Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1868)
- Date
- 1868-06-23
- Page
- Seite 528 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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lung der Feigheit und Niedertracht. Alle seine Bewunderung für Heine's Genie läßt ihn für diese Handlung keine Entschuldigung finden, und er thut dies um so weniger, als Heine selbst sehr unumwunden sich darüber ausspricht. Dabei war es kein einzeln gethaner Schritt, und derselbe Akt auch einiger anderer Juden kam dabei zur Sprache. Es ist dies Aufforderung genug für uns, die Darstellung Strodtmann's hier ausführlich zu besprechen. Hierzu kommt -noch ein anderer Umstand. Was wir sonst wohl an einem Biographen nicht gerade als einen Vorzug bezeichnen möchten, nämlich daß er auf jeden mit seinem Helden in Berührung stehenden Gegenstand in solcher Breite eingehe, wie es an diesem Orte nicht nothwendig gewesen und wodurch das Bild des Biographirten oft zu lange uns aus den Augen gerückt wird, das kommt uns in der vorliegenden Schrift einige Male sehr zugute. Der Verfasser giebt z. B. ausführlich die ganze Geschichte der Universitäten, auf welchen Heine studirt hat, Bonn, Göttingen und Berlin. Das geht uns hier nichts an. Heine war aber auch Mitglied des „Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden," der um 1820 in Berlin unter der Präsidentschaft von Gans und unter hauptsächlicher Mitwirkung von Zunz bestand. Allerdings blieb er nur Beifall klatschender oder nichtsvergnügter Theilnehmer. Dies veranlaßt nun den Verfasser, die Geschichte dieses Vereins ausführlich zu behandeln und hierfür aus allen vorhandenen Quellen zu schöpfen. Es ist dies ein Gewinn für uns, und auch wir werden darum näher darauf eingehen. Heine war (wie es am wahrscheinlichsten ist> am 13. Decembcr 1799 zu Düsseldorf geboren. Sein Vater war Kaufmann, anfangs wohl ziemlich glücklich in seinem Handel, später mußte er liquidiren. Ein Bruder seines Vaters war der bekannte reiche Banquier Salomon Heine in Hamburg. Sein Vater war nach den Schilderungen der Kinder selbst ein beschränkter Kopf, die Mutter besaß eine gewisse Zeitbildnng, Rousseau und Goethe waren ihre Lieblingsschriftsteller. Sein Vorname war einem Londoner Geschäftsfreunde des Vaters zu Ehren Harry. Diesen Namen vertauschte er erst später bei seinem Uebertritt zum Christenthum mit dem Namen Heinrich; doch ist es charakteristisch, daß er auf den Titelblättern seiner sämmtlichen Schriften stets nur den Anfangsbuchstaben seines Vornamens drucken ließ, und sich noch in späteren Jahren sehr verstimmt zeigte, als sein Verleger einmal seinen vollen Vornamen auf eines seiner Bücher gesetzt hatte. — Äm elterlichen Hause ward Harry zu einer strengen Erfüllung der jüdischen Religionsvorschriften angehalten. Wie sie Harry aber schon als Knabe auffaßte und nach seinem augenblicklichen Gelüste beschränkte oder erweiterte, das lehrt uns eine höchst charakteristische Anekdote, welche der Jugendfreund Harry's, der noch lebende Joseph Neunzig berichtet. Dieselbe eröffnet uns einen Einblick in die Gesinnungsweise schon des Knaben, die in dessen späterem Leben aufzufinden nicht schwer ist. Die beiden Knaben standen an einem Sonnabend auf der Straße, als plötzlich ein Haus zu brennen begann. Die Spritzen rasselten herbei und die müßigen Gaffer wurden aufgefordert, sich in die Reihe der Löschmannschaften zu stellen, um die Brandeimer weiter zu reichen. Als an Harry die gleiche Aufforderung erging, sagte er bestimmt: „Ich darf's nicht, und ich thu's nicht, denn wir haben heut Schabbes!" — Schlau genug wußte jedoch der acht- bis neunjährige Knabe ein anderes Mal das Gebot zu umgehen. An einem schönen Herbsttage — es war wieder ein Samstag — spielte er mit einigen Schulkameraden vor dem Prag'schen Hause, an dessen rebenumranktem Spalier zwei saftige reife Weintrauben fast bis zur Erde herabhingen. Die Kinder bemerkten diese und warfen ihnen lüsterne Blicke zu, aber der Vorschrift gedenkend, nach welcher man an jüdischen Feiertagen nichts von Bäumen abpflücken darf, wandten sie bald der verführerischen Aussicht den Rücken und setzten ihr Spiel fort. Harry allein blieb vor den Träubchen stehen, beäugelte sie nachdenklich aus geringer Entfernung, sprang dann plötzlich dicht an das Spalier heran, biß die Weinbeeren eine nach der anderen ab und verzehrte sie. „Rother Harry!" — diesen Spitznamen hatten ihm seine Kameraden wegen der röthlichen Farbe seines Haares ertheilt, die später mehr ins Bräunliche überging — „Rother Harry!" riefen die Kinder entsetzt, als sie sein Beginnen gewahrten, „was hast du gethan!" — „Nichts Böses," lachte der junge Schelm, „mit der Hand abreißen darf ich nichts, aber mit dem Munde abzubeißen und zu essen hat das Gesetz nicht verwehrt." Daß es also, wenigstens in der Jugendzeit Harry's in dessen elterlichem Hause streng nach den orthodoxen Vorschriften zuging, erhellt hieraus zur Genüge. Wie war es aber mit dem inneren religiösen Fond daselbst beschaffen? Auch hierfür liegt uns ein charakteristischer Zug vor. Heine besuchte das katholische Lyceum in Düsseldorf, dessen meiste Lehrer katholische Geistliche waren, und das unter der Leitung des Rectors Schallmeyer stand , ebenfalls eines katholischen Geistlichen, welcher in freisinnigster Weise Vorträge über die Philosophie hielt, während er am andern Tage im Ornate als Priester vor dem Altäre fungirte. Dieser Schallmeyer war ein Freund des Hauses schon von dem Großvater Heine's her. Heine erzählt: „Der alte Herr besprach sich deshalb sehr oft mit meiner Mutter über meine Erziehung und künftige Laufbahn, und in solcher Unterredung ertheilte er ihr einst den Rath, mich dem Dienste der Kirche zu widmen und nach Rom zu schicken, um in einem dortigen Seminar katholische Theologie zu studiren; durch die einflußreichen Freunde, die der Rector Schallmeyer unter den Prälaten des höchsten Ranges besaß, versicherte er im Stande zu sein, mich zu einem bedeutenden Kirchenamte zu fördern." Der Antrag wurde selbstverständlich abgelehnt; aber, fügen wir hinzu, schon daß er der Mutter in allem Ernste gemacht werden konnte, deutet auf einen Geist in der Familie hin, wel-