherrschaft über Frankreich verloren. Durch die breiten Straßen und den dadurch gewonnenen Spielraum für das Geschütz ist es nicht mehr von dem Willen der Bevölkerung, sondern von dem des Militairs abhängig, eine Revolution zu machen, und auch dies ist cäsarisch. — Im norddeutschen Bunde ist es durch die Bildung der national-liberalen und freiconservativen Parteien der Regierung stets möglich, einen Compromiß zu machen, und sie wird darin durch das Bestehen eines reaktionären Herrenhauses nicht behindert. — In Oesterreich ist in dessen beiden Läudergruppen gegenwärtig das constitutionelle System in der Oberhand, und da dieses sich nachdrücklich auch der Finanzen annimmt und für deren Wiederherstellung die schärfsten Einschnitte nicht scheut, so braucht man für die nächste Zeit einen Umschwung nicht zu fürchten. Da bleibt also nur noch jene sg. sociale Frage, übrig, b. h. das Verhältniß der sg. arbeitenden Klassen, das Verhältniß zwischen Kapital und Arbeit, Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Diese und ihren gegenwärtigen Standpunkt zu beurtheilen, ist aber nur möglich, wenn man sie aus dem allgemeinsten, geschichtlichen Standpunkt erfaßt. Diese Frage ist so alt, wie das Heraustreten der Menschheit aus dem Naturzustände. Das Schwert des ersten Eroberers und der erste Schritt zur industriellen Entwickelung brachte sie hervor. Denn der Träger der Arbeit wurde dadurch zum Sklaven gemacht, und die Arbeit als die Thätigkeit der untersten Kaste gebrandmarkt. Bon da ab, von der Cultur der Inder und Egypter aus, war das doppelte Ziel zu erstreben, den Arbeiter ssrei und die Arbeit geehrt zu machen. Wir brauchen hier nicht zum öftersten Male nachzuweisen, daß die mosaische Gesetzgebung die einzige war, welche den Arbeiter frei und die Arbeit geehrt wissen wollte. Durch das. Alterthum war der größte Theil der Arbeit in den Händen der Sklaven und der untersten Menschenklasse. Das Christenthum ließ es bestehen, und prägte der Arbeit in seiner idealen Extravaganz noch den Character der Irreligiosität auf, da es dem Menschen auferlegte sich in dieser Hinsicht den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes gleich zu verhalten. Das Mittelalter machte die Arbeit zur Sache der Leibeigenen. Aber gegen sein Ende begann wenigstens das Handwerk und die Kaufmannschaft sich in den Städten Freiheit und Ansehen zu erringen, wenn es dieselben auch nach innen mit mannigfaltigen Fesseln umschlang. Die neuere Zeit brach diese Fesseln, aber die Verhältnisse schmiedeten andere, welche den freigewordenen Arbeiter zum willenlosen Werkzeuge des Arbeitgebers machten. Dies ist es, was die neueste Zeit mit Glück bekämpft hat. Sie machte dem Drucksystem ein Ende, sie hob die Coalitionsverbote auf, sie stiftete Kranken- und Alters-Kassen, sie gab den genossenschaftlichen Vereinen freien Spielraum. Strebt sie auf diesem Wege weiter, so hat sie das Ziel erreicht, den Arbeiter frei und die Arbeit geehrt zu machen. Auf diesem Punkte wäre die sociale Frage gelöst. Aber ein Anderes ist noch das Verhältniß zwischen Kapital und Arbeit, oder damit wir es klar sagen, der Antheil am Erwerbe, der der Arbeit znzufallen hat. Daß hierin die Gesetzgebung nichts thun kann, daß alle communistischen und socialistischen Theorien nichts als verderbliche Phantastereien sind, braucht kaum noch gesagt zu werden. Alle Schwankungen und Erhöhungen der Arbeitslöhne ändern hieran nichts, da sie am Ende darauf hinauslaufen, diese Arbeitslöhne der Steigerung der Preise aller Lebensbedürfnisse gemäß zu erhöhen. Das entscheidende Moment liegt hier stets in 27*

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