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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-23 · Heft 26 (23.6.1868) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 26 (23.6.1868)
Date
1868-06-23
Page
Seite 530 (sequence 20)
Language
German
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Czasniki verlor er seinen Freund und Leidensgefährten: dem Hofrath und Ritter Stephan von Przeboroffsky, der, einer polnischen Adelsfamilie entsprossen, einer der besten Schüler Joseph Franks war, in Folge niederer Jntriguen verkannt und verläumdet wurde, drückte Jljisch die Augen zu. Daß schwere Prüfungen und Mängel aller Art den Dichter heimgesucht haben, sprechen solgende ergreifende Berse deutlich aus: Wo seid ihr, Träume meiner frohen Kindheit, Der frohen Jugend Glück beseelter Wahn, Ihr schönen Tage meiner sel'gen Blindheit, Es ist um Euch, wie jetzt um mich gethan. Denn einsam bin ich — ferne von den Meinen, In fremdem Land, wo Niemand mich begreift, Ich kann nur einsam klagen — schmerzlich weinen, Mein Sinn hin in die weite Ferne schweift. Es füllt die Brust ein tiefes banges Sehnen, Das Herze pocht — die Sinne sind bewegt — Es fließen brennend meine bittren Thränen, Kein Herz mir liebend in die Fremde schlägt. Robert Jljisch gehört nicht zu denjenigen Dichtern, welche, wie dies leider so häufig der Fall ist, es verschmähen, auch nur durch eine Zeile zu verrathen, daß sie Jude sind, und sich für Alles, nur nicht für das Zudenthum begeistern — in Mitten vieler bitteren Lebenserfahrungen hat er ein warmes Herz und tiefes Berständniß für das Judenthum und seine Stammesgenoffen sich bewahrt: er klagt und weint mit ihnen, fühlt sich beglückt in ihrer Erhebung und begrüßt mit sichtlicher Freude dir Morgenröthe einer freien Entwicklung; er ist — und gerade das flößt uns ein besonderes Interesse für ihn ein und veranlaßt uns, seinen Dichtungen hier zu gedenken — ganz und gar ein Jude. Ich bin ein Jude. Ich bin ein Jude! Will's bekennen! Auf diesen Namen stolz ich bin. Entschwunden ist das einst'ge Dunkel, Das Vorurtheil — es ist dahin. Nicht mehr als Parias betrachtet. Entfernt sind Glaubenshaß und Spott, Nahm uns die Menschheit auf als Brüder: Wir glauben Alle an Einen Gott.*) Dieselben Gefühle sprechen sich in einem andern Gedichte aus, das die Ueberschrift trägt: lvir sinein Uotk. Wir sind ein Volk, wenn auch durch eine Welt Das Schicksal uns zerstreut; Es giebt ein Band, das uns zusammenhält, Das sich stets stärket und erneut; Die über weite Meere wohnen Im fernen Land; *) Improvisationen 384. In dm entferntesten Zonen, Es flicht zu einem Volke sie das Band, Das Niemand uns vermögend ist zu rauben: Des wahren Gottes felsenfester Glauben. Wir können keine Muttersprache nennen, Wir haben auch kein Vaterland; Doch einen Gott wir Alle nur bekenne«, Drum flechtet fest des wahren Glaubens Band; Ob uns auch Meere — auch Gebirge trennen, Wir reichen brüderlich uns stets die Hand. Verwaistes Volk, wir auf zum Himmel schauen, Dort thronet Er, auf den wir kühn vertrauen.*; „Der Jude des 19. Jahrhunderts" ist die Ueberschrift eines großen Gedichtes, das wohl zu den besten der ganzen Sammlung gehört, denen sich noch andere, wie „An mein Volk," „Du warst bis jetzt im Finstern," „Trockne Dir die heiße Thräne," „Erlösung," „Was ist des Juden Vaterland?" sämmtlich im August und September 1857 in Cherson geschrieben, ebenbürtig anreihen, und wollen wir es nicht versagen, zum Schluffe das Gedicht „Hoffnung" noch hierher zu setzen. Hoffnung. Jüngling, der aus Israel entstammt, Fühlst Du nicht die Sinne Dir entflammt, Fühlst Du nicht Dein Herze höher wallen, Wenn die Worte Dir ins Ohr laut schallen: „Frei sind wir, die einst wir waren Knechte, Wiedererlanget wir haben die Rechte." Es räumet den Platz uns die Menschheit wieder ein, Wir erwachen zu neuem, zu blühendem Sein, Der Geist, der in Fesseln gar dumpf hat gebangt, Hat wieder die göttliche Freiheit erlangt. Entsteiget hochjauchzend der modernden Gruft, Worin ihn Verfolgung geborgen, Verkündet mit weithin ertönendem Klang Der Freiheit schön strahlenden Morgen. Es bricht heran das gold'ne Sonnenlicht, Durch seine dunkeln schwarzen Wolkenschleier; Doch es bestrahlt die alte Menschheit nicht :— Der Wiedergeburt es erhöhet die Feier. Entwichen das grausige Dunkel der Nacht — Aus langem bethörenden Wahn ist erwacht Die Menschheit, von dem sie ergriffen, Als sinneberaubet sie schliefen. Vergessen ist Glaubenshaß — scheelsüchtiger Spott, Vernarbt gar schnell ist die Wunde, Wir glauben doch Alle an nur Einen Gott! Ertönet aus der Menschheit Munde. Und die göttliche Sonne, sie lächelt so mild — Des Vaters Auge strahlend freundlich glänzet — Mit goldenem Lichte die Welt sie umhüllt, Die versöhnte Menschheit goldig umkränzend. 0r. Kg. *) 229. Verlag von Baumgärtners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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