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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-23 · Heft 26 (23.6.1868) · p. Seite 529

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 26 (23.6.1868)
Date
1868-06-23
Page
Seite 529 (sequence 19)
Language
German
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cher der religiösen Erziehung und Bildung sicherlich kernen Vorschub leistete. So findet sich denn auch keine einzige Spur von einem wirklichen Religionsunterrichte, und später zeigte sich in dieser Familie eine solche Gleichgültigkeit für den Religionswechsel, als ob es sich nur um den Umtausch eines Kleides handelte und es nur darauf ankomme, den möglichst besten Vortheil aus diesem Umtausch zu ziehen. Harry erwies sich in diesem Punkte noch als der scrupulöseste unter seinen Verwandten. Der Knabe Harry erfuhr so von dem Inhalte des Judenihmnes nichts, und als dieser ihm, wohl später, wenn auch immer nur im Lichte jener Zeit, aufging, war er bereits über alle religiöse Anschauung hinweg. Dennoch blieb er während seines ganzen Lebens in einer inneren Position zum Judenthume, welche sich nach den beiden Extremen äußert, die in seiner Natur überhaupt vorhanden waren. Wer tiefer blickt, erkennt in Heine eine in immerwährendem Streite mit sich selbst befindliche Natur, gewissermaßen zwei Wesen, die sich bekämpfen, und da sie sich nie auszugleichen vermochten, sich für den Augenblick zu irgend einer epigrammatischen Pointe vertrugen. Die beißende Ironie, die bittere Satyre, in welcher sich Heine stets ergeht, ist nichts weiter als ein Ausfluß und wiederum ein Zeugniß dieses beständigen inneren Kampfes zweier sich widerstreitenden Geistesrichtungen. Vielleicht, wäre ihm ein gesünderes Mannes¬ und ein höheres Lebensalter beschieden gewesen, hätte sich Heine durchringen und zu einer harmonischen, zu einer einheitlichen Lebensauffassung läutern können. Darum die vielen Jnconsequenzen, die zahlreichen Widersprüche, die sich in den Auslassungen Heines überall vorfinden, und an welchen er selbst gar keinen Anstand nahm. So auch in seinem Verhalten zum Judenthume. Strodtmann führt hier gleich zwei solche entgegengesetzte Aeußerungen Heiners an. Seine jüdische Abstammung war für Heine ein unversiegbarer Quell bald des Hasses, bald der Liebe, bald der Verachtung, bald der Bewunderung. Das eine Mal sind ihm die Juden „ein Urübelvolk, das aus Aegypten, dem Baterlande der Krokodile und des Priesterthums, kam und außer den Hautkrankheiten und dem gestohlenen Gold- und Silbergeschirre auch eine sogenannte positive Religion mitbrachte, eine sogenannte Kirche, ein Gerüste von Dogmen, an die man glauben, und heiligen Ceremonien, die man feiern mußte, ein Borbild der späteren Staatsreligionen" ~~ und wie die bitteren, ja gotteslästerlichen Verwünschungen weiter lauten. Aber ganz anders lautet es, wenn er die deutsche Nation dadurch zu ehren gedenkt, daß er sie mit dem jüdischen Volke vergleicht, eine innige Wahlverwandtschaft zwischen „diesen beiden Völkern der Sittlichkeit" findet, Judäa als die Wiege des modernen kosmopolitischen Prinzips der Freiheit und Gleichheit betrachtet, und in diesem Sinne behauptet, daß heut zu Tage „nicht bloß Deutschland die Physiognomie Palästina's trage, sondern auch das übrige Europa sich zu den Juden erhebe." Mit den Jahren steigerte sich die Vorliebe Heiners für das Religrons- und Kulturleben seiner Stammgenossen und die Bewunderung für den unbeugsamen Sinn, den sie sich, trotz achtzehn Jahrhunderten des Elends und der Verfolgung, bis auf den heutigen Tag bewahrt. „Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt," sagt er in den „Geständnissen," „und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prineipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Uebrigens dürfen wir, wenn sich Heine in späteren Jahren so und noch wärmer für das Judenthum ausspricht, nicht vergessen, daß allerdings seit der Jugend Heiners sich Juden und Judenthum in so, ganz anderer Weise entwickelten und in so glänzendem Lichte sich bethätigten, daß dies auf die Veränderung seiner Ansichten bedeutend influiren mußte. (Fortsetzung folgt.) Gedichte eines polnischen Juden. Unter dem Titel „Improvisationen"' erschien von Robert Jljisch, einem polnischen Juden, im Jahre 1858 ein Band Gedichte, welche die Presse unverdienter Weise unbeachtet gelassen hat; vielleicht waren diese einer Gräfin von Czapsky zugeeigneten Poesien, weil im Selbstverläge des Verfassers erschienen, nur einem engern Freundeskreise zugänglich. Wenn wir jetzt nach Verfluß von zehn Jahren die Aufmerksamkeit auf diesen polnischen Musensohn und seine deutschen Produkte zu lenken suchen, so geschieht es hauptsächlich, um sie dem Dunkel zu entziehen, dem sie bis jetzt verfallen sind. Wer war, wer ist Robert Jljisch? Weilt er noch unter den Lebenden, oder hat ihm sein trauriges Geschick einen frühzeitigen Tod bereitet? Aus seinen Gedichten erfahren wir, daß „ . . . sein Leben arm an Glück und Liebe, sein Horizont gefüllt in Grau, nicht freundlich ist, was schon vergangen, unfreundlich gar die Gegenwart, und in die Ferne blickt mit Bangen er dem entgegen, was sein harrt.. Früh verlor er seine Eltern, seine Geschwister, er war eine Waise und sah seine Zukunft „ganz in Schmerz gehüllt;" er hielt den ganzen Zweck seines jungen Lebens verfehlt. Von der Heimath fern, ein Pilger im fremden Lande, führte er unter fortwährendem Kampf mit Elend und Roth ein unstätes Leben: bald hielt er sich in Riga, bald in Petersburg, Moskau, Warschau auf, bald treffen wir ihn in Cherson, bald wieder in Odessa, Czasniki, oder in Bialystok, Kreuzburg, am Ostseestrande. In

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