Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1868)
- Date
- 1868-06-23
- Page
- Seite 521 (sequence 11)
- Language
- German
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521 Hie Versammlung sah Mit freudiger Rührung den Zeitpunkt immer näher heranrücken, der der Caffe gestatten würde, ihre Auszahlungen zu beginnen und Thränen des Mangels und des Kummers zu trocknen, und eine wahre Begeisterung gab sich unter den Conferenzmitgliedern kund, die sich in Opferwilligkeit überboten und zahlreiche Vorschläge beibrachten, wie der Casse immer mehr aufzuhelfen sei. Die ausgetauschten Ansichten werden ihre Wirkung nicht verfehlen und wird die persönliche Thätigkeii jedes Einzelnen, die der Vorsitzende wiederholt forderte und die von Allen willig zugesagt wurde, sicherlich schöne Früchte bringen. College Oppenheim (Marburg), desien Referat auf der Tagesordnung stand, war nicht erschienen, und, obwohl die Versammlung im Allgemeinen es als Regel angesehen wissen wollte, daß über ein Referat nur dann debattirt werden solle, wenn der Referent in Person erschienen sei und dasselbe vertreten könne: so war man in diesem Falle doch der Ansicht, daß des objectiven Inhalts wegen eine Ausnahme gemacht werden könne. Ueberdies hatte der Referent den College« Wolfsdorf (Erwitte) mit seiner Vertretung beauftragt. Die Frage betraf den systematischen Religionsunterricht, resp. den Gebrauch eines Religionsbuchs. Oppenheim stellt die Behauptung auf, daßdasGebetbuch den systematischen Religionsunterricht ersetzen könne und müsse, nicht nur, weil alle Glaubens- und Sittenlehren sich an die vorhandenen Gebetstücke anknüpfen und aus denselben ableiten lassen; sondern auch, weil die ribsn dem Israeliten ein heiliges Buch sei und bleibe, während das Religionsbuch später bei Seite gelegt werde. — Die Versammlung konnte sich diesem Standpunkte nicht anschließen und sprach, nach eingehender und sehr lebendiger Debatte ihre Ansicht einstimmig dahin aus, „daß die nbcn zwar ein zweckmäßiges, ja nothwendiges Ergänzungsmittel für den systematischen Religionsunterricht, keineswegs aber geeignet sei, diesen systematischen Religionsunterricht zu ersetzen; daß vielmehr der letztere ein unentbehrlicher Theil des Unterrichts in der jüdischen Schule fet." Von der Special-Conferenz in Lübbecke war der Hauptconferenz der Antrag unterbreitet, zu erklären, daß es wünschenswerth sei, das jüdisch-deutsche Lesen, sowie das jüdisch-deutsche Schreiben in der jüd. Elementarschule zu unterrichten. Die Versammlung erklärte sich mit dWr Ansicht einverstanden und veranlaßte den anwesenden Bearbeiter der Haester-Hecht'schen Lesebücher, Blumenfeld (Essen), bei einer neuen Auflage des Lesebuchs für Mittelclassen demselben einen Anhang von jüd. deutschen Lesestücken beizugeben, was dieser zusagte. In Betreff der beantragten Regelung der jüd. deutschen Orthographie wurde der Lübbecker Conferenz anhcimgegeben, der nächsten General-Versammlung darüber Vorlage zu machen.*) Den größten Theil des zweiten Vormittags nahm das Referat Levingers „über dasMaß unddieBehandlung des Religionsunterrichts bei solchen Schülern, dienichtden Gesammtunterricht in der jüd. Schule erhalten" — ein. Die Debatte war eine äußerst erregte; denn über das zu fordernde Maß gingen die Ansichten sehr weit auseinander. Während nämlich der Referent die bibl. Geschichte und jüdische Geschichte in der nachbiblischen Zeit, positiven Religionsunterricht, etwas aus der hebr. Sprache mit Uebersetzen des Pentateuch, der wichtigsten Gebete und einiger Psalmen, sowie *) Den Beschluß der Lehrerkonferenz in allen Ehren, so können wir doch nicht umhin, uns entschieden gegen diesen Beschluß zu erklären. Es versteht sich von selbst, daß, wo eine Gemeinde in überwiegender Mehrheit den Unterricht in dieser jüdisch-deutschen Schrift noch verlangt, die Schule ihn geben müsse. Dies ist aber etwas ganz Anderes, als daß der Unterricht im Lesen und Schreiben dieser Schrift für den Lehrplan als wünschenswerth erklärt werde. Es ist vielmehr wünschenswerth, daß die jüdische Schule von diesem völlig unnütz gewordenen Unterrichte befreit werde. Höchstens schreibt jetzt ein Mal ein Kind einen Neujahrswunsch an seine Großmutter in dieser Schrift und wenige Zeit, nachdem die Schule verlassen worden, wird sie ganz vergessen. Für den Unterricht im Hebräischen ist die Quadratschrift am angemessensten. Nun klagt der Bericht in seinem weiteren Verlaufe über den Mangel an Zeit für den Unterricht in Religion und im Hebräischen, und daß diesem Mangel allein die Mittelmäßigkeit der Erfolge zuzuschreiben sei — und man will der Schule einen Unterrichtsgegenstand aufbürden, der wöchentlich eine oder zwei Stunden in jeder Klasse beansprucht, weder für das religiöse, noch für das bürgerliche Leben irgend einen Nutzen hat, in einer Schriftweise, die noch heute der ersten Grundlage, der Orthographie, entbehrt. Es kann sein, daß dieser oder jener Jude später nach einer Gegend komme, wo diese Schrift noch sehr gebräuchlich ist. Der mag sie für sich erlernen. Aber eine Schule behellige man erst dann damit, wenn die Gemeinde es durchaus verlangt. Sonst kann die Zeit der Schule und die Mühe des Lehrers wie der Schüler, diese kostbare Zeit und Mühe, besser verwendet werden! Redaktion. 26*